, ihr aber nie ähnlich werden kannst, so wirst du, um näherzukommen, gerade so weit gehen, als du kannst, bis zum gesunden Menschenverstand.
Dass du ihr nicht ähnlich werden kannst, verstehe ich so: sie ist mehr als natürlich, denn sie ist auf eine gewisse Weise unterrichtet, und ich möchte sagen, sie sei eine weise Frau in einem früheren Leben, und sei in die Jugend dieses Lebens herübergewachsen. Sie ist gleichsam für mich ungeboren. Da nun meine Stufenreihe folgendermassen geht: natur – Bildung – Überbildung oder Tod – und alles immer vorwärtsschreitet, so kannst du ihr nicht ähnlich werden, weil du mit dem tod aufhören müsstest; du wirst es also bei der Bildung stehen lassen, weil du von der Überbildung nicht vorwärts, und nur bis zur Bildung zurück kannst; zur natur kannst du schon nicht mehr, weil die Bildung die natur aufhob, du musst platterdings auf der Bildung stehen bleiben, oder sterben, was du mit deiner Lebensfähigkeit nur bis zum Wunsche bringen wirst. Ich wünsche dir also viel Glück zur Bildung.
Sie wird dich sanft aus deinem Ideenparadies hinausführen du sagtest ja von ihr: "So trat der Engel von Gott gesandt ins Paradies" –
Du im höchsten Grade zusammengesetzt, sie von Grund aus einfach – du stürmend und glühend wie Sirocko, sie sanft und warm wie West – du schmelzend und glühend wie Lava, sie biegsam und zart wie Wachs – du aus der Welt in ihr Leben hineinträumend, sie aus ihrem Dasein in deine Welt hineinstaunend –
Gleich, lieber Junge, wird sie dich nicht lieben, aber vielleicht noch einst, und das sehr innig. Du bist ihr jetzt eine Masque, die sie blendet und reizt, und wenn du bescheiden einen Flitter nach dem andern von deinem Wesen zu ihren Füssen gelegt hast, wenn sie naiv und neugierig einen Flitter nach dem andern von dir gelöset hat –?
Dann wird sie dich lieben, weil wir alles lieben, was wir bildeten; und wenn es unser erstes Werk ist, und noch dazu ein gutes, o so wird es die erste Liebe und die letzte.
Ich fühle, dass Tilie voll von dem Triebe ist, etwas zu bilden, denn ihre Grundsätze sind hiervon schon ein Beweis; sie sind eine seltsame Moral, die sie sich selbst erschaffen hat, und die bei ihrem einzelnen Leben so trostreich und passend ist, als eine allgemeine für unsre Gesellschaft so selten hinreicht und alle Lücken mit gutem Ton, Freigeisterei und Galanterie verstopfen muss. –
Das Haus, in dem ich lebe, ist hiervon ein auffallender Beweis, und du sollst die Leute auch kennen lernen, wenn ich sie ganz kenne.
Lebe wohl, man ruft mich irgend wohin, wo es allerliebst und wenig mehr ist; sei versichert, dass ich in dieser folgenden Stunde gar nicht an dich denke, und halte daher meine Versicherung recht lieb und warm, dass ich ewig bin dein
Römer
Römer an Godwi
Mein voriger Brief und mein vorletzter scheinen dir wohl nicht recht innig zu sein. Du wirst glauben, ich sei schon wieder ganz klug geworden, und doch ist es nicht so.
Die sogenannte Türkin ist noch immer der Gedanke, der mich beherrscht, wenn ich Zeit habe, von irgend einem beherrscht zu werden. Aber dies ist hier im haus schwer, man kann und darf hier fast nichts, als auf seiner Hut sein und seinen Kopf auf dem rechten Fleck haben.
Soeben bekomme ich einen Brief von deinem Vater. Ich bin meiner sogenannten Geschäftsreise entledigt, und darf noch ein paar Monate ausbleiben und so fröhlich sein, als mein Aufentalt mich machen kann.
Du wirst dich aus meinem zweiten Briefe des Fremden erinnern, der zu deinem Vater kam; er versieht alle meine Geschäfte und ist völlig genesen.
Ich schrieb dir, dass er immer in deines Vaters heimlichen Kabinette ist; nun bin ich noch begieriger, was dies Zimmerchen wohl verbirgt, denn dein Vater schreibt vermutlich in der Vergessenheit, dass ich nichts davon weiss:
"Ja, es ist mir lieb, einige Zeit mit dem mann allein zu sein, der mich durch seine Arbeit in meinem Kabinette so glücklich gemacht; er hat mein Innerstes aufgedeckt, und zarter verhüllt, als ich es je konnte."
Auch nach dir fragt er:
"Wo ist mein Sohn, wissen Sie von ihm? Ich suche – seine Freundschaft, o dass ich –"
Hier brach er ab, Gott weiss, was der Gedankenstrich und das Kabinett verstecken.
Du solltest ihm doch schreiben, er glaubt dich beinahe schon auf dem Kapitol in Rom, und erwartet wohl Antiken von dir, und du sitzest fest für die Ewigkeit auf dem Reinhardstein, und könntest ihm zur Not einen Eichen- oder Epheukranz schicken.
Dein Vater kennt dich nicht, gar nicht, und wenn du so fort in dir revolutionierst, so wirst du vielleicht um den Zirkel der Bildung herumgereist auf seinem Punkte stehen, wenn er unter der Erde ist.
Höre, da fällt mir etwas ein, womit ich dich ärgern will:
Gestern abend las man hier im haus den Brief des einen abwesenden Bruders vor, der dir sehr ähnlich zu sein scheint; den Brief hättest du auch schreiben können.
Die Frage an den Bruder war: "Was willst du denn endlich werden?"
Die Antwort: "Ein Mensch."
Weiter: "Du bist extravagant" –
Die Antwort: "O du armer Bruder, du weisst nicht,