das Gebäude ihrer ganzen Weisheit zu zertrümmern.
Es mag der feinste sinnliche Genuss, das bezauberndste Spiel der Gefühle sein, allein es ist nichtsdestoweniger das gefährlichste und gewagteste, denn wer es verliert, hat sich selbst verloren. Molly weiss auf die geschmackvollste Weise die äussersten letzten Fäden der Sinnlichkeit durch affektierte Menschlichkeit in die Grenzen einer edlen, empfindungsvollen Sittlichkeit hinüberzuweben, so dass ihr Betragen zwar ihren Geist, ihren Geschmack, und durch augenblickliche, liebenswürdige Geistesgegenwart ihre Erfahrung, aber nichts weniger als ihr Herz, ihre Tugend vor der Verdammnis der Moralität retten kann.
Danke Gott, mein Lieber, dass du so glücklich aus den Schlingen dieser liebenswürdigen Verderberin entkommen bist; aber entgehe zugleich dem Gefühle der Eitelkeit dieses Entgehens. Du selbst warst nicht stark genug, sie hat dich in den Plan ihres Siegs zurückgestossen, und in der Beendigung der geschichte mit dem Morgenbesuche und dem Kusse sehe ich wohl, dass du ihren Waffen nur ein Spiel, kein Kampf warst. Die geschichte am Morgen scheint mir das, was den Mozart ausgezeichnet hätte, der aus Laune, oder auf Bitte eines mächtgen Geschmacklosen, ein elendes Lied auf seiner Violine hinzauberte. Es war in Rücksicht auf den moralischen Wert der ganzen Sache das Selbstgefühl eines Bierfiedlers, der, hat er in seinem Gassenhauer die Beine seines Pöbels genug zum Tanzen gezwungen, an das Ende des letzten Takts noch einen Ohrenzwang gratis anhängt. In jedem gefälligen Landschaftsgemälde ist Ferne, und die abgestufte Verkleinerung und Verundeutlichung reizender natur im letzten Grade, in eine Morgenröte überschwebend, gibt uns in gleich nahen Gegenständen das Täuschende der Perspektive. Hier hat der Künstler den Raum behandelt; Molly, die Künstlerin, endigte ihre Szene durch eine versprechende Anspielung in die Zukunft, sie behandelte die Zeit.
Ich halte sie für bewunderungswert in ihrer Art. Es ist der feinste Egoismus, den Sieg, der wegen der Schwachheit des Gefesselten ohne Lorbeer war, seinem Selbstgefühle durch die Kraft und Zierlichkeit, mit der man das Schlachtfeld verlässt, zur Schmeichelei zu erschaffen.
Über dein zweites Abenteuer zu urteilen, habe ich keinen Beruf erhalten, und überhaupt liebe ich nicht, dir, lieber Freund, Lehren zu geben, denn du willst durch die Zeit und ihren Inhalt geheilet sein.
Dein Vater ist seit deiner Abreise trauriger und sonderbarer als je geworden. Er will nicht wissen, was du mir schreibst; "denn", sagt er, "es ist unedel, wenn ein Mensch durch die Benutzung zufälliger Rechte im mindesten die Heiligkeit der Herzensergiessung zweier Freunde stört. Ist ihm wohl, liebt er mich?" fragt er nur ängstlich, und als er mir diese fragen bei deinem letzten Briefe tat, ging er weinend in seine stube zurück, noch eher als ich ihm antwortete. Es ist mir unbegreiflich, Karl, dass er dich so unnütze Reisen tun lässt, da er dich so liebt, und deiner fröhlichen Laune so sehr bedarf. Ich stellte ihm dieses neulich abends vor, da er sehr heiter war, und mir sagte: "In diesem Augenblicke, Römer, könnten Sie mich fragen, was Sie wollten; ich würde nichts übel nehmen." Er ward sehr betroffen und sprach: "Sie hätten diese Saite dennoch nicht berühren sollen, Römer; doch Sie sind unschuldig, ich halte Wort, es liegt ein Geheimnis über Karls Kindheit, das mich töten würde, wenn ich ihn noch lange um mich gesehen hätte." Dann entfernte er sich und schloss sich ein. Ich werde nie mehr hiervon mit ihm sprechen, aber dir musste ich es sagen, damit du deinen guten Vater nie falsch beurteilen mögest.
An dem Abende, lieber Freund, an dem unvergesslichen Abende, der uns zum erstenmal trennte, und uns dennoch durch den erneuerten Bund unserer Freundschaft um vieles näher brachte, habe ich dir versprochen, aufrichtig und redlich an dir zu handeln; ich beschwöre dich, Karl, werde ein Mann, der unveränderlich nach Recht und Billigkeit handelt, denn mir ahndet, du wirst unglücklich genug werden, ein schweres Urteil über Menschen fällen zu müssen, denen du unendlich viel, denen du alles verdankst. Die Geschäfte deines Vaters werden mich bald nötigen, eine Reise machen zu müssen. Ich habe diesen Augenblick so lange als möglich verschoben, denn es ist mir ein ängstlicher Gedanke, ihn sich ganz selbst überlassen zu müssen; zwar kann ich seinen geheimen Kummer nicht heben, allein ich kann ihn doch zerstreuen.
Vielleicht komme ich nach B., vielleicht höre ich bei Molly ein Kollegium ihrer praktischen Kriegskunst, das du hoffentlich wie diesen langweiligen Brief in der Hoffnung eines baldigen Vergessens absolviert hast. Lebe wohl, in F. werde ich die Messe zubringen. Adressiere deine Briefe an die Herren Gebrüder Buttlar, bei denen ich wohl absteigen werde.
Joduno von Eichenwehen an Otilie Senne
Meine Otilie, ich schicke dir hier eine alte Flasche Wein für deinen lieben Vater, dessen Geburtstag heute ist. Gieb ihm alle meine guten Wünsche und die Versicherung meiner achtung mit der deinen hin, und suche, wenn du kannst, ihm einen recht fröhlichen Tag zu verschaffen. Es ist recht schön, dass ich dir zugleich schreiben kann, obschon ich lieber etwas anders tun möchte. Ich möchte lieber mit dem jungen mann sprechen von dem ich dir schreiben will.
Du würdest die eine Lügnerin nennen, die dir sagte, fräulein Joduno von Eichenwehen sitzt, seit drei Tagen, alle Morgen um fünf Uhr mit einem schönen mann unter der grossen Eiche, streicht seit drei