und den Gewinst für mich als Gewinst gelten zu lassen. So stelle ich mir immer unter den Figuren des Schachbretts eine Menge Charaktere vor, die ich durch mein Spiel, gegen den gegenarbeitenden Mitspieler, der mir das Schicksal vorstellt, in eine dramatische Zusammenstellung zu bringen suche, und so weiss mein Gegner nie, wie ich nur so dumm spielen kann, gerade wenn ich am zufriedensten bin, und mein Held recht herrlich dasteht. Es wird dann meistens ein Trauerspiel, und ich stehe recht gerührt und mit tiefen Betrachtungen über das Geschick auf, während mein Gegner mir vorwirft, dass ich geizig sei, und unzufrieden, wenn ich gleich meinen Verlust selbst verschuldet hätte. So wie mancher Dichter allein seine Werke versteht, und tief gerührt von seinen Geburten, dem Publikum die gutmütige Äusserung abgewinnt, wenn er nur etwas Lesbareres schrieb, da würde er nicht vor Armut Tränen weinen.
Auch mit dem Billardspielen geht mir es so; ich möchte immer gerne mit den schönen weissen Bällen irgend eine Gestirnstellung auf der grünen Fläche hervorbringen, und der andere stösst mir alles in die Löcher.
Ich schrieb dir meine Krankheit mit Fleiss nicht eher, bis ich wusste, dass ich leben bleiben musste, und wäre ich gestorben, so hättest du nichts davon erfahren, denn nur im Vergessen wird man glücklich.
Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs, und – lebe wohl!
Godwi
Fortsetzung meines Tagebuchs
Ich fühlte plötzlich, dass ich mich in meiner Erzählung verloren hatte, und aus der Folge meiner inneren Erneuerung getreten war.
Ich hatte mich auf meiner Erzählung in mein wirres Leben zurückgetragen, ich hatte meinen Talisman abgelegt. Meine ganze Umgebung sprach mich wieder fremd an. Ich war mit diesem zarten einfachen Leben uneins geworden, und schauerte, in alle Farben der wilden Welt gehüllt, vor dem Umriss meiner Lage, die mich so farbenlos wie ein Geist anredete – die natur kommt uns armen unnatürlichen Menschen leider oft so übernatürlich vor.
Tilie, die an meinem arme hing, schwieg. Ihr Anblick überraschte mich, und ihre Berührung machte mir bang; die ganze Reihe von Bergen um uns her, deren Häupter unsre Nachbarn waren, verschwammen im Mondenglanz in die Wolken, und türmten sich regellos wie Dampfsäulen wechselnd in den Himmel.
Eine unergründliche Tiefe zwischen Jetzt und Ehedem, wie die Täler zu meinen Füssen, ohne eine einzige Gestalt, wie siedende Kessel voll weisser Nebel und Dünste, ein ganzes Klima zu erschaffen.
Alles um mich her, ohne eine einzige Stelle, etwas hinzustellen, alles so voll und so wogend wie ein Meer, und in mir die drückende Last und der Drang, mich ewig von den Erinnerungen zu trennen, die, ohne Frucht üppig in Blätter und geruchlose Blüten schiessend, jedem Bessern die Nahrung stehlen.
Alles das hatte mich zugleich umfasst, meine ganze Vergangenheit, die ich durch meine lebhafte Erzählung erweckt hatte, ergoss sich missgestaltend in meine Gegenwart, ich war ganz verloren, und wachte in dem abenteuerlichsten Traum.
Ohne irgend etwas zu denken, meine Seele wie in einem Wirbelwinde unter tausend Bildern und Ungestalten herumschwindelnd, blickte ich in den Wald, während ich mit vollem Bewusstsein neben Tilien in der herrlichen Nacht hätte gehen sollen.
Ich blickte schon eine Zeitlang auf einen leuchtenden Punkt im Holze, der, zwischen den Bäumen hin und her schwankend, in der Ferne zwischen die Blätter leuchtete, und das Grün der Bäume entzündend, schimmernde Zweige in der tiefen Nacht des Waldes erblühen liess. Meine Zerstreuung suchte dies nicht näher zu erforschen, sondern reichte bequem lieber zu dem nahen Gefühle, das mir so oft die erleuchteten Hüttenfenster auf meiner Reise einflössten.
Unwillkürlich malte ich mir eine kleine Bauernstube, und fühlte das Behagliche der Ruhe nach der Ermüdung; ich sah die Kinder rund um den Ofen, die Spinnräder und die Lampe nach der Reihe einschlafen, und dachte gar nicht dran, dass hier auf eine Meile weges keine Bauernhütte sein könne.
Ich wollte schon anfangen, Tilien meine Gefühle über die Hüttenfenster mitzuteilen, als es mir auffiel, dass sie so lange geschwiegen habe.
Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt uns unsre Erziehung macht; unsre Seele wird vom bürgerlichen Leben, wie von einem Tanzmeister, in eine wunderbare steife Konsequenz und eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit geschraubt, die, sobald wir in die natur treten, zu höchstverderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit führen.
Mit meiner Rückkehr in meinen vorigen Seelenzustand verbanden sich nach und nach alle seine Schwächen, so wie ein Weltmann nicht leicht einen französischen Pas und einen natürlichen Sprung in der Mitte vereinigen kann.
Ich war zu verwirrt, ich möchte sagen, zu erniedrigt, um Tiliens hohes, reines Leben voraussetzen zu können, und meine Frage, warum sie so lange geschwiegen habe, schien nur eine gewöhnliche Dame zu berühren. Ich vermutete, sie sei ängstlich geworden, meine Erzählung von der weissen Marmorfrau, die Nacht und die Einsamkeit mit mir habe in ihr jene weibliche Furcht erregt, die uns Männern so hinreissend wird, weil sie eine der wenigen Aufwallungen ist, in denen sich das eigne innere Verhältnis noch äussert.
Es ist so selten, dass die blosse Liebe von beiden Seiten gleichtätig die Geschlechter näher verbindet, dass uns bis jetzt die raschere, bestimmtere Annäherung zugeteilt wurde; ebendeswegen tut es uns äusserst wohl, wenn wir einmal der feststehende und nicht der bewegte teil sind, wenn eine Bewegung der Luft, oder das Gewicht der Reife, die Rosen oder die Früchte, die wir pflücken wollen, uns entgegen bewegt