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Sie bat mich, ihren Besuch zu entschuldigen, und er schien ihr eine kleine Überwindung gekostet zu haben; sie setzte sich zu mir auf das Sopha und redete mich mit schüchterner stimme an:

"Signor Antonio, wir wohnen unter einem dach und, ich glaube, uns näher, als es scheint. Ich habe schon lange auf den Zufall gehofft, der uns bewegen könnte, uns diese Nähe zu erklären; ich habe nicht länger darauf warten können, umso mehr, da ich bemerkte, dass Sie mir wohlwollen, und dass es nur der Zufall ist, der uns bis jetzt von einander entfernt hielt." – "Signora," erwiderte ich, "Sie sind gütig, und es tut mir wohl, dass Sie den Schritt tun, den ich allein verzögerte, weil ich Ihre Gesinnungen gegen mich nicht kannte." – Hier schwieg sie, ihr blick verweilte mit Rührung auf dem Gemälde meiner Mutter. Es war allein in meiner stube, denn Pietro hatte es seit seiner zweiten Verbindung aus allen Gemächern, in die er treten konnte, verbannt. Es schien ein tiefer Schmerz in ihr zu erwachen, und helle Tränen traten in ihre glänzenden Augen.

"Kannten Sie dies Weib?" sprach ich ernst.

"O, ich kannte sie, ich liebte sie, sie war meine Freundin, meine Wohltäterin", erwiderte sie in einer schönen Leidenschaftlichkeit des Schmerzes. Ich staunte, und sah gespannt einer Auflösung von vielen Rätseln und Ahndungen entgegen.

"Sie sind ihr Sohn," fuhr sie fort, "und mein Freund in dem Grade, als wir uns gegenseitig in der Liebe zu Ihrer Mutter begegnen." Hier reichte sie mir ihre Hand mit unendlicher Anmut, und ich erkannte in ihrer Würde die Freundin meiner Mutter.

"Signora!" erwiderte ich, "Sie sind die Freundin dieses Weibes gewesen, Sie haben die Stelle gekannt, auf der jene untergegangen ist, und konnten die nämliche Stelle betreten; wissen Sie, was Sie taten?"

"Es war mein Wille," sprach sie stark, aber ihre stimme sank bei den Worten, "da zu leben, da unterzugehen, wo meine Cecilie, meine Tochter –"

"Cecilie Ihre Tochter" – rief ich aus, und lag in ihren Armen – "so sind Sie dann auch meine Mutter!" Sie zog sich zurück und sprach ruhig: "Fassen Sie sich; ja, ich bin Ceciliens Mutter, ich will Ihnen alles erklären." –

Verzeihen Sie, wenn ich hier meiner Stiefmutter etwas in die Rede falle, um Sie um Ihre Verzeihung zu bitten, dass mich die Freude meines wiedergefundenen Bruders so gesprächig macht. Es ist eine innerliche Gewalt, die mich zwingt, Ihnen alles zu erzählen; es ist mir, als hätten Sie mich gefragt, als wären Sie ein Glied meiner Familie, das, ganz von ihr getrennt, jetzt erst von ihrer geschichte unterrichtet werden müsste. Sie müssen es auch dem Nationalcharakter des Italieners zugute halten, den die Freude allein aufschliessen kann. – Sie werden meinem Bruder dann und wann wie ein Arzt etwas von diesen begebenheiten hinreichen, um ihn zu der grossen Überraschung vorzubereiten, die ihn erwartet. Ich kehre nun zu meiner geschichte zurück. Julie sprach mit ruhiger, gelassener stimme:

"Ja, Cecilie ist meine Tochter, ihr Vater war mein Gatte nicht, sie hatte einen kühnen Schritt getan, auf die Welt zu treten, auf der sie nur das beleidigte Gesetz erwartete. Meine Eltern lebten nicht mehr; der Mann, der mich zur Mutter gemacht hatte, wurde von meinen Verwandten ermordet; ich, eine arme Waise, ward einer Waise Mutter. Ich hatte nichts als meine Schande, und wäre gewiss dem Hohne und der Rachsucht meiner Verwandten ein Opfer geworden, wie sie auch noch bis jetzt glauben, hätte Ihre Mutter, die meine Milchschwester und lange Zeit meine Gespielin war, nicht mich und mein armes Kind gerettet.

Den täglichen Kränkungen meiner Verwandten ausgesetzt, konnte ich es nicht länger ertragen, mein Kind, das einzige, was ich auf Erden hatte, mit Verachtung behandeln zu sehen, und ich entschloss mich daher, eher mit ihm zu verhungern, ja lieber zu betteln, als länger in dem haus einer alten Muhme zu bleiben, bei der ich lebte, und mit der niedrigsten Arbeit ein Leben voll Undank und Spott verdiente. Eine alte Frau, die meine Amme gewesen war, die mich sehr liebte und mir bei der Geburt der unglücklichen Cecilie beigestanden hatte, machte mir den Vorschlag, zu ihr in ihre kleine Hütte zu ziehen, das Leben wollten wir schon gewinnen, meinte sie. Der Vorschlag wurde gerne von mir angenommen, ich gab der Alten mein weniges Eigentum einzeln hin, und sie schaffte es nach und nach weg, und endlich verliess ich nachts mit Cecilien auf dem Arm das Haus selbst, in dem ich alles verloren hatte. Nimmer vergesse ich die stille Mitternacht, in der ich wie eine Geächtete durch die breiten Strassen Roms, wie das Gespenst meiner gestorbenen Ehre hinschlich. Die Welt war um mich verwandelt, die Häuser, an denen ich sonst so unbefangen am hellen Mittage vorübergegangen war, rückten wie schwarze Kerkerwände gegen mich; die Bildsäulen standen kalt und streng vor mir, und sahen beleidigt auf mich herab, mein Herz bebte, Cecilie schlief in meinem arme. Als ich an die Peterskirche kam, riss es mich unwillkürlich auf die Knie nieder, ich kniete auf den