1801_Bretano_008_60.txt

mich nach den Stunden umzusehen, die hier so schön gewesen waren, als er noch da war, sah ich das Wort Freunde unter die Namen geschnitten. Eine schmerzhafte Empfindung durchdrang mich, als ich diese Hinzusetzung las. Hatte ich mehr erwartet als Freundschaft, und bin ich wert, dass er mir mehr gebe? Ach! ich törichtes Mädchen weinte, als habe er mir unrecht getan, und jetzt sehe ich das Wort schon so gerne, dass ich es unterstrichen habe.

Diesen Mann nun soll ich sehen, ungestört, in der schönsten Gegend, bei der Einsamkeit und Einfachheit. Fühlst du wohl, wie schwer dies Gegengewicht ist? Und doch ist es besser, wenn ich ihn nicht sehe, da er mir nie mehr als Freundschaft geben kann, und die Forderungen meines Herzens noch so vorlaut sind. O, wenn du doch da wärst, liebes Mädchen, und mich zu dir fortreissen könntest; ich glaube doch, wenn du vor mir ständest, ich könnte Godwi vergessen.

Welche Veränderung in mir, wenn ich lese, was ich sonst schriebdas war alles so leicht und so deutlich, wie ich es dachte, und jetzt kann ich nicht einmal alles schreiben, was ich denke, die Worte fehlen, und doch finde ich viele Worte in diesem Briefe, die mir fremd vorkommen, die ich nie gehört habe als von Godwi. Auch denke ich vieles, was ich sonst nicht dachte und wieder von ihm ist. – Doch, was nützt das alles. Hier ist auch von ihm, und vielzuviel.

Wenn du mir schreibst, so sage mir, welcher von deinen Brüdern mich abholen soll, ob es der sonderbare undeutliche, ungezwungene, der sonderbare ernstafte, zierliche oder der sonderbare trockne, spasshafte ist. Jeder dieser sonderbaren drei Herren erfordert ein eigenes Benehmen, bei jedem müsste ich anders in den Wagen steigen. Dem ersten muss man Zutrauen ohne Vertrauen geben, seine Schwäche nicht zeigen und ihm nicht sagen, dass er nicht gut sei. Der zweite duldet keine Schachtel im Wagen, er erfordert lauter Eleganz, und man weiss gar nicht, wie man ihn eigentlich ansehen soll, weil man noch keine englischen Patentblicke hat. Der dritte endlich fordert Duldung für Tabak, Widerspruch, Bisarrerie und Spass. Darum zeige mir meinen Schutzgeist vorher an, damit ich in der Überraschung meine Rolle nicht fallen lasse. Lebe wohl!

Joduno

Antonio Firmenti an Godwis Vater

Segen über Sie und das Ihrige! Sie haben mir die fröhlichste Nachricht erteilt, die ich seit zwölf Jahren erwartete. Mein Bruder, mein geliebter Franzesco lebt und ist in den Armen eines Freundes. Meine Nachfragen sind ganz Europa durchlaufen, fünf Jahre lang habe ich selbst alle grosse Städte durchreist, ohne eine Spur von ihm zu finden. Schon wollte ich auf die Freude Verzicht tun, ihn je wieder zu umarmen, schon löschte die Zeit sein Bild aus meinen Augen, als er mir plötzlich und unerwartet wiedergefunden ist. Die wenigen Blicke, die er Sie in sein Schicksal tun liess, will ich Ihnen, soviel als möglich, erläutern. Seine Geisteszerrüttung, die mich so sehr schmerzt, würde es ihm ohnedies zu gefährlich machen, in der Darstellung in seine Leiden zurückzukehren. Wenden Sie alles an, ihn so viel als möglich zu zerstreuen und wieder herzustellen. Ich sende Ihnen hierbei einen Wechsel auf dreihundert Pfund Sterling; geben Sie mir von Zeit zu Zeit Nachricht von ihm, und wenn Sie mir endlich den glücklichen Punkt melden, wenn er fähig ist, die Erschütterung des Wiedersehens zu ertragen, so komme ich selbst, umarme ihn und führe ihn dem sanften Himmel seines Vaterlandes zu. Doch jetzt zur Erzählung seiner geschichte, die die geschichte meiner ganzen Familie werden wird, die Sie ganz kennen müssen, da der Himmel Sie zu ihrem grössten Wohltäter gemacht hat. Ich werde ganz aufrichtig sein, und Ihnen meine innersten Meinungen über diese Familie aufschliessen.

Unser Vater war ein redlicher, kluger und reicher Mann, doch alles dieses aus kaufmännischen Gesichtspunkten betrachtet. Redlich, ohne doch die sogenannten Handlungsvorteile zu verwerfen, klug in Spekulationen und bürgerlichen Verhältnissen; auch seine Religion war Spekulation auf den Himmel, Verhältnisse mit der Menschheit hatte er wenige, und hier waren Mönchsköpfe seine Maschinen, reich an Gütern des LebensGott segne seine Asche!

Wir beide waren seine einzigen Kinder; das Taufbuch bezeugte es, sonst hätten wir es wenig erfahren, denn er war rauh und hart. Ein Glück für uns war es, dass er auch stolz war, so dass er wenig mit uns sprach, und nur seine Mienen uns weh taten. Wir standen in keinem Umgange mit ihm, und sahen ihn oft wochenlang nicht, bis der Tod unsrer vortrefflichen Mutter uns plötzlich in eine engere Verbindung mit ihm brachte, die um so drückender war, da die freundliche Mittlerin nun fehlte. Sie war die Tochter eines vornehmen Römers, der wegen einiger gewagter Ausfälle auf den Nepotismus Rom verlassen und seine Güter bezogen hatte. Ihr Vater hatte sie zum geistvollen, vorurteillosen weib gebildet, und ihre Mutter ihr Herz und ihre Sitte zu einer Zarteit der Empfindung und einer Bescheidenheit geleitet, die sie fähig machten, den Flug ihres Geistes und die Freiheit ihres Denkens auf dem Punkte in der Erscheinung zu begrenzen, auf dem Weiber, um die Forderungen der sogenannten Weiblichkeit nicht zu übersteigen, verweilen müssen, und der in sie jenen unergründlich reizenden Hintergrund legt, der uns wie ein verborgener Schatz aus den tiefen Augen der wenigen