ich für die ihrigen erkannte. In der Vorrede fand ich die Anzeige der Herausgeberin, dass die Verfasserin tot sei. Ich konnte nie erfahren, wer die Herausgeberin war.
Meine Freundin hatte in der Zeit, da ich meinen Weg von dem ihrigen trennte, mehr gedichtet als gewöhnlich, und eines ihrer Lieder hat mich wunderbar gerührt. Es ist mit dem Namen des tages nach der Geburt Karls überschrieben, da sie also schon geflohen war. Das Lied ist ein Quartett zwischen dem mond, der Sonne, der Nacht und einer geblendeten Nachtigall, die sich zu tod singt, weil sie die Stunden der Ruhe nicht mehr erkennen kann. So gehen ihre Lieder allegorisch fort, und nähern sich zum Ende einem ganz eignen Sterben in sich selbst; alles, was mit den Sinnen erkannt wird, schwindet mehr und mehr. So klagt sie, dass der Mond immer dunkler werde, und die Sonne immer matter. Auch ist ein Klagelied darunter, an die ewige Dämmerung, die schon mehrere Wochen daure; dann ein Ruf an die fliehende natur, die Bitte, nicht so schnell zu fliehen, damit das Mädchen mitkönne; dann ein Lied an das Leben, das einzige, in dem sie von Menschen spricht, und das letzte, die Wiedergeburt genannt. Sie beschreibt in ihm, wie sie in die tote natur zerrinnt, wie sie nun die Rolle wechseln und so nach dem Leben schauen und das Lebendige besingen werde, wie sie bis jetzt der toten natur getan habe. –
Wie wenig ich mich zur Dichterin schicke, beweist schon, dass ich immer auf den Verfasser zurückkehre. Ich kann nicht lange auf dem Gedichte verweilen, gleich überrasche ich mich auf dem Gedanken: "Welche Seele! die so dichtet", und nie habe ich die Schönheit des Werks, immer nur die Kraft und die Fülle des Meisters geliebt. Die Dichtkunst ist mächtiger als Malerei; wie mir jene Herabzerrung des Ideals ist, so ist mir diese Beflügelung desselben oder doch wenigstens völliges Erreichen. In der Poesie übergebe ich das Werk sich selbst, und die Macht, welche bildet, bildet sich selbst, denn das Werk ist in ihr die ganze Kraft des Meisters. Ich habe in ihr mit der Phantasie begehrt, und erfülle mit einer ebenso grossen Gewalt, mit der Phantasie. Die Bildung verhält sich in ihr zum Ideal wie die Sprache zum Denken, in der Malerei aber wie die Farben, die Gestalt zum Denken. Ich kann mein Ideal in mir in der gedrängtesten Gestalt empfinden, und es in der Dichtung unendlich ausbreiten und entfalten, denn das Wort hat Farbe und Ton, und beide haben Gestalt. So kann ich mit den Geistern aller Sinne mein Gedicht allen Sinnen übergeben, da ich in der Malerei das ganze weite vielgestaltete Bild auf die Macht des Auges beschränken muss, ich muss einen Sinn zum Richter der unendlichen Phantasie machen, und mit den Farben die Sprache erreichen wollen. – – Die Besinger sind den Malern so unähnlich als die Sänger den Bemalern – der Dichter ist grösser als der Maler, denn der erste hat mehr gedichtet als er malen konnte, der letztere aber kann nie malen, was er dichtete. Zum Maler bin ich zu klein, welch Lied würde das werden?
Alles dies hatte ich gedacht; und gefühlt, dass die Kunst mir nimmer die Liebe ersetzen kann. Diese künstliche Kunst! So war ich, als ich meinen Sohn fand – o könnte jeder, der einen Misston in der Liebe griff, sich auf diesen Einklang retten. Diesen kann man mir nicht nehmen, nicht ich, nicht die Pflicht, nicht der Überdruss. Er ist von mir, er ist mein wieder beginnendes Leben, und wenn ich noch so viele Grundsätze zu befolgen habe, so kann dieser doch nie wegräsonniert werden.
Oft ist mir es sehr wunderbar zu Mute mit den grundsätzen, ich kann sie dann gar nicht begreifen, und möchte dann so ein halb Dutzend Grundsätze auf den Kopf stellen, und sie umgekehrt befolgen, gar nicht aus Verachtung der Grundsätze, nein – aus lauter Langeweile. Grundsätze? – das ist mir so gar schwerfällig, als sollte ich eine Bastille aus Quadersteinen von grundsätzen in mir erbauen, um die Gelüsten darinne einzusperren; ich sage die Gelüsten, denn wer kann die Tat erwischen, wenn sie geboren ist? Erklärt sie vogelfrei, sie ist unendlich geschwind, und fällt in die Anlage zur Handlung, wie ein Funke in das Pulver; nimmer werdet ihr sie bändigen, denn sie ist das Leben.
Godwi hat seinen Bedienten, der mich in meiner Morgens-Wallfahrt so unangenehm störte, einem Landedelmann, der mit seinem Sohne hier auf dem Landtage ist, überlassen, und von diesem Bedienten weiss ich, dass er bei Ihnen ist.
Der gute naive Landjunker, der aus Unerfahrenheit mit den Sitten der Stadt einen Platz in meiner Loge nahm, erzählte mir viel von einem seltsamen Herrn Baron Godwi, der bei ihm gewohnt habe, und ich erfuhr mit einigem Unwillen, dass er mit der Schwester des Junkers recht vertraut gewesen sei, so dass es diesem wie eine pur angelegte Sache vorgekommen ist, wie er sich in seiner Unschuld ausdrückte.
Nun so bin ich dann schon vergessen; oder ist er einer von den Mächtigen, deren Leichtsinn Universalität, deren Treue Einseitigkeit, deren Langeweile Tiefe, deren Schwärmerei Höhe ist? –
Küssen Sie Ihre Otilie, danken Sie ihr für ihre Mühe an Eusebio.
Sollte Godwi nicht auf diesen Kleinen wirken