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ist. Es lag in allen seinen Bildern eine geheime sehnsucht nach irgend einem andern gegenstand, und es war mir oft vor ihnen, als sagten sie mit dunkeln unverständlichen Worten: "Wir sind die wahren nicht"; sie schienen ewig zu entfliehen, um höhern Wesen die Stelle zu räumen, oder standen ängstlich da, als ständen sie nicht an der rechten Stelle. In Blumen, Stilleben hatte er es weit gebracht, und in seinen Arabesken lag sehr viel Harmonie und Musik. Cecilie, welche eine sehr geschickte Stickerin war, hatte ihn zu diesem Teile der Kunst besonders gestimmt. So lebten wir drei Jahre lang in einem zarten Wechsel von Arbeit und traulicher Erholung in unserm kleinen Zirkel, der heilige Stunden umfasste, Stunden, die mir mit seiner Zerstörung nimmer wiederkehrten.

Der traurige Zeitpunkt trat ein, in dem der innere Harm meiner Mutter ihren Körper besiegte. Sie bekam heftige Krämpfe auf der Brust. Cecilie und Franzesco verliessen ihr Lager nicht, sie teilten den kostbaren Schatz ihrer letzten Augenblicke, und wenn ich einige Minuten von den Geschäften loskommen konnte, so trat ich zu ihnen, und wir alle hörten die Lehren und den Trost unsers sterbenden Glücks. Die fürchterliche Stunde kam heran, der Vater wagte es nicht, sich dem Krankenbette zu nahen, er reiste weg, ohne jemand zu hinterlassen, wohin. Vor ihrem tod hatte jeder von uns dreien eine besondere Unterredung mit ihr. Ich war der letzte, sie starb in meinen Armen, mit den Worten: "Antonio! du bist der stärkste, nimm dich Ceciliens und deines unglücklichen Bruders an." Die Zerrüttung war fürchterlich unter uns; von dem Sterbebette musste ich auf die Schreibestube, der Vater war weg, Franzesco war in Wahnsinn verfallen, und Cecilie stumm und ohne Bewegung, nur dann und wann löste sich die Wut ihres Schmerzes in einem heftigen Schrei, der das ganze Haus durchschallte, und unter allem diesen Jammer arbeitete ich des tages und wachte die Nacht bei den zwei Leidenden. Da Cecilie wieder etwas besser war, liess ich sie in ein Kloster bringen, in dem eine Freundin unsrer Mutter Äbtissin war, weil sie ihren Kummer dort ruhiger zerstreuen konnte, bis ich mit meinem Vater weitere Massregeln mit ihr ergreifen konnte. In Franzesco kehrte mit seinem Verstand auch seine Liebe zurück, und ich konnte ihn nur mit der Vorstellung über Ceciliens Abwesenheit beruhigen, dass ich sie meinem Vater und seinem Verdrusse hätte entziehen wollen.

Der Vater kehrte zurück und mit ihm seine Strenge. Er billigte mein Verfahren mit Cecilien, doch wohl nicht aus der Ursache, die mich bewogen hatte. Franzesco und ich besuchten sie öfters, und unsre Zuneigung zu diesem lieben Wesen ward um so heftiger, als sie uns durch den Verlust der Mutter einziger und unentbehrlicher geworden war. Mein Vater war einst nach Tische vorzüglich guter Laune, und einige Mönche, die ihm und seinem Weine Gesellschaft leisteten, nicht minder. Er äusserte sich, er werde Cecilien eine Nonne werden lassen, und verbot uns daher für die Zukunft, sie zu besuchen, weil wir beide zu weltlich gesinnt wären. Meine Bitten rührten ihn nicht, und den schrecklichen blick Franzescos, der in seiner Gegenwart immer stumm war, verstand er nicht. Sie ward hierauf in ein anderes Kloster gebracht, und wir konnten sie nicht mehr sehen.

Franzesco hatte nun alles verloren, was ihn ans Leben fesselte, er brachte den ganzen Tag auf einsamen Spaziergängen zu, und ängstigte mich mit seinem heimlichen, stillen Betragen sehr.

Eines Abends kam er in die stube meines Vaters, seine Erscheinung war mir ungewöhnlich kräftig, er ging auf mich zu, umarmte mich heftig und trat dann vor den Vater mit den Worten:

"Vater? wo ist Cecilie?"

"Sie ist im Kloster", erwiderte dieser unwillig, "und wird die künftige Woche eingekleidet werden."

"Sie wird nicht eingekleidet," erwiderte Franzesco, "denn sie liebt mich und ich sie; sie ist meine Braut, und ich werde ihr Gatte sein."

"Sie ist die Braut des himmels, Bube!" brach mein Vater im Zorne aus: "denke, wie du leben kannst; reiche ich dir nicht schon zwanzig Jahre Almosen, Ketzer! An ein Weib denke nicht, denke an Brot."

Franzesco erbebte im Innersten, fürchterlich stand er da, wie ein Mensch, der sich von der natur losreisst, die Bande des Blutes rissen tief in seiner Seele; ich fasste ihn in meine arme, damit er seinem Vater nicht lästern möge, und er rief mit Wut folgende Worte: "Gerechter Himmel! Gott und meine Mutter seien meine Zeugen, ich will mich nähren und sie, und kein Bissen mehr von deinem Tische! Grosse ungeheure Schuld über mir, ich muss dir alles wiedergeben, was du mir gabst, und habe gegen meinen Vater mich empört." Ich führte ihn nach seiner stube, er stand starr und stumm, sein blick wurzelte in den Boden, da floss ein Strom von bittern Tränen über seine Wangen, er umklammerte mich festach! ich wusste nicht, dass dies der letzte Rest meiner Freude war, die ich zum letztenmale umarmte. – Er bat mich, ihn allein zu lassen; ich hörte ihn noch lange über mir mit schnellen Schritten auf und abgehen, bis ich einschlummerte.

Der folgende Tag erschien, ich eilte auf seine stube

und fand ihn nicht mehr. Ein Brief lag auf dem Tische:

"