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scherzen", verstand ich auch nicht; doch war er freundlich, langte mit der Hand herunter, und kneipte mir in die Wangen. Ich steuerte endlich weiter und tappte immer mit den Händen voraus, bis ich endlich den Ausweg fand. Ich war wieder auf einem Gange, die Musik ganz nahe, sie spielten einen Marsch; ich mache die letzte tür auf, und denke dir, ich stand auf der Strasse, der Zapfenstreich zog vorüber, ich hätte fast geglaubt, es wäre im Stükke, und bloss so natürlich vorgestellt, wenn nicht die Kutschen vorübergerasselt wären. Da hatten die Schurken mich unterm Teater weggeschickt, ich biss mir vor Bosheit die Lippen, und zog mit den Trommeln durch die Stadt, bei denen geht es doch offenherzig zu.

Du würdest mich gar nicht mehr kennen, wenn du mich sähest, so bin ich dir zugestutzt, ein leibhaftiger Engländer und Franzose habe ich werden müssen, dem Allart und dem Packan wird es heute auch so gehen, denen haue ich heute Schwanz und Ohren ab. Alle dergleichen Tiere werden hier gestutzt, das kommt vom Kronprinzen, und der hiesige Sterngukker ist schon in einer grossen Verlegenheit, wie er den Kometen, der sich jetzt sehen lässt, englisieren soll.

Du hast dem Vater geschrieben, dass du nach B. willst. Ja, das ist nun so eine Sache, die Verführung soll dort gross sein, ich habe es in der Kasette de Kolong gelesen. Was mich hier oft ärgert, ist, dass fast alles französisch spricht, und man dann kein Pipswörtchen versteht.

Der Vater meint, dass es wohl nichts schaden könne, wenn du nach F. gingst, weil du so allein zu haus bist und leicht das Heimweh kriegen könntest; aber ich meine, weil es dir nichts nutzt, da der Musje Godwi nicht weit von unserm schloss ist, und zu dir schleichen und dich mir nichts dir nichts verführen könnte. Denn sieh, ein guter Freund von mir hier in der Stadt England, der Kellner, sagt mir, in jetziger Zeit sei jedes Mädchen zu verführen, täten es die Männer nicht, so täten es die Bücher. Mit dem Bücherlesen hast du nun schon einen guten Grund gelegt, wenn nun der Fantast dazukäme, der ohnedies alle Bücher von Anfang bis zu Ende gelesen hat, da könnten wir leicht einen Schandfleck in die Familie kriegen.

Nein! zu haus kannst du platterdings nicht bleiben, du musst nach F. – Ich kann dich nicht hinbringen, ich habe viel zu viel zu tun, teils mit meiner Bildung, teils mit dem Militairwesen; dreimal ist Wachtparade in der Woche, und die übrigen Tage wird geprügelt und Gassen gelaufen, da kann ich gar nicht abkommen. Du kannst nur einen von deiner guten Freundin Brüdern verschreiben, und ihn dem Amtmann vorstellen, der wird mir schon schreiben, wenn du mit ihm fort bist, was es für ein Mensch war, und ob du mit ihm ohne Gefahr reisen kannst.

Der Godwi ist doch bekannt wie ein Pudelhund. – Letztin setzte ich mich zu einer Dame in ihre Loge, und da mir die Komödie Mackbet nicht gefiel, fing ich mit ihr an zu sprechen; der Teufel weiss, was das für eine Dame war, die musste auch von einer schönen Bildung sein, alle die Hexen und Gespenster gefielen ihr, und ich war schon zu Haus darüber hinaus, als ich mit dem Amtmanne das Buch gegen den Aberglauben gelesen hatte. Ich fragte sie, wie sie nur an den Vorurteilen Freude haben könne? Sie lächelte höhnisch, und sagte, es wären tragische Motive, Gott weiss aber, was das für Dinger sein sollen; dann sah sie immer wieder nach dem Teater, wo einer den Leuten mit schrecklichem Gebrülle weismachen wollte, es marschiere ein Dolch vor seinen Augen in der Luft.

Als ich ihr den Namen Godwi genannt hatte, ja da war ihr freilich alle das Zeug nicht phantastisch genug, der Name allein war ihr viel toller. Sie liess gar nicht mehr nach mit fragen, was ich von ihm wisse; sie sagte auch, er wäre ein sehr reizender Mensch, und da hatte sie freilich sehr recht; denn, bei meiner Ehre, du weisst, alle Menschen sind mir lieb, aber wenn mich je einer reizte, so war es dieser. Da ich ihr anvertraute, dass du in ihn verliebt seist, ward sie ganz blass vor Unwillen und ganz still. Siehst du, liebe Klaudia, alle Leute sagen es ja, dass er ein Abenteurer ist, es ist nicht meine Meinung allein. Ich wollte recht gern, dass du einen braven gesunden Mann kriegtest, denn es ist ein altes Sprüchelchen, und ein Sprichwort ein Wahrwort: Was macht die Frauen gesund und aufgeräumt? Alle Jahre ein Kind und eine tüchtige Wirtschaft; dabei bleiben sie gesund und ehrlich.

Es ist kein Einfall von mir, liebe Klaudia, viele brave solide Leute denken so. Du bist schon so mager und sehnsüchtig, um Gotteswillen, lass von diesem Wege ab, sonst bist du ein armes verlornes Kind!

Hier gibt es viele schöne Leute, besonders bei den Soldaten; da sind Kerls bei, wie die Kerzen gerad, und fest wie Brandmauern; auch sind die Strassen sehr hübsch gepflastert, und stehen gewaltig grosse Häuser in der Stadt, und viele Industrie ist da, das sägt Holz auf den Strassen und klopft Röcke aus, man muss fast die Ohren verstopfen.

Gestern