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und begehrte keine Bedingung, als die Befolgung ihres Willens; 'denn', sagte sie, 'liebe Julie, du kannst in deiner Lage keinen Entschluss fassen, du bist zu sehr durch Reue zerstört, und könntest leicht eine Menschenfeindin werden, weil die andern dich für geringer halten als sich selbst, und du dich für misshandelt.'

Sie versorgte mich mit allem Nötigen, und brachte mich in die Gesellschaft zweier Menschen, deren Gesellschaft mir eine immerwährende Darstellung der gesetz war, die ich übertreten hatte. Vassi, ein Maler, und Bettina, eine Jüdin, liebten sich von der frühsten Jugend an, und da sie die grosse Trennung ihrer Religion an einer engern Verbindung verhinderte, so lebten sie schon zwanzig Jahre in der reinsten Seelenverbindung. Diesen beiden vortrefflichen Menschen ward ich zur Gesellschafterin gegeben, und sie nahmen sich meiner und Ceciliens wie Eltern an. Als Cecilie sechs Jahre alt war, kam sie nach Ancona zu Ihrer Tante, und nachher zu Ihrer vortrefflichen Mutter im vierzehnten Jahre, und jetztjetzt bin ich an der Stelle, wo mein Kind aufblühte, wo meine Emilie starb an der Seite ihres Sohnes, meines Freundes." – – Da mein Vater nach dem tod meiner Mutter, um sich zu zerstreuen, nach Rom gereist war, hatte er sie kennen gelernt, und sie gefiel ihm. Sie wusste wohl, dass sie ihm nicht sagen durfte, dass sie Ceciliens Mutter sei. Er sprach oft von dem tod seiner Gemahlin mit ihr, und da er nicht wusste, dass sie dann um ihre grösste Freundin weinte, hielt er diese Tränen bloss für eine Folge ihrer Neigung zu ihm. Dies fesselte ihn immer mehr an sie; er hatte wenig Gründe gegen den Vorschlag, ein junges Weib zu nehmen, und setzte seine Bewerbung mit ununterbrochnem Eifer fort. Julien lag in dieser Verbindung, selbst in der Unannehmlichkeit seines Alters und Charakters, ein schwärmerischer Reiz der Entsagung. Sie wusste, dass er gesagt hatte, da Emilie ihm Cecilien als ihre Tochter vorstellte, dass er ihr Vater nicht werden werde; nun konnte sie ihn zwingen, ihres Kindes Vater zu werden.

"Der Gedanke," sagte sie zu mir, "auf die Stelle zu treten, wo meine Freundin stand, alles das zu leiden, was sie erduldet hatte, hatte einen sonderbaren Reiz für mich. Es war mir, als könnte ich mich in die Form und Gestalt eines bessern Wesens, als ich selbst war, einschleichen, um auf mich zurückschauen und meiner Gebrechen lachen zu können. Ich habe Cecilien nicht mehr gefunden, ich trete in eine aufgelöste Familie, Sie sind der einzige, letzte Zweig, der Rechte auf mich hat, so nehmen Sie denn meine heilige Versicherung, dass mein Eintritt in dieses Haus keinen Zweck hat, als Ihnen ein Herz voll Dank, voll Freundschaft näherzubringen, als in diesen toten verödeten Mauren Ihnen das Leben wieder in einem zärtlichen vertrauten Umgange zu entzünden. O, wir sind leider durch die fremde Macht des gewaltigen Geschicks verbunden, alle unsre Lieben haben wir verloren, unsre Vergangenheit ist ein Grab aller unsrer Freuden der Gegenwart und der Zukunft geworden. Die Gegenwart, Antonio, sie ist zu enge, wir müssen sie zersprengen, wir müssen ineinander alle Zeit zerstören, wir müssen uns lieben. Es umschwebt uns dann das Bild der Mutter und Ceciliens, und ziehet unser Leben in leiser sehnsucht hinüber zu sich." – – Sie weinte, meine arme umschlangen das edle Weib, ich glaubte meine verlornen Freuden alle wiedergefunden an mein Herz zu drücken – "O, so habe ich alles gefunden!" – rief ich aus, und mein Vater trat herein. Julie blieb ohnmächtig in meinen Armen. Der Schrecken benahm mir die Sprache, mein Vater drückte nur eine Minute den verzweifelnden Zustand seiner Seele in einem glühenden Blicke aus, und stürzte zu Boden. Wir kamen ihm zu hülfe, aber es war zu spät, der Schlag hatte ihn gerührt. Er musste geglaubt haben, ich sei der Verführer seines Weibes gewesen, seine Eifersucht kannte keine Grenze. Sein alter schwacher Körper konnte den Sturm des Verdachts der Wahrscheinlichkeit und der Überzeugung des unvermutetsten Betrugs nicht in derselben Minute ertragen, und unterlag.

Lange nachher noch wagten Julie und ich nicht, sich gegenseitig zu nähern, sein Tod war gleichsam zwischen unsre Umarmung gefallen, und hatte uns gewaltsam auseinander geschleudert. So unschuldig wir auch waren, so schreckte uns doch der Gedanke auseinander, dass er die Welt mit dem Verdacht der schändlichsten Verräterei von uns verliess.

Wir näherten uns furchtsam und konnten nur nach und nach die stumme Betrachtung dieses Zufalls durch Blicke und einzelne wenige Worte unterbrechen. In dieses Dunkel, das kaum zur Dämmerung übergegangen war, warfen Sie, lieber Freund! durch Ihre Nachricht von Franzescos Leben ein fröhliches, helles Licht. Verzeihen Sie daher die Unordnung und Unbestimmteit, die diesen Brief begleiten könnte. Es ist so lange her, dass ich der Freude entbehrte, dass mir wohl ihre Sprache etwas ungeläufig ward. Meinem Bruder werden ich und die Mutter seines Weibes mit offnen Armen entgegenkommen. Sein Vermögen blieb ihm unversehrt, mein Vater ist ohne Testament gestorben. Er soll kommen und mit mir teilen, was auch ihm gehört, und in Ruhe seine Tage beschliessen. Ich kann kaum die Zeit erwarten, ihn an mein Herz zu schliessen. Ob ich ihn wohl noch kennen werde? – Lassen Sie ihn doch malen, und schicken Sie mir sein Bild, bis