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dich noch reizend sein können, weiss ich nicht, denn du hast mit einem glänzenden, bunten Leben das alles vertauscht; aber ich, ich kann nimmer das zarte Leben vergessen, in dem wir so verschwistert nebeneinander einhergingen; die grosse, stille Laube, am steilen Abhange des Klostergartens, ist nirgends mehr in der Welt. Wie die Mühlen klappten, die Bäume rauschten, und sich unten alles in den dunklen Wellen eines lebenden grünen Meeres bewegte. Immer steht mir noch ein Abend im Sinn: der Bruder der Priorin und ein freundlicher geistlicher Herr waren angekommen, und es war ein grosses fest im Kloster. Nach Tische mussten wir beide das Ave singen, um den Fremden eine Freude zu machen, und es war uns so gut gelungen, dass uns erlaubt wurde, eine Bitte zu tun; wir besannen uns lange, damit wir die rechte tun möchten, und standen beide am Fenster, miteinander zu überlegen. Es war Abend und ganz dunkel draus, da ging auf einmal der Mond auf, und der Garten war so schön, die kleinen Springbrunnen rauschten so freundlich, dass du um die Erlaubnis batst, eine Stunde in den Garten gehen zu dürfen.

Als wir unten durch die dunklen Gänge gingen, da wurde uns sehr wohl; wir setzten uns in die Laube und sahen in das glänzende Tal hinab. nachher merkten wir, dass der alte Gärtner noch wachte, wir klopften an sein Fensterchen, da kam er dann heraus, setzte sich zu uns in die Laube und erzählte uns, wie er sich als kleiner Knabe bei seinem seligen Vater erinnere, dass hier in der Laube sich einmal ein wunderschöner junger Prinz in eine Nonne verliebt und sie nachher entführt habe. Wie der Gärtner fort war, sprachen wir noch lange von der Liebe, und wählten uns jede einen Ritter, und schufen an ihnen allerlei kleine Liebenswürdigkeiten, die wir teils an den Freunden unsrer Eltern, teils an unsern Gespielen bemerkt hatten, zum Heldencharakter um. Ich wollte einen lustigen, offenherzigen Ritter mit braunen Locken; er brauchte gar nicht alle zu besiegen, nur meine Lieblingsfarbe Himmelblau musste er tragen, auch tanzen, singen, und nun, auch sehr zärtlich sein konnte er. Dein Auserwählter war schon viel preziöser und zusammengesetzter. Er hatte schon den Zug ins heilige Land vollbracht, du wolltest ihn zum Lohne seiner arbeiten mit deinem grossen schwarzen Auge freundlich anblicken, und ihn die Rätsel und Charaden deines Witzes auflösen lassen. Er war ein ernster, erfahrner Mann, voll Wahrheit und milder Majestät. Sein Auge musste schwarz sein, und nicht einen süssen blick wolltest du ihm verzeihen. Treue und achtung war das eigentliche Band. Sein Gewand war grau, braun oder schwarz. Perlen durfte er tragen, und die feinsten Kanten zur Halskrause, aber alles echt und einfach; auch sollte er die Ziter spielen, und du wolltest ihm verzeihen, wenn er Lieder der Liebe sänge. Aber die Erinnerung, die Zeit, die Zukunft müsste sein Vorspiel sein, er sollte sie zur Ehre der Damen singen, mit denen er in Frankreich getanzt, die er in Italien geküsst, unter deren Fenstern er in Spanien die süsseste Langeweile empfunden hatte, und am Ende sollte er dich küssen, einen ernsten Kuss der Überzeugung; dann griff er wieder in die saiten und sang ein Lied von dir, in dem sich alles, seine bunte Welt und sein wilder, strebender Sinn, ruhig gelöst hatte. –

Wenn das Glöckchen zur Mette läutete, und wir traulich wie zwei verwünschte Prinzessinnen die langen Gänge an den vielen alten Bildern hinab ins Chor schlichen, machten wir bei einem von den Bildern immer die Augen zu, es war eine Martergeschichte, und mussten deswegen Gesichterschneidens halber stehend essen. Wir waren damals die Ältesten, und freuten uns, wenn es in das Chor ging, immer über die vielen fröhlichen kleinen Mädchen, die um uns her wallten, über die neugierigen Nonnen, die die Köpfe zu ihren Türen herausstreckten, oder wie Gespenster um die Ecken herumschwebten. Wir konnten den eintönigen Gesang von den vielen Mädchen-Stimmen gar nicht mehr leiden, drehten an dem Rosenkranze und steckten die Köpfe zusammen, und ich sagte einmal recht offenherzig: "Ach! wenn doch unsre Ritter mitsängen." Wir waren immer einig, nur ein einzigesmal haben wir ein paar Stunden geschmollt; es war, als dein Bruder deine jüngere Schwester gebracht hatte. Ich vergesse den Abend nie, die Nonnen huschten wie Geister um ihn her, und keine wollte ihn vor der andern angesehen oder gesprochen haben, und er scherzte mit allen. Du wurdest aufgebracht und weintest, weil ich in meiner Einfalt die Schwester Rosalie gegen dich auslachte. Sie wanderte so sonderbar bewegt mit deinem Bruder im Garten herum, und konnte gar nicht von ihm loskommen. Die arme war deiner Tränen wohl wert, sie ist nun tot. – Wenn ich spröde, dummzierige Mädchen sehe, so wünsche ich sie immer ein paar Jahre ins Kloster, damit sie fühlen lernen, was die arme Rosalie fühlte. – Seitdem ich Godwi kenne, fühle ich, dass ich die Männer liebe, und dass nur sehr elende Weiber sie nicht lieben können. Ich freue mich auch sehr, viele gescheite und schöne Männer bei dir zu sehen. Es ist so totenstill hier im schloss, seit der Vater, Jost und Godwi fort sind, dass ich mich nicht getraue, aus meinem Winkelchen herauszugehen; das Fleckchen von unserm Garten, das ich aus meiner