stube übersehe, habe ich fast auswendig gelernt. Der Himmel allein ist es, der mich unterhält, die Wolken mit ihren tausendfaltigen Gestalten sind meine einzige Lektüre; bald suche ich Umrisse von Gesichtern, bald Schlösser, bald kämpfende Drachen und Schlangen in ihnen, und indem sie selbst immer leise zerrinnen, wird aus meinen einzelnen Arten ein allgemeines Dichten, ohne eigentlichen Stoff; doch lange dauert es nie, so steht Godwi mitten drinne. Oft sehe ich ihn in allen Ecken. Stundenlang sitze ich in dem Armstuhl auf seiner ehemaligen stube; alles, was von ihm übrig ist, habe ich durchsucht, und ein Stückchen Papier, worauf er, indem er die Feder probierte, meinen Namen und seinen schrieb, liegt unter den heiligsten Blättchen meiner Brieftasche. Der Morgen, an dem er wegging, ist sehr traurig für mich gewesen, ich wusste gar nicht, wo ich bleiben sollte; ich ging in meiner stube an die Kommode, in der meiner verstorbenen lieben Mutter ihre Kleider liegen, nahm sie heraus und betrachtete die schönen Kanten und schwarzen Paladine, las in dem Kalender, in den sie geschrieben hatte, wann ich geboren war, und setzte mich dann an ihr künstliches Spinnrad, das mein Vater ihr zur Hochzeit schenkte, und spann, indem ich heftig weinte, um Godwi und die Mutter. Es ist so allein, es hallte alles wieder, ich klettere an jedem Schranke in die Höhe, um zu sehen, ob nicht etwas Vergessenes oben liege, das mich zerstreuen könnte. Die alte Margarete hat alle ihre Gespenstergeschichtchen wiederholt, die Legende und hundert königlichen Jagdgeschichten habe ich durchgelesen und möchte fast, dass mir ein kleiner Schlosszwerg erschiene, und mir irgend einen geheimen Schrein voll der seltsamsten Sachen entdeckte. Aber ich glaube, fast alle meine Gross- und Urgrossherrn waren viel zu trockene Leute, als dass so ein poetisches Männlein bei ihnen hätte sesshaft werden können. Es ist mir wie einem Indianer, an dem eine herrliche Musik mit allen ihren blitzenden Tönen vorüberrauschte, die göttlichen Flammen schlingen sich um seinen unschuldigen Sinn, und er kann nimmermehr ruhen, weil er die glänzenden Töne vermisst, die in einem Augenblicke einen Himmel aufschlossen, den er nimmer wiedersieht. Godwi ist nun fort, ich finde ihn nirgends, aber er hat eine Begierde in mir entzündet, die er selbst nicht ausfüllen kann, eine Begierde nach Dingen, die ich nie kannte. Ich liebe Godwi nicht, denn er ist viel weiter als ich in allem Leben. Vieles, was ihn ganze Stunden beschäftigt, fällt mir gar nicht auf. Seine ganze Stimmung kann durch einen kleinen Misston, durch eine auf andre gar nicht wirkende Wendung der Unterhaltung zerstört werden, und oft ergreift ihn wieder die grösste Heiterkeit bei Dingen, die mich gar nicht rühren. Ich scheine mir viel zu arm für ihn. Er selbst liebt sich wenig, und oft hat er mir geklagt, er sei sich viel zu wenig gegen andre Menschen, die er kenne. Und nun sieh das Verhältnis: für mich waren die Empfindungen, die er in mir hervorbrachte, die unbegreiflichsten, höchsten, die ich je gehabt habe; er selbst, um den er sich so wenig bekümmert, war mein einziges Dichten und Trachten. Wenn er scherzend sprach, musste er mir oft vieles erklären, und wenn er ernst sprach, war er mir oft unverständlich, und doch hörte ich ihm dann gerne zu, ich hatte die Empfindung der italienischen Musik dabei, wo ich den Text nicht verstehe, oder sah ihm in die Augen, die ihm oft abtrünnig mit vielen Dingen umher ein ganz eigenes Gespräch führten. Er verband immer die grösste Delikatesse mit einer hohen Vertraulichkeit, und nie hat er mir von Liebe gesprochen. Wenn ich an ihn denke, wie er hier war, so zerfällt mir diese Zeit in eine Menge von Zusammenstellungen und Gruppen, unter denen einzelne mir besonders hervorspringen. Ich sass einst in einer kleinen Gitterlaube mit ihm abends im Garten, ich sah ins Tal hinab, und er sass auf der Erde zu meinen Füssen, der Mond schien herein, und der Schatten der Gitterlaube fiel über seine Gestalt; wenn ich ihn ansah, so war mir es, als wäre er gefangen, aber nicht von mir, als wäre er gefangen von einer andern Welt. Da legte er seine hände auf meine Knie, und bald auch seinen Kopf, und wir sprachen nur wenig mehr. Dass ich sagte: "Ich will schlafen", und den Kopf auf den Arm legte, und dass er sagte: "Wir fangen an ganz stumm zu werden", ist wahr, aber von beiden Teilen eine kindische Entschuldigung gewesen. Wir gingen sehr still zurück, er nur sagte etwas schüchtern: "fräulein! würden Sie auch einem andern erlaubt haben, seine arme und seinen Kopf auf Ihre Knie zu stützen, oder wollen Sie mir besonders wohl, und warum tat ich es?" Hier ging er auf seine stube, und diese fragen stehen beide ganz verlassen und nackt in unserm Leben; diese fragen, an die sich eine Folge von schönen Rätseln und Auflösungen hätte knüpfen lassen. Den Abend vor seiner Abreise schnitt er meinen Namen in die Eiche, er ging dann auf seine stube, um einiges in Ordnung zu bringen; ich blieb allein zurück und musste seinen Namen unter den meinigen setzen, es kostete mir viele Mühe, und ich habe mir zweimal die Hand dabei verletzt.
Als ich gestern hinkam, um