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Antonio! o könnte ich neben dir stehen und dich

trösten! Lebe wohl! ich gehe zu sterben, oder fliehe mit ihr; zeige meine Flucht nicht an, bis sie sich selbst kundtut, denn wahrlich, ich töte mich und sie, wenn man uns ergreift. Die Gewalt ist schrecklich in mir erstanden, ich habe zwei Wesen dem Schicksal entrissen, und trage sie mit Macht zu ihrem Ziel. Lebe wohl! du Teurer, in einigen Monaten sollst du wissen, wo ich bin. Die Träne, die auf dies Blatt fällt, gehört dir und dem grab meiner Mutter. Lebe wohl!"

O Franzesco, sie war heiss die Träne, die du mir

weintest, denn alle meine Freuden, mein ganzes Leben ist in ihr versiegt. Mein Vater erfuhr die Flucht meines Bruders, und die Entführung Ceciliens. Die Sache machte ein ungeheures aufsehen, denn eine Nonne zu entführen, heisst ein Ehebruch im Bette des himmels. Man setzte ihnen von allen Seiten nach, doch vergebens. Mein Vater enterbte ihn, und er ward mit Cecilien in den Kirchenbann getan. Einige Monate lang zeigte man mit Fingern auf mich, als den Bruder des Verbrechers; von allen Kanzeln hörte ich die Namen meiner teuersten Freunde unter den schimpflichsten Benennungen ablesen, und wenn ich in die Kirche ging, um am grab meiner Mutter für ihre Kinder zu beten, so musste ich erst den Bannfluch über sie an der tür angeschlagen sehen. So sehr mir auch von jeher diese Machtsprüche der Kirche in weltlichen Dingen, und überhaupt alle grobe Versinnlichung von Dingen des tiefsten Gefühls, erbärmlich schienen, so machte es doch mechanisch den fürchterlichsten Eindruck auf mich; so wie uns immer schaudert, wenn wir etwas Ungewöhnliches sehen, ohne dass wir deswegen an Geister zu glauben brauchen. Ich hatte nun keinen Menschen mehr, dem ich mich offenbaren konnte, und musste dabei den ganzen Tag dem Feinde meiner verlornen Freunde gegenüber die trockensten und langweiligsten arbeiten verrichten. Allein das Mass war noch nicht gefüllt: ich erhielt einen Brief von Franzesco ohne Datum und Ort, er war ein Bild des Wahnsinns, der Tod Ceciliens und verwirrte Ideen von Selbstmord waren die einzigen lichten Stellen. Mein Schmerz war grenzenlos, alle Hoffnung war gebrochen, ich unterlag, eine Sinnenermattung warf mich nieder, ich konnte nicht ausser dem Bette sein. Bei allem dem musste ich arbeiten, mein Vater brachte mir die Briefe ans Bette, die ich beantworten musste. Ihn selbst schien in dieser Zeit etwas ganz eigenes zu rühren. Eines Tages war ich matter als je, einige arbeiten hatten meine letzten Kräfte erschöpft, die Gegenstände verschwanden um mich, und ich starrte träumend vor mich hin, bis ich einschlief. Da ich wieder erwachte, war es Nacht, der Mond schien in die stube und erleuchtete eine Statue der heiligen Marie, die zu den Füssen meines Bettes in einem Glasschranke stand. Der goldne Mantel des Bildes glänzte schön, und die Glorie leuchtete wunderbar heilig um das liebliche süsse Angesicht der Mutter. Ich glaubte, Cecilie stehe vor mir, ich war ganz in die Anschauung der Erscheinung zerflossen, und fühlte sie in und ausser mir; so schlummerte ich wieder ein, und auf einem seligen Traume schwebte das Bild in meinen Schlaf hinüber, und bewegte sich lebendig mit himmlischer Grazie in meinen trunknen Sinnen. Es war mir, als bräche sich des Bildes Schein in drei grossen Spiegeln in mir, und Franzesco, Cecilie und die Mutter lebten in mir; dann hörte ich eine rauhe stimme, Pietro, mein Vater, stand vor meinem Bette, mit einem Lichte in der Hand, er sprach: "Antonio, ich verreise, in vierzehn Tagen kehre ich zurück, dann sollst du angenehmere Tage haben, jetzt arbeite fleissig."

Ich stellte ihm vor, er möge bis zu meiner Genesung bleiben. Allein dazu war er nicht zu bereden. Er befahl und reiste. Nach einigen Tagen konnte ich wieder auf sein. Der vierzehnte Tag erschien, es kamen einige Neapolitanische Offiziere zu mir und fragten nach der Signora Fiormenti. "Die ist schon längst tot", erwiderte ich. "Nein, nach der jetzigen Gemahlin Fiormentis fragen wir; sollte er noch nicht angekommen sein?" – "Ich kenne sie nicht," erwiderte ich stammelnd, und bat die Herren, mich zu verlassen. Also eine neue Mutter erwartete ich. Ich fand die Sache mit Vorteil verbunden, denn so wurde mein Vater doch beschäftiget; und musste nicht jedes Weib besser sein als er, schon weil sie ein Weib war? Der Gedanke, an ihr ein Organ zu finden, durch das ich zu ihm sprechen könnte, tröstete mich. Den Mangel des Zutrauens zu mir, der in der Verheimlichung der Sache lag, war ich gewohnt, und harrte mit einiger Neugierde auf die Weiblichkeit meiner neuen Hausgenossin.

Der Abend kam, mein Vater stieg aus dem Wagen, aber es war kein Weib bei ihm. Ich wagte ihn nicht zu fragen. Er ging auf seine stube und schrieb, dann verliess er das Haus um die zehnte Stunde. Ich hüllte mich in meinen Mantel und folgte ihm. In einem entlegenen Teile der Stadt trat er in ein Haus, dessen Fenster festlich erleuchtet waren, und aus dem mir das Getümmel muntrer Gäste und der Klang fröhlicher Musik entgegenschallte. Ich stellte mich dem haus gegenüber an eine Gartenmauer, und lauschte ängstlich auf jede weibliche stimme, um in ihr die stimme der Braut zu bemerken. Ich war