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also der Godwi, von dem ich so viel geschrieben habees ist eine eigne Aufklärung, wenn so plötzlich die Wirklichkeit vor das Ideal tritt.

Ich hatte mir ihn ganz anders vorgestellt.

Ich fürchtete mich etwas vor ihm, denn es gehört eine grosse Seelenruhe dazu, einen Autor vor sich zu sehen, der einen so unscheniert herausgiebt, und die Menschen noch im Wahne lässt, als habe er alles das erfunden. Gut, dass er nichts davon zu wissen schien, und da mein Buch erst einige Wochen in der Welt war, hoffte ich, der Dichter Haber werde auch nichts davon wissen, ich wendete mich daher mit der Frage an ihn

"Sind Sie schon lange hier?"

"sechs Wochen sind es," erwiderte er, "dass ich Herrn Godwi hier im wald fand, und auf eben die Weise mit ihm bekannt ward wie Sie. Ich arbeitete grade auf meiner Reise an einem allegorischen Gedichte, und machte, um dem Dinge mehr Leben zu geben, einen Spaziergang hierher, wo ich ihn jagend traf, mit ihm ging, und bis jetzt bei ihm blieb."

Ich bat ihn, mir Godwi etwas zu schildern.

"Es ist ein ganz eigenes Wesen um diesen Mann," fuhr er fort, "Sie werden schwerlich mit ihm auskommen, denn er ist sehr einfach, ruhig und verschlossen; innerlich muss er einen grossen Kummer haben, und ich fühle mich sehr von ihm angezogen. Er ist ein schöner, kräftiger Mann, voll Seele, ganz zur süssesten Freundschaft gemacht. Über seine ganze Erscheinung ist ein tiefer Strom von reiner Wollust ergossen, und dennoch hat er gar keinen Sinn für innige, dringende, brennende Freundschaft. Er lebt hier in einer ganz eignen Einsamkeit, und fühlt gar kein Bedürfnis des Umschlingens mit andern Menschen; ich werde daher nicht lange mehr hiersein, denn in einem so trocknen lieblosen Leben halte ich es nicht mehr lange aus."

"Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen," fuhr ich fort, "werde ich mich besser zu Herrn Godwi schicken als Sie; denn wenn er keinen Sinn für die verliebte Freundschaft hat, so ist mir das recht lieb, ich mag sie auch nicht recht leiden. Der Liebe bin ich gern so nahe als möglich, denn in ihr liegt notwendigkeit, man muss sich in ihr wechselsweise recht innig beistehen, sonst kommt nimmer nichts heraus, der eine oder der andere teil wird krank, vor Hunger und Durst nach dem andern, und es gibt eine elende erbärmliche Ziererei, der die Sentimentalität zu einer lindernden Salbe werden muss.

Das nüchterne Lieben ist nur ein Cursus, in dem sich das Wesen der beiden vor beider Augen entwikkelt, damit sie sich erkennen und einsehen, ob sie sich einander zutrauen können, das körperliche und geistige Dasein ihrer selbst freudig auseinander zu entwikkeln, zu verwickeln und einem Dritten, ihrem kind, zu vertrauen, damit ein lebendiges Produkt, des blossen Liebens und Lebens, des reinsten, süssesten Geheimnisses unschuldige Verkündigung, hervorgehe, mit denselben Rechten als sie.

So wird jedes Paares Liebe unendlich, ein Werk der Ewigkeit, und ein Heiligtum aller Erkenntnis. Die allgemeine Liebesziererei ist übrigens das Geschäft eines Complimenteurs, wie es Philander von Sittewald übersetzt: eines compli menteur, eines vollkommnen Lügners.

Die verliebte Freundschaft aber ist nichts anders als entweder erbärmliche, süssliche Schwäche, völlige Unmännlichkeit des einen Teils, oder Täuschung. Ich bin versichert, dass der Freund, der mir lange in den Armen liegt, entweder ohnmächtig, sterbenskrank, verwundet und dergleichen ist, oder mich gar nicht meint, sondern irgend ein hübsches Mädchen, oder eine heimliche, unerreichliche Geliebte, in deren Armen er gern so rechtlich, so ungestört und frei liegen möchte.

Wenn ich es daher ja dulde, dass mein Freund so etwas tue, so tue ich es aus Mitleid, ich lass ihn an sein Mädchen denken, und denke wo möglich auch an irgend eine.

Das Wesen der eigentlichen Freundschaft wird hierdurch gestört, denn es besteht nicht in Auswechslung, in Vermischung und Durchdringung, es besteht in blosser Geselligkeit."

Hier unterbrach mich Haber, – "blosse Geselligkeit ist nach meinen Gefühlen noch lange keine Freundschaft, ich kenne sehr gesellige Menschen, die keiner eigentlichen warmen Freundschaft, die so recht aus der Seele kommt, fähig sind, die den Drang, sich an Freundesbrust zu schliessen, Herz an Herz, auge an auge, Lippe an Lippe, Pulsschlag, blick, Hauch und Wort zu teilen, nicht in sich haben", – "oder gar eine Art von Handschuh über den ganzen frierenden guten Freund werden mögen", fuhr ich lächelnd fort; "ich zum Beispiel kann schon keines Menschen Freund werden, der mit seinem Herzen, seinen Augen, seinem Hauche nicht für sich allein fertig werden kann; seine Worte, auf die mache ich Anspruch, aber am meisten auf seinen Geist, und seine Wahrheit. –

Freundschaft ist allein durch die verschiedenen Stufen der Bildung entstanden, die in einem ewigen Krieg miteinander stehen, und ist daher nichts als stillschweigendes Bündnis durch gleiches Bedürfnis."

"Aber", versetzte Herr Haber, "die reinste Freundschaft dringt über alle Stufen hinab und hinauf, sie ist frei, und kein Vorurteil des Standes kann sie hemmen, sie schliesst sich bloss an den geliebten Menschen, an das blosse Nackte ohne alle Bekleidung von Sitte, Stand und anderm dergleichen Unsinn."

Was Herr Haber sagte, langweilte mich