ich je das Leben selbst erschaffen, das alle diese Zwecke mir erfüllt, oder erschaffe ich jetzt die Welt mir so, dass keiner mir erreichbar ist?
Es ist mir, als stritten Wahnsinn und Poesie sich um Werdos Geist, und siegend fasst ihn diese oder jener. Der Wahnsinn ist mir wie der unglückliche Bruder der Poesie, er ist im Leben verstossen. Siegt er, dann führt er treu den schwer erkämpften Preis bis zu den Göttern, der Schwester aber tritt die ekle Wirklichkeit oft breit in den Weg, und oft muss sie für die Duldung, die man ihr gewährt, die harte Schmach erdulden, dass ihre Beute der Welt anheimfällt.
Ich verliess Werdon sehr zerrüttet, er hatte meine Ansicht der Dinge wunderbar verändert, mich fest mit seinem Glauben verwebt, dass alles, was mir entgegentrat, mir fremd und neu erschien. Seine letzten Worte hatten meine Hingebung wieder erschüttert, und ich stand wie ein unentschlossner, ungeschickter Gott da, der nicht weiss, wie er die Welt erschaffen soll, weil sie schon da ist.
Ich näherte mich den Gebüschen, die von einer Seite seine wohnung einfassen, und hörte Tilien mit Eusebion sprechen. Der Ton ihrer stimme rührte mich wie ein Zauber, es war der Ton, den ich verloren hatte, und alle meine Gedanken reihten sich, und alles war mir wieder wahr und gut, unbezweifelt – Liebe.
Eusebio sass zu ihren Füssen, versteckte sich bald, bald sah er traurig in die Höhe, doch sprach er nicht. Sie redete ihn an: "Eusebio, wie bist nur so still, versteckst dich und siehst dann wieder so traurig auf; des Knaben Herz muss froh und heiter sein."
Hier sprang er schnell auf und sagte:
"Tilie, ich will singen, fange an, ich will singen, dass ich froh werde wie ein Lied." Tilie sang:
Frei, frei
Von Trauer sei
Des Knaben Herz.
Hier fiel Eusebio ein:
Von Trauer frei
Ist nicht sein Herz;
Schmerz, Schmerz
Ganz tiefer Schmerz
Ist selbst sein Scherz.
Will nach der buch,
Will nach der buch gehen,
Wird sie dort freundlich stehen?
Will sie dort wiedersehn,
Die ich nur suche.
sehnsucht!
Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bei mir sein.
Fürchte mich nicht,
Ihr Gesicht
Ist Tageslicht.
Hier trat ich auf die Stelle, wo sie beide standen, Tilie kam mir freundlich entgegen und küsste mich; ich weiss nicht, wie mich gerade in dieser Minute eine wunderbare Verlegenheit ergriff, da ich sie in den Armen hielt. Der Knabe schien an Tiliens Klage über seine Trauer sich schalkhaft rächen zu wollen.
Er drängte sich an mich, fasste meine Hand, dann wendete er sich zu Tilien und sang:
Mild, mild
Von Liebe, schwillt
Des Mannes Brust;
Von Liebe schwillt
Auch Tiliens Brust.
Lust, Lust,
Ganz stille Lust,
Ihr unbewusst.
Sonst war der Liebe
Stille im Herzen bang,
Bis sie zum Auge drang
Und von der Lippe klang,
Ihr Spiel sie triebe.
Liebestrieb!
Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bei ihm sein.
Fürchtet euch nicht,
Mondeslicht
So freundlich spricht.
Hier liess er mich los und eilte in den Wald. Tilie rief ihm nach:
"Eusebio! Eusebio! verspäte dich nicht" –
Aber der Knabe war verschwunden, und das Echo rief aus dem wald zurück:
– Verspäte dich nicht!
Tilie wendete sich zu mir und sprach:
Ich weiss nicht, was in diesem Knaben webet,
Je mehr er fasst, je mehr verschliesst er sich,
Und sollte doch stets reicher auch mehr geben,
So wie natur, die immer mehr uns bietet,
Je mehr sie Reichtum im dem Schosse fasst.
Wie rührt mich nicht des Frühlings Kindergabe,
Der, kaum des Winters hartem Geiz entflohen,
Schon freundlich grüne Sprossen bringt und
Blumen.
Er trägt ein Kleid von dünnem Glanz gewebet,
Und sieht mit lindem Sonnenschein uns an,
Und weckt mit süssen Liedern alle Wesen.
Steht ihm auch gleich die Träne noch im Auge,
Die ihm des harten Winters Frost entlocket,
Und zittert gleich sein zarter Leib von Kälte,
Weil ihn so dünn der strenge Vater kleidet,
So regt er doch zum Tanze und zur Arbeit
Mit leichtem Flug die neugebornen Glieder.
Er schürzet sich, blickt in den festen Spiegel,
Der aller Flüsse wandelnd Leben decket,
Und unter seinem heissen Blicke springet
Der zarten Nymphen und Sirenen Fessel;
Sie fassen dankbar seiner Jugend Schöne
Und eilen, sie in alle Welt zu tragen,
Und tragen sie hinab durch alle Täler.
Mit seinem frohen Bilde kindisch spielend,
Entzünden sie zu seinem Dienst die Ufer,
Durch die sie wollustmurmelnd freudig gehen;
Die Blumen all, die an dem rand stehen,
Sie winken still hinab, ihr zitternd Bild begrüssend.
Er schwebet liebend über tote Wälder,
Die bang mit kalten Armen aufwärtslangen,
Da zündet er den Wald mit grünen Flammen,
Und alle Blätter küssen sich so lieb zusammen,
Und blicken still, das Götterkind zu fangen.
So sprach Tilie noch lange vom Leben und geben, und wahrlich, sie gibt alles, könnte ich nur alles nehmen; aber da wohnt eine unausstehliche Sparsamkeit in mir, die man immer in eurer ärmlichen Haushaltung von Leben davonträgt. Dann stand sie auf und sprach:
Der Name Reichtum kommt allein von reichen;
Hinreichen sollen wir das Eigen; allen,
Die arm sind, sollen froh wir geben,