1801_Engel_012_11.txt

kein Wörtchen mit ihm gesprochen. Er lief mir da mit einem gesicht vorbei, mit einem gesicht! – Huy, dachte' ich, was kümmern mich deine Gesichter? Lauf immer! – Aus meinem guten Humor bringt mich kein Mensch. Denn Sie wissen wohl: ich bin ganz Ihre Tochter.

Bist du? sagte der Alte, und lachte mit innigem Wohlbehagen.

Immer munter, immer fröhlich und guter Dinge. Wer's nicht mit mir ist, mag seine Launen für sich behalten. Oder wenn ich mich ja mit ihm abgebe, so geschieht es nur, um ihn auszulachen. Da, der Herrindem sie mit dem Finger auf den Doctor wieshat die Erfahrung.

Närrisches Weib! sagte dieser. Hab' ich denn Launen?

O, du hast! hast! du bist Mann. – Aber doch wirklich, mein lieber Vater; nahe geht's mir, dass ich den Bruder immer so unlustig sehe. Ich wollte von ganzem Herzen, er wäre glücklich. – Ich meiner Seits, wenn ich dazu helfen könnteich täte Alles.

Doch? Tätest du Alles? – Jaja! – Er war aufgestanden, und packte die Beutel zusammen.

Wollen Sie denn fort, lieber Vater?

Ich bin fertig. –

Aber Sie könnten doch noch immer ein wenig bleiben.

Wozu? – Er gab ihr einen scharfen, bedeutenden Seitenblick, und drohte ihr mit dem Finger. – Weib! Weib! du hast mit deinem Mann gesprochen, hast mit deiner Mutter gesprochen, hast mit deinem Bruder gesprochen.

Sie meinen: heute? hier im haus? – Nein wahrlich! Mit Mann und mit Bruder kein Wort.

Also doch mit der Mutter!

Nun? Wäre denn das nicht recht?

Gar sehr. – Aber da kömmst du nun mit eben der Bitte, wie sie; nur anders eingekleidet, versteht sich. Was sie tragisch gesagt hat, das willst du komisch sagen. – – Geh! geh! Mit denen da ward ich fertig; aber mit dir – –

Da getraun Sie Sich nicht?

Aus Ursache. – Denn sieh! wenn du bittest, da bitten gleich alle deine Kinderchen mit; und das mögte mir denn zu viel werden. – Geh!

O, nunnun kommen Sie mir gewiss nicht von dannen. Oder wenn Sie gehen, lauf ich nach. – Gutes, liebes, bestes Väterchen – –

Schmeichlerinn!

Schmeichlerinn? – Das bin ich nur dann, wenn Sie Sich nicht erbitten lassen.

Nun, was willst du? Nimm Alles! – Er hielt ihr beide Geldbeutel hin.

Nicht doch! geben sollen Sie nichts. Keinen heller.

Aber eine Torheit begehn, für die ich hinterdrein, um sie nicht begangen zu haben, das Zwiefache, Dreifache gäbe.

Torheit, sagen Sie? Lieber Gott! – Als ob's Torheit wäre, einmal recht gütig, recht liebreich zu sein! – Sie sind das gegen mich; sind's so sehr: sein Sie es um meinetwillen auch gegen den Bruder! – Um meinetwillen! Denn Sie helfen mir da von der unangenehmsten Empfindung, die ich nur kenne. – Er beneidet michich habe das mehrmalen bemerkt; – er hat allerhand kleinen Argwohn, dass ich Ihrer wohltätigen Zärtlichkeit missbrauche: und fastwenn man bloss nach dem Scheine gehthat er Ursache dazu. Denn sagt er nicht eben so gut Vater, als ich, und geniesst doch so viel weniger Liebe?

Er von der Mutter, und du vom Vater. So ist's in der Ordnung.

Nein, ich bitte; bitte, so sehr ich kann: Machen Sie, dass er bleibt! dass er nicht fortgeht!

Kann ich ihn halten?

Mit einem einzigen guten Worte.

Hm! – Das, meinst du, soll der Vater dem kind geben!

Gut heisst freundlich, nicht bittend. – Wahrlich, er hat Gefühl, er ist dankbar. Er wartet nur auf die erste Eröffnung des väterlichen Herzens, und Sie haben den besten Sohn von der Welt. – Wenn er nun glauben müsste, dass ich seine Entfernung zu seinem Schaden nutzte? dass ich Ihnen für mich und meine Kleinen abschmeichelte, worauf wir zwar Alle kein Recht haben, was aber doch ihm eben so gut zukommen würde, als mir? – Sie wissen, dass das nicht ist, und dass ich dazu ganz unfähig bin; aber er würde' es doch glauben: er würde' es ganz sicher glauben; und meine Empfindung dabei – – Sie hatte Tränen im Auge.

Diese Beweise von Zartgefühl, Schwesterliebe, und Uneigennützigkeit, deren Wahrheit ausser Verdacht war, freuten den Alten innigst, und er sah sie mit grosser Zärtlichkeit an. Er glaubte, nicht bloss sein Fleisch und sein Blut, sondern auch sein Herz und seine Seele in ihr zu finden.

liebes, gutes, bestes Väterchen, fuhr sie fort, und nahm Alles zusammen, was sie im Tone Süsses und in der Miene Liebkosendes hattealle meine Kinderchen bitten mit. Könnten Sie's abschlagen?

Je nun, sagte der Alte, und fuhr sich mit den Fingern ein paar mal über die grauen, etwas nass gewordenen Augenwimperdran werde' ich schon müssen. Ich will mit ihm reden. Gewiss? gewiss? Ja doch! – So freundlich, wie noch jemal in meinem Leben. Und bald? So bald sich's tun lässt