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Stufen des Eingangs und betete für mein Kind. Über diese Stufen war ich zwei Jahre vorher in einer Reihe unschuldiger Mädchen, mit Blumen gekrönt, zum erstenmale an den Tisch des Herrn gegangen, und nun, wie kniete ich hier, es war, als wollte die hohe Kirche über mich hinstürzen und mich begraben. Ich betete mit Inbrunst zur heiligen Jungfrau, plötzlich hörte ich ein Geräusch innerhalb der Kirche, ich zitterte, die ungeheure tür öffnete sich mit einem donnernden, traurigen Tone, und ich zuckte tief auf. Es war ein Mesner, er bemerkte mich nicht und ging seinen Weg fort. Cecilie war durch das Geräusch erwacht, sie weinte, ihre stimme drang jammernd durch die Nacht, und kehrte in vielfachem Echo von den Säulen der Kirche mit tausendfach schneidenden Dolchen in mein Herz. Ich setzte mich nieder, lehnte den Kopf an die kalten Steine, und reichte meinem armen kind die Brust. Ich bemerkte eine Laterne, die sich gegen mich bewegte. Die Alte musste befürchtet haben, es sei mir etwas zugestossen, weil ich so lange ausblieb; sie suchte mich daher, und Ceciliens stimme brachte sie zu mir. Nachdem sie mich ausgeschmäht hatte, so in der Nacht dazusitzen und zärtliche Gedanken zu haben, wie sie sich ausdrückte, brachte sie mich zu sich, wo ich hierauf noch einige Monate lebte. Die Alte nährte sich von einem kleinen geistlichen Handel mit Reliquien und geweihten Wachskerzen, auch machte sie von Wachs alle Gliedmassen des menschlichen Körpers, welche fromme Leute kauften, um sie den wundertätigen Bildern zu opfern, wenn sie an irgend einem Gliede ein Gebrechen oder böses hartnäckiges Übel hatten. Ich arbeitete fleissig mit, aber wir konnten uns doch nur kümmerlich ernähren. Mein Kummer stieg täglich und meine Gesundheit sank immer mehr, die Einsamkeit machte mich mit den fürchterlichsten Gedanken vertraut. Mein altes Mütterchen kam erst spät abends nach haus, und ich sass den ganzen Tag verzweifelnd in einer kleinen dunkeln stube, Cecilie lag kränklich in meinem Schosse, und das Bild ihres Vaters hing über meinem Herzen wie ein ewiger Vorwurf. So sass ich an einem von den vielen langen, langen Tagen abends ohne Licht, und wartete auf die Alte, die mir manchmal etwas aus der Stadt erzählte, wenn sie zurückkam. Heute blieb sie länger als gewöhnlich, der Mond blickte schon herein, und ich hatte Cecilien schon zum Schlafen hingelegt. Ich sass und brütete über meinem Elende, das mit helleren Farben als je vor mich trat: wenn nun die Alte stürbe, wenn sie ausbliebe, was würdest du anfangen, dachte ich, du müsstest mit deinem kind betteln. Dieses Gefühl durchdrang mich mit all seiner Schmach, es war mir schon, als würde die Alte nicht wiederkommen, mein Gram liess sich nicht mehr denken, ich sank in die dunkelste, tiefste Bewusstlosigkeit meines ganzen Zustands, und es war mir, als würde mir es wohler, als mischte sich ein banger, heiliger Leichtsinn in meine geschichte, starr und kalt standen einzelne Gedanken in meinem kopf, und eine Menge wunderbare nackte Gestalten gaukelten weinend und lachend mit einer fürchterlich süssen Trunkenheit vor meinen Augen. Ich riss mein Kind aus der Wiege, entkleidete es und bedeckte es mit heissen Tränen und Küssen, und alles das mit einem bangen Gefühl von Unrecht und Verbrechen. Das Kind weinte nicht, es lächelte und bewegte sich freundlich, als spielte ich mit ihm, ich zitterte dabei am ganzen Körper, und mein Zustand war dem Wahnsinn nah. Ich hörte die tür gehen und erwartete die Alte, aber es näherte sich ein fremder Schritt meiner stube, und eine person, in einen Mantel gehüllt, trat herein. Ich hielt sie anfangs für einen Mann und erschrak vor der idee, es möge ein junger Wollüstling sein, der mir hülfe um das höchste Elend bringen wollte. Ich hatte diese Erniedrigung schon einigemal ertragen. Aber ihre stimme flösste mir Mut und Vertrauen ein, ich erkannte ein edles Weib in der Unbekannten, die mir und Cecilien helfen wollte. Sie trat an das Fenster und nahm mein Kind in die arme, ich war wunderbar durch ihr ganzes Betragen gerührt, und als die Alte mit einem Lichte hereintrat, sanken wir uns in die arme; es war Ihre Mutter und ich, Antonio! die sich erkannten. Sie verliess mich bald darauf, um mich völlig abzuholen. Als sie weg war, erzählte mir die Alte, warum sie so lange ausgeblieben, und wie sie die Dame gefunden habe. Sie hatte weniger als je verkauft, sass ängstlich hinter dem Tischchen mit bunten Lichtern, Rosenkränzen und Reliquien, es war schon dunkel, die Leute verliessen die Vesper, und kein Mensch wollte ein Lichtchen kaufen; endlich kam noch eine Dame aus der Kirche, und als sie sie sehr dringend bat, sie möge ihr doch etwas zu verdienen geben, weil sie eine gar feine Dame mit ihrem Töchterchen, die ins Elend gekommen, zu ernähren habe, so hätte sich die fromme Frau erbarmt, hätte sie mit nach haus genommen und wäre dann so verkleidet mit ihr hierher gegangen.

Den folgenden Morgen kam Ihre Mutter mit einem Wagen, mich aus der wohnung der Alten abzuholen, die ich nicht ohne Tränen verliess. Emilie bezahlte sie reichlich für das Gute, das sie an mir und meinem kind getan hatte, und verschaffte ihr die Stelle einer Pförtnerin in einem Kloster, dem eine Freundin von ihr als Äbtissin vorstand.

Ihre edle Mutter berührte mein Unglück mit keinem Worte mehr,