ich hatte ihre Hand gefasst, Joduno weinte ihrer Mutter eine stille Träne, sie sah in die letzten Strahlen der sinkenden Sonne, wie wir dem fliegenden Gewande eines scheidenden Freundes, der nun unserm Nachsehen verschwindet, mit nassem Blicke folgen, und drückte mir dennoch die Hand, wie einem Freunde beim Wiedersehn. Mein Herz, Römer, war verloren. Die Sonne ging unter, und Herr von Eichenwehen, Vater und Sohn, kamen herauf. Joduno machte geschwind Licht, wir setzten uns in eine ehrerbietige Entfernung, indes unsere Blicke und unsere Herzen ganz dicht beisammen steckten, so dicht, dass sie seufzten. Alles dieses geschah ohne die mindeste Verabredung, wir verstanden uns, und obschon es dich wundern mag, so wunderte es mich doch nicht. Unser Zusammentreffen war ein Wiederfinden. Die Sonne war unter, und als der Vater mich bewillkommte, und der Sohn mit offnem mund vor mir stand, waren wir schon so vertraut, dass ich mit ihr lachte, schäkerte oder seufzte, wenn der Vater den rücken wandte. Man dankte mir beim Abendessen für meinen Fund, und bat mich mit vielen Worten, einige Tage zu bleiben; ich entschuldigte mich mit vielen Worten, dass ich morgen wieder reisen müsste. Joduno sah mich an, und ich sprach: "Recht gerne will ich bleiben, wenn ich Ihnen nicht beschwerlich falle." Von dem Tischgespräche weiss ich nichts mehr, als dass ich mehr von meinen Ahnen erzählte, als wahr ist, dass mir der Herr Sohn nochmals für meinen Fund danken sollte, aber schon schlief, und dass sich meine Schuhspitzen mit den Fussspitzen Jodunos unterhielten.
Joduno war etwas früher vom Tische aufgestanden als ich, sie kam wieder. "Leuchte den Herrn Baron in seine stube, Joduno" – Sonderbare Sitte – Unbefangen und ohne ein Wort zu sagen, geht sie vor mir her, eine grosse ungeheure tür eröffnet sich, das Licht steht auf dem Tische, eine süsse freundliche stimme sagt: "Gute Nacht!" – das übrige weisst du. Ich hatte bei Tische gesagt, dass ich noch schreiben wollte, Joduno hatte einstweilen alles dazu auf den Tisch gelegt, selbst den Stuhl hingerückt. Neben das Papier hatte sie die schöne Rose hingelegt – hat sie den Tisch wohl auch vor ihr Bild hingerückt?
Ach die Wendeltreppe führte mich doch auch zu einer schönen Aussicht. Molly, deine Worte "Gekrönte Liebe gehört nur dem mann" haben einen sonderbaren Doppelsinn für mich erhalten, seit ich den Hirschkopf gegen mir über habe – das Bild der lieben Joduno sieht mich so freundlich an, dass ich jetzt fast schon vor der Dunkelheit erschrecke, wenn ich das Licht auslöschen werde. Gute Nacht, ich steige ins ungeheure Riesenbette, in dem vielleicht alle Herrn von Eichenwehen, und wohl auch die liebe Joduno, geboren sind, um heute abend zu sterben, und morgen früh wieder neu geboren zu sein.
Dein Godwi
Römer an Godwi
Wo die Herren im Nationalkonvent zu Paris zuviel Arbeit sehen, bei arbeiten, deren Erfolg kritisch ist, bei denen sie sich in ihren oder in des Publikums Augen durch den Erfolg beschämt finden könnten, muss ein Ausschuss dran. Bei der Verwirrung, bei der Abenteuerlichkeit seiner Streiche stösst mein lieber Karl auf einen Punkt, der ihm nicht so ganz hell in die Augen leuchtet, und er ernennt mich zum untersuchenden Ausschuss. O lieber Karl, wann wirst du die gerade Menschenstrasse wählen und nicht mehr aus dem Hundertsten ins Tausendste denken, handeln und plaudern; ich kann mir ihn ganz denken, den incroyablen Karl, vis-à-vis, oder in den Armen – denn ich weiss, du bist kein Freund von Entfernung – einer andern Merveilleuse. Es ist ein Unglück, dass du auch immer in die hände der Extreme fallen musst. Wo wohnt das gute bürgerliche Mädchen, das tugendhaft und häuslich dir einst den verwirrten Kopf aufräumen und deine hände zu nützlicher und zweckmässiger Arbeit geschickt machen wird? War es nicht der Aufgang der nämlichen Sonne, der dir das Bild weniger Tage vorher neben der rätselhaften Molly so rosenfarben malte, nicht der Untergang der nämlichen Sonne, die mit den letzten Strahlen gleich darauf dein wächsernes Herz in eine andere Form goss? Du nanntest Molly ein göttliches Weib, das heisst: du bedientest dich zur Bezeichnung ihres Wertes des Namens der höchsten dir denkbaren Vollkommenheit und schon haben diese Göttin ein paar Hirschgeweihe und ein lustiges sonderbares geschöpf gestürzt. Du hast ein geschöpf kennengelernt, das du noch höher stellen könntest. Wie heisst denn die Stufe über deinem Götzen? Oder, lieber Karl, willst du wohl eingestehen, dass der die Menschen und all ihr Streben und Ringen nach irgend einem Zwecke für die Caprice Gottes halten muss, der ein Weib göttlich nennt, das mit den Herzen, Gefühlen und Worten ihrer armen Anbeter spielt? Sie hat nicht genug, dich zu ihren Füssen zu sehen, sie berauscht sich in den Gefühlen ihres Stolzes, und stösst deine Begierden zurück; sich hätte sie ganz befriedigt, sie will nur ihrem Betragen noch das Gewand der schönen Tugend, Entaltsamkeit und Abenteuerlichkeit umhängen; ernst und streng weiset sie deine feurige Liebe in die Schranken des Wohlstandes zurück, vergisst nicht, dir mit der feinsten Coquetterie die Mühe zu zeigen, die ihr es kostet, lässt sich einen Kuss von dir rauben, wo du ihn rauben solltest, um ihr den Schwur der Ehrerbietung gegen ihre strengen Grundsätze zu besiegeln, und fordert durch das Feuer eben dieses Kusses dich auf,