plötzlich von einer tiefen Teilnahme für sie ergriffen, ohne sie zu kennen. Ihr Schicksal rührte mich. Als ich so stand und lauschte, ertönte die Betglocke der Nonnen hinter mir, die mich tief erschütterte; ich hatte so oft dies Glöckchen in schlaflosen Nächten mit zärtlichen Wünschen für Cecilien gehört, es war mir eine Sprache aus untergegangenen zeiten, die schrecklich an ein verlornes Leben mahnte. Gleich neben mir flüsterte die Laube, aus der sie sich in Franzescos arme herabgelassen hatte, flüsterte die grüne Halle lebendig, aus der sie in ihr Grab gestiegen war. Von allen Seiten umgaben mich Bilder des Schmerzes. Ich hörte die Pappeln von dem Kirchhofe der Mutter herüberrauschen, und vor mir den hellen jubel einer unsinnigen Verbindung. Der nächtliche Wind spielte in meinem Mantel, ich verbarg das Gesicht und weinte. Die Musik verstummte und die Gäste verliessen das Haus, meinen Vater allein hatte ich nicht herausgehen sehen. Die Braut öffnete ein Fenster, und ich bemerkte an dem Schnupftuche, das sie vor die Augen hielt, und den Worten meines Vaters: "O liebe Julie, Sie weinen an dem freudigsten Tage meines Lebens!" dass sie ebenso gestimmt war wie ich. Sie sprach wenig, aber ihre stimme war sanft und lieblich, und ihre Worte voll tiefen Gefühls. Die Reden meines Vaters standen mit den ihrigen in einem widrigen Misston, und in ihren Antworten lag für mich ein Stolz, der sich aus Überzeugung opfert. Sie sagte viel über das Kloster, und bat dann meinen Vater zu schweigen, damit sie dem Gesange der Nonnen zuhören könne. Dann beurlaubte sie meinen Vater, der sie mit Zärtlichkeiten überhäufte, und ich trat in einen Winkel, um ihn vorüberzulassen.
Ich wollte schon eilen, um auf einem anderen Wege vor Pietro nach haus zu kommen, als mich die Töne einer Laute zurückhielten, an die sich eine süsse stimme schloss. Es war mir, als hörte ich Cecilien singen, es war ganz ihre stimme. Ich kehrte zurück, und es war Julie, die sang:
So bricht das Herz, so muss ich ewig weinen,
So tret ich wankend auf die neue Bahn,
Und in dem ersten Schritte schon erscheinen
Die Hoffnungen, der Lohn ein leerer Wahn.
Mit Pflichten soll ich Liebe binden,
Die Liebe von der Pflicht getrennt;
Und frohe Kränze soll ich winden,
Die keine Blume kennt.
Der erste blick muss schon in Tränen schwimmen,
Mir gegenüber steht das stille Haus,
Der Orgelton schwillt bang um helle Stimmen,
Die blassen Kerzen löschen einsam aus.
Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen,
In Gottes Hand erlosch ihr Licht,
Und aus der schlanken Pappeln Rauschen
Die stumme Freundin spricht.
Eine Menge Lichter, die sich die Strasse herauf bewegten, und einzelne Töne, wie von getragenen saiten-Instrumenten, unterbrachen dies Lied, das mich durch seine dunkeln Andeutungen tief gerührt hatte. Die Musikanten näherten sich, und ich bemerkte Pietro unter ihnen, zweifelte also nicht, dass es eine Galanterie meines Vaters gegen seine Braut sei. Der Kreis ordnete sich unter den Fenstern Juliens, die, als sie es bemerkte, das Licht ausgelöscht und die Fenster zugemacht hatte. Ich war begierig, wie mein Vater in der Musik gewählt habe, die er seiner Geliebten brachte; aber wirklich, er übertraf alle meine Erwartung, als er nach einer rührenden Symphonie selbst eine Arie sang, und zwar:
I miei pensieri,
Corrieri fedeli –
Ihr, meine Gedanken,
Lauft eiligst, geschwind,
Correte, volate
E passion portate –
Verehret die Dame,
Die mich hat entzündt etc.
Ich konnte nicht länger bleiben, ein tiefer Unmut bemeisterte sich meiner bei dem Gesange Pietros, und ich ging mit dem Gedanken nach haus, dass der Verbindung der Liebe und des Alters keine Grazie beiwohne.
Den folgenden Mittag war bei Tische der Platz meiner verstorbenen Mutter wieder besetzt, und mit einem, wo nicht so feinen, doch ebenso freundlichen Wesen. Mein Vater war heftig fröhlich und zärtlich, Julie in einer wehmütigen Verlegenheit, und da ich einmal ihren blick überraschte, der lange auf mir verweilt zu haben schien, überflog eine sanfte Röte ihr Gesicht und drang eine Träne in ihr Auge. Ich dankte dem Himmel, dass sie in die Familie getreten war, die seit dem Verluste Ceciliens und Franzescos einer Einöde glich. So wandelte doch wieder ein sanftes, weibliches Bild wie ein guter Geist durch das stille Haus, das sonst einen ganzen Himmel umfasst hatte; so konnte sich mein innerer Kummer doch wieder in der schönen Entsagung einer Mitleidenden erheben. Ich ging öfters durch alle Gänge des Hauses, nur um sie zu finden, und so oft sie mir begegnete, überraschte sie mich mit einem süssen Schrecken, Cecilie oder die Mutter schien mir entgegenzukommen; durch ihre Schritte über die gewohnten Wege dieser Verlornen, indem sie die häuslichen Verrichtungen besorgte, erhielt sie über mich die Macht der sinnlichsten Erinnerung. Wenn wir uns begegneten, schienen wir beide verlegen, und dennoch schienen wir uns zu suchen.
Ich sass nachmittags in meiner stube, und in dem Augenblicke, dass ich die Worte in mein Tagebuch schrieb: "Meine Stiefmutter ist ein gutes, sanftes Weib, das Leben hat mir durch ihre Nähe einen neuen Reiz erhalten, sie erweckt die schönste Zeit meines Lebens, indem sie wie ein guter Geist auf den Wegen geht, die einst Cecilie und die Mutter gingen", pochte es leise an der tür, und Julie trat zu mir herein.