entgegen sieht, die ihn besitzen. Mein Vater, der bei Bergwerken mehr Sinn für den Inhalt der Tiefe als bei Menschen besass, berührte mit all seinem Geize diese Fülle nie, die sie in Liebe und inniger Teilnahme über uns ausgoss. Ihre Handlungen gingen immer mit ihren Äusserungen in gleichem Schritte; wo ihr Geist viel weiter als ihre Äusserung war, verbreitete er über diese eine helle, deutliche Allgemeinheit, so dass, indem sie das Ganze im Einzelnen äusserte, sie weder der Welt durch ihre Grösse drückend, noch sich selbst ungetreu werden konnte; und wahrlich, nur der blick nach innen, nur ihr hohes Selbstbewusstsein konnte sie für den Druck einer rauhen Umgebung, für die harte Behandlung meines Vaters und seine ungestüme Liebe zu ihr entschädigen. Ich habe sie nie gegen ihn murren hören, und zu uns, die wir ihre Freunde waren, sprach sie nie von ihm als mit allgemeinen Worten der achtung und Pflicht.
unsrer Mutter ging es sehr kümmerlich, sie teilte ihr kleines Taschengeld mit uns und den Armen. Mein Bruder war ihr ganz heimgefallen, mein Vater hasste ihn, indem er durch seinen allgemeinern Sinn und seinen Künstlerglauben keinen Berührungspunkt in dem engen Herzen des Kaufmanns hatte. So umfasste die Mutter den Sohn mit doppelter Liebe, da sie ihn lieben und schützen musste, und legte in seinem Herzen dadurch den Grund zu der wunderbaren Leidenschaftlichkeit seines Gemüts, die die wirkung des wirklichen Lebens auf ihn so rauh und schmerzlich machte. Er verliess sie selten, sass halbe Tage zu den Füssen dieser Märtyrerin, und suchte ihren stillen Kummer, den er aus Delikatesse mit Worten nicht zu zerstreuen wagte, mit Singen, Vorlesen oder Verfertigung kleiner allegorischer Bilder zu zerstreuen. Seine Liebe ward immer heftiger in ihm, sie brannte eigentlich ohne Gegenstand und verzehrte ihn selbst; sein ganzes Dasein war umfassend und voll Wunsch ohne Hoffnung, so dass er ewig in sich selbst zurückkehrte, und indem er an sich selbst allein immer von neuem und neuem bestimmen musste, ward er der unbestimmteste, undeutlichste Mensch. Meine Mutter gab sich ihm ganz mit ihrem innersten Wesen aus Mitleid hin, und er verwuchs mit seinem eignen Ursprung, aus dem er sich doch hätte entfernen und sich seinen eignen, freien Raum hätte erfüllen müssen. Bald lag keine einzige Folge mehr in seinen Gedanken noch seinen Handlungen, und wer nicht sein Bruder oder seine Mutter war, musste über den zerstückten, seltsamen Menschen trauren. Bald bemerkte die Mutter selbst diese leidenschaftliche Liebe in ihm mit Angst, und fühlte nur zu sehr, dass sie ihn ganz vernichten müsse, um sich ihm zu entwinden; umso lieber ergriff sie die gelegenheit, die sich ihr darbot, seiner leidenschaft einen andern Gegenstand unterzuschieben. Sie nahm die Tochter einer Freundin zu sich, die ihre Ehre auf dem geradesten Wege der natur verloren hatte. Die Mutter des Kindes verlor sich, und die Anverwandten hörten, dass sie gestorben sei. Cecilie wurde bis ins vierzehnte Jahr bei meiner Muhme in Ancona erzogen, dann nahm sie unsre Mutter zu sich, voll Freude, ein weibliches Wesen um sich zu haben, die Jugend, diese verlorne einzige glückliche Zeit ihres Lebens, noch einmal in einem zarten Herzen zu sehen, und sich gleichsam in diesem Spiegel nochmals unter Sonne und Liebe zu entwickeln. – Mein Vater fragte öfters bitter, wo denn das Kind herkomme? und da meine Mutter antwortete: "Von der Unschuld und Armut" so fragte er: "Was soll aus ihr werden?" – "Meine Tochter", antwortete die Mutter. "So!" sagte er bitter, "ich werde nie Ihre Kinder anerkennen, die nicht die meinigen sind," und verliess uns.
Cecilie war nun die stete Gesellschafterin Franzescos und der Mutter, die mit Freude bemerkte, wie diese beiden sich immer näher und näher kamen, und endlich sich ganz durchdrangen.
Ich brachte den grössten teil des Tages in kaufmännischen Geschäften zu, und machte nebenher kleine Spekulationen zum besten Ceciliens, der ich für den Fall der Not einen heimlichen Schatz sammelte, denn ich liebte sie herzlich, und wusste, dass der Vater ihr nichts geben würde, die Mutter nicht könne und mein Bruder viel zu sehr aus ihren Augen getrunken hatte, um nur den Gedanken an Ernähren möglich werden zu lassen. Meine Mutter begünstigte Franzescos leidenschaft auf alle Weise, um sich mit ihm selbst wieder in das Verhältnis kindlicher und mütterlicher Liebe gesetzt zu sehen, denn sie hatte sicher erfahren, dass Franzesco von dem freisten, allgemeinsten geist der Liebe beseelt war, und keine gefesselte Unterabteilung ihn zu beschränken vermochte.
Ich sah Cecilien selten, ja es gab eine Epoche, in der ich sie sorgfältig vermied, denn ich liebte sie; und warum soll ich es nicht gestehen, da alle diese Lieben nicht mehr sind? Ich fand einen grossen Genuss darin, meinem Bruder ein stilles Opfer mit dieser leidenschaft zu bringen. Franzesco hatte sich der Malerkunst gewidmet, und würde es weit gebracht haben, hätte seine Schwärmerei, sein nicht ganz heitrer blick in die Zukunft und sein durch den Umgang mit den zwei einzigen Weibern tief, aber einseitig bestimmter Umgang seiner Phantasie kühnere Bilder gereicht. Sein ganzer Stoff lag in ihm und seinem kleinen Zirkel. Er konnte nur stille, zarte und leidende Gestalten bilden, und das Höchste war so ewig über seiner Grenze; er fühlte das innerlich, doch wusste er es nicht, und siechte, wie jede volle Seele leise hinwelkt, die von der Vollendung zurückgehalten