" Das Umkleiden musste der Herr Kastellan nicht für nötig halten. Er führte mich etliche Wendeltreppen hinauf – unmutig und träge tappte ich seinen schwerfälligen Fusstritten nach – ach! so dreht sich die Wendeltreppe meiner Laune aus dem traulichen wollustdüstern Boudoir meines Herzens hinauf zu dem wüsten toten Leben in meinem kopf, dachte ich, und kaum hatte ich es gedacht, so entstand eine sonderbare Generation in mir. Ich sah mich im Durchschnitt wie den Riss eines Gebäudes, in meinem kopf war ein grosser Redoutensaal, aber alles war vorbei, den letzten Ton des Kehraus sah ich dicht bei der Orchesterbühne meiner Ohren mit sterbendem verschossenen Gewande gähnend zur tür hinausschleichen. Eine Menge meiner jugendlichen Plane standen verstört und missmutig da, der Tanz war vorbei, sie hatten die Masken in den Händen, weinten aus den trüben erhitzten Augen Abspannungstränen, und guckten sich an, und gebärdeten sich wie Phöbe, Diane und Proserpina in Wielands Göttergesprächen, sie konnten nicht glauben, dass sie alle dieselben seien. Unten in meinem Herzen, da war das düstere Kabinett, Molly stand da wie eine Zauberin, sie kam von dem Maskenballe herab, meine Zufriedenheit sass bei ihr, sie suchten ihre krausen Gewänder auseinander zu wickeln, die sich auf der Wendeltreppe verwickelt hatten, und zeigten beide ziemlich unziemliche Blössen. Gut, dass vor die Fenster Gardinen, aus rosenroten Träumen gewebt, gezogen waren, und der Luxus der Sinnlichkeit in dicken wohlriechenden Rauchwolken den kleinen Raum mit Nebel erfüllt hatte, man konnte sich nicht recht erkennen. Ja räuchert nur, dachte ich, Goete sagt doch, der Herr vom haus weiss wohl, wo es stinkt. Nun ward es ganz dunkel, das letzte Lichtstümpfchen auf dem Kronleuchter im Ballsaale war erloschen, es schimmerte kein Fünkchen mehr die Treppe herunter. – "Nun, nun, Herr Baron, wo bleiben Sie denn?" donnerte mich eine stimme von oben herunter an, ich war aus der Wendeltreppe des Schlosses auf die meiner Laune geraten, und hatte vergessen, auf der ersten weiterzugehen, nun schlich ich vorwärts. Die breite schöne Treppe in Mollys Landhaus, wo führte die mich hin, ach! in das Amphiteater ihrer arme, das schöne Schauspiel ihres Geistes in ihren Augen zu sehen, und diese verdammte Wendeltreppe, wo führt sie mich wohl hin? "Ich brauche Sie nicht zu melden," sagte der Kastellan, als wir an eine kleine gotische tür kamen, "das fräulein hält nicht viel davon." Das Wort fräulein lasse ich mir nicht zweimal sagen. Schnell tröstete ich mich, dass ein fräulein, welches dem Unangemeldeten verzeiht, wohl auch dem im Reisehabit durch die Finger sieht. Ich klopfe. "Herein!" Ein niedliches Mädchen von achtzehn Jahren hüpft mir entgegen, sie entschuldigt die Abwesenheit ihres Vaters, ich meinen Anzug. Sie setzt sich in den Erker, ich mich ihr gegenüber, auf kleine steinerne Bänke, die in der Mauer angebracht waren.
Sie: Wollen Sie Licht, es ist schon Abend.
Ich: Es ist nicht Abend in uns, wenn es Abend ausser uns ist.
Sie: Was meinen Sie damit – doch Ihr Name?
Ich: Godwi.
Sie: Godwi? Dies ist ein schöner Name, ach! das ist ein schönerer Name als Eichenwehen, ich möchte wohl auch so heissen. Doch ich will Licht holen.
Ich: Nein, fräulein, lassen Sie es, es wäre eine Sünde gegen die natur und die Stunde, die ich bei dem Untergang der Sonne mit Ihnen durchleben kann.
Sie: Nun, so lassen Sie uns denn so sitzen bleiben.
Ich: Und uns unserer Freunde erinnern, die vielleicht jetzt ebenso glücklich sind als ich und Sie – Sie verzeihen, ich meine nur durch diese schöne Naturszene. Sie haben doch auch Freunde?
Sie: O ja, aber doch nicht viele – Otilien, Sophien, und nein, das sind sie alle. – Es ist mir recht lieb, dass Sie kein Licht wollen, denn Sie hätten mir sonst meine Lieblingsstunde verdorben. sehen Sie, so sitze ich alle Abende hier, und sehe wie ein Nönnchen in der Klause nach der untergehenden Sonne, manchmal werde ich ganz traurig; da drüben, wo Sie sitzen, da sass sonst meine gute Mutter, die war so freundlich, und wir spannen dann immer in die Wette; jetzt bin ich immer allein, und wenn die Langeweile, ach! die Langeweile – der Vater ist gut, aber er ist immer auf der Jagd, und Jost, mein Bruder – nu, der ist gar nicht freundlich. Doch Sie werden bald sehen, dass hier nur ein Jäger froh sein kann – Doch was plaudere ich – verzeihen Sie, Ihre Ankunft hat mich so überrascht, dass ich ganz verwirrt spreche.
Ich: Nein, gnädiges fräulein, Sie sprechen nicht verwirrt. Sie sprechen eine schöne seltene Sprache, die Sprache der Wahrheit, der Unschuld und der natur. Ich habe lange keinen Menschen, am wenigsten ein Weib, so sprechen hören, und zwar in einer Minute, wo fast alles heuchelt, in der Minute des ersten Zusammentreffens.
Sie: Es ist sonderbar – in einer andern Stunde würde ich nicht so gesprochen haben – aber hier darf ich nicht mit Fremden sitzen, und nicht in dieser Stunde, dass ich nicht so sprechen sollte, denn hier habe ich immer alles gesagt, was ich fühlte, hier hörte mir immer die Mutter zu. – Wir waren aufgestanden,