1801_Bretano_008_89.txt

, sie quoll wie ein ungeheurer Strom aus der Erde, und zerstreuete ihre grünen Flammen in den Himmel.

Haber fragte, in welchem Silbenmasse er beten sollte, in Stanzen oder Sonetten?

Godwi lächelte, und ich sagte: "überlassen Sie mir das Gebet, mein Hunger wird mich ein kräftiges lehren, und wenn es mein Eifer nicht ungereimt macht, so soll es doch sicher reimlos sein." Dann sprach ich:

Unter des lebenden

Grünenden Tempels

Flüsternde Hallen

Komme ich irrend.

Wie sich die Eiche

Himmelwärts türmet,

Wie in dem Gipfel

Ruhet des mächtigen

Jupiters Fuss.

Und in dem Herzen

Fühl ich die Nähe

Heiliger Wesen,

Die durch die Zweige

Zu dem Olympos

Wandeln empor.

Führt mich, ihr friedlichen

Geister des Haines,

Die mich umschweben

Lachend und rufend,

Führt mich zurück.

Irrende, flüchtige,

Tönende Geister,

Die ihr mit schäkernden

Lispelnden Worten

Irr mich geführt.

Hier wo in mondlichen

Nächten ihr rauschet

Und um die wohnsame

herrliche Eiche

Tanzend euch schwingt;

Wo ich im Taue

Freudigen Grases

Von euren flüchtigen

goldenen Sohlen

Ehre die Spur, –

Hört mich ihr freundlichen,

Die ihr verlorene

Götter gepfleget,

Die ihr die fliehende

Daphne umarmt.

Frohe, geheime,

Lindernde Geister,

Die in des Waldes

Rührigen Schauer

Weben den Trost.

Mächtige, lebende,

Stärkende Geister,

Die in der Stämme

Alter und Jugend

Bilden die Kraft.

Wenn ich je frevlend

Eure geheiligten

Stämme verletzet,

O! so verdorre

Welkend die Hand.

Nimmer auch höhnt ich

Echo die Jungfrau,

Die mit euch wohnet,

Teilt ihr vertraulich

Liebe und Schmerz.

Führet mich heimwärts!

Bin nur ein Wandrer,

Bin kein Unsterblicher,

Der mit ambrosischen

Bissen sich nährt.

Wisset, mich hungert,

Führet mich heimwärts,

Dass ich dem Freunde

Von der Dryaden

Hülfreicher Güte

Bringe die Mär.

Während meinem Gebete hörten wir verwirrte Stimmen jenseits der Eiche.

"Der betet, glaube ich," sagte eine stimme, "wer mag das wohl sein?"

"Ein Narr" – erwiderte die andere.

"Gott gebe, dass er ihn erhört", sagte die erste stimme.

"Dass wer ihn erhört?" fragte die zweite.

"Ei nun, Gott" –

"Das ist ja dumm, Gott soll geben, dass Gott ihn erhört; es wäre wohl besser, Gott erhörte ihn, damit er ihm gleich was gebe."

"Flametta, Flametta, du spaltest die Worte wieder." –

"Das Spalten macht mir vielen Spass, wenn ich deinen Verstand dazwischenklemmen kann, und sollte ich es allein tun, um dich empfinden zu lassen, wie es den Tieren zu Mute ist, die du lieber in Fallen fängst, als sie, wie ich, rechtlich totzuschiessen. Glaubst du mich auch so zu fangen? Das lasse dir nur vergehen."

Sechstes Kapitel

Hier ging plötzlich eine Tür auf, die in der grossen Eiche versteckt war. Godwi hatte mit uns gescherzt. Es war diese Eiche der Eingang eines Parkes, der an die hintere Seite des Jägerhauses angrenzte und Habern noch nicht bekannt war.

"Mich bekömmst du nimmer so", sagte das Mädchen Flametta, das hinter der Eiche stand und lief davon, als sie uns durch die tür eintretend bemerkte.

Ein Jägerbursche, der uns nicht so früh gesehen hatte, rief: "Freilich, du bist schneller als ein Reh, und wenn du läufst, kriege ich dich nimmer" – nun bemerkte er uns und lief auch davon.

Godwi rief ihnen beiden nach, aber sie hörten nicht. "Es ist eigen," sagte er, "wie man nimmer den geringeren Ständen die Scheue nehmen kann; es liegt ihnen mehr Genuss in der Freiheit, davonlaufen zu können, als in der, sich nähern zu dürfen. In jedem Menschen liegt eine ewige Rache gegen die Bestimmung seiner Geburt, und aus dieser Rache lässt sich mehr Kraft und Vollkommenheit erweisen als aus jeder Art der Toleranz."

Haber meinte, es sei Mangel an Bildung der Menschen.

Ich meinte, es sei Mangel an Bildung der Stände, die zu sehr durch blosse menschliche Bedürfnisse und zu wenig durch ihre inneren Standesbedürfnisse verbunden seien, so dass die Stände die Menschen trennten und die Bedürfnisse allein sie vereinigten.

Der Park, in dem wir waren, war nichts anders als der kräftigste teil des Waldes, ein kleiner Eichenhain. Alle Stämme waren voll gesunden Lebens, wie eine Versammlung der Bürger einer grossen Republik standen sie da, alle voll Selbstgefühls und eignen Sinnes, doch nur eine Absicht.

Godwi sagte zu Haber: "Sehen Sie, diese sind Freunde, wie man es sein soll."

Ich fragte ihn, wie diese brave, wackere Gesellschaft zusammengekommen sei.

"Es sind lauter Antiken," erwiderte er, "bis auf einige neue, die mein Vater gepflanzt hat, und dann noch eine junge Zucht von Flametten."

Wir waren wenige Schritte gegangen, als durch die grüne Nacht eine glänzende weisse Fassade hervorbrach.

"Wundern Sie sich nicht," sagte Godwi zu Haber, "dies ist der hintere teil des Jägerhauses, von einem Italiäner für meinen Vater angelegt, der in der letzten Zeit viel bauete."

Wir traten durch den geräumigen, luftigen Eingang, an dem keine Tür war, und links in einen runden gewölbten Saal. Der tür des Saales gegenüber sprudelte ein Wasserfall über einen Haufen moosigter Steine nieder. Das Fenster, wodurch man ihn sah, gab dem saal allein Licht,