1801_Bretano_008_4.txt

langweiliger es hier ohne ein gewisses Etwas wäre als bei den himmlischen Einfällen in den geschmackvollen Gemächern der einzigen Molly in B.: aber das gewisse Etwas wird in der unangenehmen Atmosphäre, wie die Rose vor mir in diesem ungeheuren saal, wie ein einziger kleiner Stern in der dunkelsten Gewitternacht, so reizend, so freundlich, dass ich es lieber anschaue als die Sonne im Glanze des Mittags. Die Rose, der Stern tröstet mich, indes die Sonne mich nur blendete. Pfui! keine Ungerechtigkeit, sie erwärmte mich.

Dir zulieb, kalter Freund, steig ich wieder von den Stelzen herab, auf denen ich das gewisse Etwas anredete, das du am Ende dieses langen langweiligen Briefes kennen lernen sollst. Geduld!

Dein letzter Brief machte mir Vorwürfe, dass ein Weib wie Molly (du kennst sie aber gar nicht) meinen Aufentalt in B. vierzehn Tage verlängern konnte, machte mir Vorwürfe, dass ich ein Weib bis zu den Sternen erhöbe, die frei und ohne Fesseln des Geistes, oder irgend eines Verhältnisses mit andern, die verlassene Bahn der Menschlichkeit wieder betritt; die allein da steht, wo alle stehen sollten, und wo auch ich bei ihr gestanden habe. Sich selbst genug, und den meisten zuviel, lebt sie glücklich und wahr, obschon ihre Geschlechtsgenossen sie einseitig beurteilen, weil ihrem kurzsichtigen Blicke die Übersicht einer so grossen, so ganzen, so harmonischen Oberfläche zu unermesslich ist. Du sprachst als ein Freund mit mir, du wolltest retten, aus Gefahren retten, die es nur dem Schwachen werden können. Du glaubtest, ich hätte mich in die arme der zügelloseren Liebe gestürzt – o dann hätte ich bei Molly nicht um alles bitten müssen, die nur gibt, wo sie liebt, und nur liebt, wo ihre Liebe im vollen verstand Belohnung ist. Molly befriedigt nie Leidenschaften, wo ihre Befriedigung Menschen schaden kann. "Godwi!" sagte sie an einem Abende, an dem ich, durch ihre Freundlichkeit, durch die trauliche Anschmiegung ihrer Ideen an die meinigen und meiner Sinnlichkeit an die ihrige kühner, sehr verwegne Hoffnungen wagte: "Sie sind hier um meinetwillen, Sie sind hier ohne Zweck, erwarten Sie mehr? Ich kann Ihnen nicht mehr geben, als ich Ihnen gab, ich gab Ihnen mein Herznur dem, der es fassen kann, der es ganz kennt, bin ich alles, bin ich ein Weib; Sie sind weit, sehr weit davon entfernt." Hier ward sie ruhig, und reichte mir ihre Hand, die in der meinigen bebte, in ihrem Auge glühte eine reine Flamme, die in der Träne, ach! in der Träne des Abschieds erlosch. "Sie reisen morgen, ich befehl es Ihnen", sprach sie ernst, und stand vor mir wie mein Herr. – "Ich bitte Sie um meinet- und Ihrentwillen, folgen Sie meinen Befehlen", fuhr sie mit einer unwiderstehlichen Anmut fort; sie hatte sich, wie die Liebe, sanft über mich herabgebogen, und nun konnte ich ohne Kühnheit die Träne des Abschieds von ihrer Wange küssenseltsam süsser Widerspruch von Gefühlen, ihr Befehl macht mich zum Sklaven, ich muss gehen, ihre Bitte umarmt mich, hält mich fest an sie gefesselt, und indem sie mich zum Gehen bittet, wird es so süss, ihren Willen zu tun, und ich möchte doch nicht gehen.

Der Kuss des Abschieds, er war so inhaltreich, es lag das Bleiben so deutlich darin, er hatte ja die Scheideträne weggeküsst, denn was ist Scheiden anders als eine Träne, und Wiedersehen anders als ein Kuss. Ach hätte ein Kuss kein Ende, Molly hätte mich gerne behalten, und vertrocknete eine Träne nicht, so könnte ich sie nicht vergessen. Es lag viel Wahrheit in dem Kusse, und da er offenbar ganz anderer Meinung als Molly war, so musste wohl ein anderer Umstand sie zwingen, vielleicht gar die Furcht, bald durch die sinnliche Wahrheit der Küsse im Rausche der leidenschaft die geistreiche Heuchelei ihrer Entaltsamkeit im Rausche der Eitelkeit entüllt zu sehen. – Süss waren ihre Lippen, es schwamm ein stilles liebendes Hingeben auf ihnen, und im Gefühle des Übergehens eines andern Wesens und seines Genusses in mich und den meinigen lag der entzückende Traum einer Ewigkeit der Wollust des Kusses. – Doch auf dem Gipfel des Rausches entsinkt uns der Becher, kalt strömt die Wirklichkeit zwischen unserer glühenden Lippe und seinem Freuden-rand durch, reisst den letzten Tropfen los, und wir erwachen. So löste sich die Raserei des ersten und letzten Kusses. Stumm stand Molly, um sie her die Trümmer ihres stolzen Befehls, Scham färbte ihre Wange, Blässe folgte. Der Kuss hatte die Scheideträne und nicht die Scheidestunde weggenommen. Sie richtete sich auf, und so wie etwa Ludwig der Achtzehnte aussieht, wenn er in Reval über Frankreich regiert, erschien sie mir in ihrer Armut, in diesem kleinen Schiffbruche ihres Plans, der mir nicht entging bei folgenden Worten: "Godwi! Sie gehen morgen, ich bin dem Jünglinge gut, aber ihm darf nie werden, was Belohnung des handelnden Mannes ist, gekrönte Liebe. Es ist Verdienst, im arme des Weibes ruhen zu dürfen; es ist Elend, vom arme des Weibes ruhen zu müssen. Müssen Sie nie um zu dürfen."

Ach wie klangen diese Sentenzen so kalt und gezwungen nach einem Kusse, der ihr Verräter war. Mir war dabei zu Mute wie dem gast eines geizigen Wirts