1801_Bretano_008_50.txt

sie hier auf dieser freien Stelle

Am Boden ruhig sitzend fand, sie lauschte,

Wie eine Nachtigall die süssen Töne sang.

Ich setzte mich zu ihr, und wir verbanden

Mit kindschen Schwüren unsre kleinen Herzen.

Als sie mich drauf verliess, pflanzt ich und sie

Die Pappeln hier zum ewigen Gedenken.

Und wie die Bäume wachsen, sieh, so sind wir

Uns lange gleich an Mut und Freud geblieben.

Doch sie, Joduno, neigt die schlanken Äste,

Sie trauert; sprich, wie hast du sie gelassen?

Ich:

Sie wollte bald zu dir herüberkommen.

Tilie:

Ich kann es kaum erwarten, bis sie kommt,

Und doch, ich weiss nicht, wie mir bangt,

Dass sie mich überraschen wird, die Gute;

Sonst freute sie mich, wie im Frühling

Die erste Blume, die sich regt, mich freut.

Ich:

Und jetztwird sie dich jetzt nicht freuen?

Tilie:

Sonst war sie jung und ihre Mutter brachte

Sie zu mir her. Wir waren beide Kinder;

Die Kinder teilen sich so gern ins Leben,

Weil ihnen allen gleich die Welt erscheint,

Doch meistens bildet sich die grössre Jungfrau

Das Leben schon zur eignen wohnung aus,

Und formt sich alles, wie's bequem und schicklich

Sich zu dem inneren Geschmacke füget.

So ist es wohl Jodunen auch ergangen. –

Ich blieb stets Kind, ich kenne keinen Zeitpunkt

In meinem Leben; wenn ich rückwärts schaue,

Ergiesst sich alles still in tiefe Ferne,

Und nimmer habe ich mit Sinn gewechselt.

Joduno wird mir nun wohl nicht mehr gleichen,

Und sich nichtAch, mich wird es schmerzen!

Wenn ich sie sonsten sah, dachte ich zurücke

Ans letztemal, es ward ein Wiedersehen.

Der Funke brach sich hell in vielen Spiegeln,

Bis zu den fernsten Bildern meiner Jugend

Erleuchtete die Liebliche mein Leben.

Wenn sie verändert mich nun hier umarmt

Wie war sie, als du sie verlassen? sage

Ich:

Sie sehnte sich nach dir, und war begierig,

Wie du und ich sich wohl vertragen möchten.

Tilie:

Vertragen möchten? – wir? Das ist nicht gut,

Hieraus wird mir kein Wiedersehenach,

Sie ist gewiss verändert, und ich finde

In ihr das treue Gegenbild nicht wieder.

Sie gab als Kind mir alles, was mir fehlte,

Jetzt fehlt mir nichts; wird sie auch alles haben?

Ich glaube nicht, weil sie sich nach uns sehnt.

Sie möchte wissen, wie du mich veränderst,

Da sie durch dich sich selbst verändert fand.

Ich:

Verändert? ach! und hat vielleicht verloren,

Was sie, die Einsame, zu deiner Freundin

Gemacht? Es tut mir weh! Durch mich verloren?

Tilie:

Es tut dir weh? – So wolltest du's; ich bitte,

Ach! wolle, was dich einst schmerzt, nicht

wieder,

Was wird Joduno fühlen? wenn sie sieht,

Dass du nun nicht mehr willst, was du gewollt hast.

Ich:

O! Tilie, ich weiss nicht, ob ichs wollte.

Ich kam auf ihres Vaters Schloss, und trübe,

So trübe Stunden lagen hinter mir,

Schnell wie ein Blitz war eine grosse Freude

Mit vieler Liebe mir hinabgestürzet.

Mein Leben war so dunkel, und ihr Auge

Erweckte freundlich blickend mir im Busen

Zuerst des Friedens holdes Weben wieder.

Es war am Abend, ruhig sank die Sonne

Und mit ihr ging mein müdes Leben unter.

Sie sprach mit mir von allem, was sie liebte,

Von ihrer Mutter, dir und deinem Vater

Ich liebte nichts, musst ich sie so nicht lieben?

Und ist mir dieser Wille nicht verzeihlich?

Der Wille? Tilie, der so leise war

Tilie:

Ich fühle wohl, wie dies in dir und andern

So ist; mir selbst ist es schon so ergangen.

Wenn du die Fremde, die du Heimat nennst,

Mit bunten Bildern rauschend um mich weckst,

Von deinen Reisen so beweglich sprichst:

So liebe ich dich nicht; und wenn ich wieder

Für mich allein dran denke, reut es mich

So ist es umgekehrt, was du getan.

Doch, trübe Stunden lagen hinter dir,

Und eine grosse Freude war verloren;

Du Armer, sprich, wie war das alles?

Ich:

Eins nur

Von allem, was du mir gesagt, betrübt mich,

Sonst wollt' ich gerne alles dir erzählen.

Tilie:

Niemals sollst du durch Tilien verlieren

Ich:

Ich kann nun fernerhin nichts mehr verlieren,

Denn alle das Vergangne ist verloren,

Und nichts mehr kann vergehen, nichts mehr

kommen,

Seit ich zum erstenmal das holde Leben

So gegenwärtig und geliebt empfinde,

Und das, Otilie, hast du mir gegeben,

Du wolltest, dass die Liebe mich entzünde.

Aus deinen Augen helle Lichter schweben,

Dass alles Dunkel rück- und vorwärts schwinde,

Doch sagtest du, du konntest mich nicht lieben.

Wenn ich das bunte Leben dir beschrieben.

So lasse mich vergessend hier gesunden,

Lass mich von meinem alten Leben schweigen,

Da du das neue schon mit grünen Zweigen

Und deiner Küsse Liebesblüt umwunden.

Du öffnest mir die kaum vernarbten Wunden,

Und in die Wunden wie in Gräber steigen,

Sollt deine holde Liebe von mir weichen,

Die ewge Freude und das Licht der Stunden.

Vertreibst du mich aus diesem Heiligtume,

So muss das junge Leben früh verstummen,

Das du mit Liebesseligkeit gewürzet.

Sind dann nicht alle