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und der Nährstand sich einander unter die arme greifen.

Die zweite Verlegenheit war den andern Tag auch morgens ganz früh. Der Vater hatte mir abends im Bette, wo er mir denn immer viele gute Lehren aus seinen Erfahrungen über den Umgang mit Menschen gibt, vieles von Gefahr mit Seelenverkäufern erzählt, die einen in grossen Städten wegnehmen, und einen zu Matrosen machen. Das nahm ich mir besonders zu Herzen, denn ihrer Schlingen, eine arme Seele zu fangen, sind unzählige.

Ich ging wieder so früh hinaus, denn ein Mensch, der Soldat werden soll, darf sich von nichts abschrekken lassen. Es war auf dem grossen Platz, wo die vielen Bäume stehen, da ging ich auf und ab, und denke dir, was das für ein Wesen mit den Frauenzimmern in dieser Stadt ist, eine ging schon da auf und ab spazieren. Sie musste wohl melancholisch sein, denn sie sah gar verwirrt aus, und tat mir leid. Endlich kam sie auf mich zu, und sagte gar freundlich, sie wünsche bei mir zu deschönieren, sie sei gar wunderbar gestimmt, und ein wenig hungrig, auch könne ich zu ihr kommen, neben ihr wohne ein Kaffeewirt, da könne ich die Schokolade holen lassen. Ich verwunderte mich ein bisschen, und meine Hunde beschniffelten sie. Sie hängte sich mir in den Arm und sagte, es sei ihr gar heiss auf dem Herzen, deswegen öffnete sie das Halstuch ein wenig; dann sagte sie: "Was das doch eine seltsame Krankheit ist, mein Herr, sehen Sie, die hände sind mir eiskalt"; da reichte sie mir die Hand, und drückte mir sie sehr heftig. Ich konnte gar nicht begreifen, was das für Manieren seien, und fragte sie, wie sie heisse? "Ich heisse Aurora", erwiderte sie, "und erwarte meine Schwester am Himmel." Ich verstand, dass ihre Schwester gestorben und im Himmel sei, dass sie es gar nicht mehr erwarten könne, zu ihr zu kommen, und darum fing ich an, sie zu trösten. Aber sie guckte mich gross an, und meinte, ihre Schwester werde alle Morgen geboren. Das machte mich nun ganz verwirrt, es ward mir angst und bange, denn die musste keinen Vater noch Mutter mehr haben, und närrisch obendrein sein.

"Sind Sie denn die ganze Nacht hier so spazieren gegangen", fragte ich. –

"Ach nein," sagte sie, "ich komme soeben da aus dem grossen haus, da war ich heute nacht bei Freunden. Gehen Sie doch mit mir, kommen Sie geschwind, ich höre Fusstritte, die Wache" – Da nahm das Mädchen plötzlich den Reissaus, und hinter mir kamen Kerls mit langen Stangen, ich lief deswegen auch, so gut ich konnte, denn es waren sicher Matrosenpresser mit Mastbäumen gewesen, und das Mädchen vielleicht gar eine Schlinge von ihnen. Da ich nach haus kam, lag der Papa noch im Bette, und sagte mir ganz ruhig, es würden wohl ein Fill de Schoa und einige Karson de Poliss gewesen sein, aber das macht nichts aus, ich weiss ja ebenso wenig als vorher, was die im Sinne hatten.

In die Komödie gehen wir alle Tage, und sind lustig oder traurig drinne, wie es seiner Durchlaucht gefällig ist, was man leicht an Dero Schnupftuch oder lautem lachen merken kann. Manchmal ist man recht in Verlegenheit, wann ihr Durchlaucht der Fürst lacht und die Fürstin weint, was letztin der Fall war, da muss man sich denn, so gut man kann, herausziehen. Mit der Komödie ging es noch an, aber mit der Oper mag ich nichts mehr zu schaffen haben. Ich werde mein Lebetag nicht vergessen, wie es mir da erging. Der Papa bekam ein Billet gratis vom Hof, und sagte mir, ich möge nur der Schildwache ein paar Groschen geben, die würde mich schon hereinwischen lassen; ja mit dem Hereinwischen, da kam dir ohne Billet keine Katze herein.

Der ersten Wache vorn auf dem platz gab ich zwei Groschen, denn der Kerl hatte doch Ehre im leib und begehrte nichts; dem an der ersten tür gab ich wieder etwas oder musste wohl, denn er begehrte recht derb, und je näher ich der Musik kam, je gröber forderten die Kerls. Ich hatte mich schon einmal mit dem geben verstiegen, und musste immer weiter, endlich war die Musik ganz nah, da zeigte mir der letzte ein Treppchen, da sollte ich hinabgehen und mich unten nur immer rechts halten. Aber, ach Gott! was war das ein Elend da unten, es war, als würde hier die ganze Welt erschaffen im Geigen und Donnern und Singen um mich, dabei ganz stichdunkel, alle Augenblicke stiess ich mich an. Neben mir kam einer mitsamt einem stuhl niedergefahren, ich wusste über den unvermuteten Besuch mir gar keinen Rat, und steuerte ruhig vorwärts der Musik nach, bis ich einen matten Schimmer von oben herunter bemerkte. Da griff ich dann nochmals um mich, und ergriff etwas, das sich wie ein paar Beine anfühlte, und bald war ich fest davon überzeugt, denn sie fühlten sich auch so, indem sie mir ein paar Tritte in die Rippen gaben, und eine stimme, die herunterflüsterte: "Verdammte kleine Katze, hat Sie denn nimmer Ruhe, Sie wird machen, dass ich falsch souffliere; warte Sie nur, bis der Vorhang fällt, da wollen wir