Prediger, der mich erzog, zugeführt, man hatte sie bettelnd in den Strassen aufgefangen und meinem Pflegevater überbracht. Sie sagte ihren Namen nie, so sehr man sich darum bemühte, denn sie fürchtete sich, zurückgebracht zu werden. Nach dem tod meines Pflegevaters, der bald darauf erfolgte, blieb sie bei mir, und war enge mit mir verbunden. Sie arbeitete nie, ja sie hatte einen seltsamen Abscheu vor der Arbeit, was sie auch bewogen hatte, ihre Eltern zu verlassen, für die sie nicht ohne Zärtlichkeit war; aber auch diese Liebe war ihren Eltern nicht begreiflich gewesen, wie ihr Abscheu vor der Arbeit, wegen dem sie von ihnen öfters hart behandelt worden war. Ich fand sie einst abends im Garten auf dem Angesichte liegen, und erschrak, weil ich glaubte, es müsse ihr etwas zugestossen sein. Ich rief sie, da sprang sie auf, nahm mich bei der Hand, und lief mit mir den Garten hinaus, nach unsrer Wohnstube. Ich war heftig erschrocken, und da ich sie dringend bat, mir die Ursache ihres Zustandes zu erklären, sagte sie mir: "Sieh, ich sass im Garten, und sah die Abendsonne, ich war froh und glücklich, denn es war alles schön; aber plötzlich zerriss sich der Himmel, und es war alles noch herrlicher, und immer anders, und wieder und wieder, da konnte ich es nicht allein ansehen, es war zu viel und zu schnell. Mir fiel ein, dass meine Mutter einst sagte, wie der Abend so schön sei, und mir die Tränen dabei in die Augen traten, weil ich nicht draussen am wald sein könnte; da nahm mich meine Mutter hinaus in den Wald, setzte sich zu mir, und ich liebte sie unendlich, aber sie lief wieder zurück an die Arbeit, und war traurig, dass sie nicht dableiben durfte. Wie ich nun jetzt im Garten sass, und den schönen Wechsel der Farben ansah, fühlte ich, dass meine Mutter jetzt an der Arbeit sitze, und dies nicht sehe, und dies nicht; so warf ich mich denn auf das Angesicht, um es auch nicht zu sehen, denn es zerriss mir das Herz, dass die Farben so schnelle verschwanden, und nicht warteten, bis wohl die Arbeit meiner Mutter vorüber sei."
So war ihre Liebe, die Vorstellung des Todes war ihr nur fürchterlich, insofern sie fürchtete, die Sonne nicht wieder zu finden, und den Mond; ob ein andrer stürbe oder lebte, das rührte sie wenig. Nie waren wohl verschiednere Menschen verbunden als wir beide. Zwischen ihr und der toten natur war kein Mittler nötig, so wie ich kein Interesse für die tote natur habe, wenn sie sich mir nicht im Auge eines andern reflektiert. Der Abend- oder Morgenschimmer an den Bergen bestimmte ihre ganze Glückseligkeit. Jeder schöne Morgen war ihr ein freudiges Geburtsfest, jeder Tag ein glücklicher oder unglücklicher Freund, und jeder Abend ein Tod. Sie stiftete einzelnen Tagen, die ihr besonders lieb gewesen waren, Denkmäler, indem sie einzelne Blumen pflanzte, oder mehrere in eine bestimmte Ordnung stellte. An einem ähnlichen Tage erinnerte sie sich immer des verflossenen, und lebte mit der Zeit und ihren Gliedern in einer wunderbaren Verwandtschaft. Bei mondhellen Nächten war sie voll freudiger Wehmut, und sie sass dann oft in einer wunderbaren Begeisterung im Garten. Sie nannte die Nacht die entüllte Zukunft und Vorzeit, jeder Stern war ihr das Bild eines Tages in weiter Entfernung, der vorbei sei oder komme, es ergriff sie dann eine heftige sehnsucht, und sie schien sich selbst nicht gegenwärtig; "ich eile nach und eile entgegen", so drückte sie ihren Zustand aus. Sie liebte am Tage, und betete in der Nacht, dies war ihr Leben. Ich lehrte sie mit vieler Mühe schreiben, und sie schrieb dann die geschichte ihrer verstorbenen Freunde, der Tage, auf, schrieb Briefe an sie, und dichtete im Winter elegisch. Sie entwickelte meine Anlage zur Schwärmerei, aber meine Schwärmerei war die der Sinnlichkeit. Wenn sie in den weiten Himmel sah, so berührte ich ängstlich, mit wunderbarem Entzücken, die Blätter und Blumen der Pflanzen, ich sass oder lag immer in mich selbst verschlungen im Garten, wenn wir solche Nächte zubrachten, und sie stand aufrecht und frei, mit gehobenem gesicht. So trennten wir uns im inneren schon bestimmt, wie wir uns nachher ganz trennten. So wie ich geschlossne heimliche Gegenden liebte, so war es ihr höchstes Entzücken, von Bergen oder Türmen weit hinaus zu sehen. Auch hatte sie das Bedürfnis nicht, sich mir zu nähern, wenn sie mit mir sprechen wollte; jede Entfernung, die die stimme bequem erfüllen konnte, war ihr schon hinlänglich und lieber als Annäherung, und jede Umarmung war ihr unerträglich. Sie erschrak leicht, wenn sie von ungefähr meine Hand oder irgend etwas Lebendes berührte, und war, bei einem hohen Grade von Schönheit, mit wunderbar durchsichtigen Bewegungen und Mienen, das keuscheste Weib durch Anlage. –
Sie liebte mich, weil ich sie duldete, sonst empfand sie keine Neigung zu mir, noch zu irgend einem andern Menschen. Als Godwi mich kennen lernte, als er mir immer näher kam, und endlich am nächsten, war sie in ein kleines Gartenhäuschen gezogen, und in der Nacht, in der ich Karln gebar, verschwand sie. Vier Jahre nachher fand ich zufällig eine Sammlung von Gedichten in London, die