seinen feinsten Umrissen, wie es in meinen Glauben, meine Liebe, in mich selbst hinüberschwebt, ohne Grenze ewig und vollkommen, und könnte ich es fest, wie es nur die Allmacht kann, auf eine Stelle hinbannen, ohne ängstlich die Linie an die Linie, den Punkt an den Punkt zu reihen – o des Mechanismus im Lebendigsten! – so würde ich malen. Wo ist der Künstler, der sich erreichte, und wer kann im Staube nachbilden, was seine Seele ahndet? Die grossen angestaunten Bildner geben mir nichts als das Gefühl ihres Übergewichts. Wir stehen in Staunen hingerissen vor Bildern, die wir nicht begreifen können, wir schreiben dicke Bände über Gefühle bei einzelnen Kunstwerken, die uns unerklärbar sind. Sein Gemälde, das er in der Seele trug, hat der Künstler nur hingestümpert, und das Gemälde unsrer Seele bei weitem übertroffen; ihm selbst wird kein reiner Genuss, denn es ist unedel, im Gefühle des Schwächeren den Strahl seiner Stärke brechen zu lassen. Darum muss man weit über mich erhaben sein, um in seinem stets misslungenen Werke mein gelungenstes Ideal hinzustellen, und ich selbst kann mich also nicht damit trösten. Ja es ist mir mehr Genuss, mich, durch den leisen schwimmenden Nebel der Ahndung von meinem geist getragen, bescheiden dem grössten Bilde meiner Phantasie zu nähern, als es schändend zum Spotte meiner Augen in Handgreiflichkeit vor mein Erröten herabzuzerren. übrigens ist in meinen Idealen der Übergang, der Wechsel, die Beweglichkeit zu reissend, um sie je in den stillen bildenden Künsten zu suchen; nicht der blick, nein der Augenblick des Blicks, ist meine sehnsucht, nicht die Bildung der Glieder, nein der Tanz, reisst mich fort.
Wenn ich vortreffliche Kupferstiche oder Gemälde betrachte, überfällt mich eine Bangigkeit, eine Unruhe, die oft in Schwermut übergeht, wenn gleich diese Gemälde diese Empfindung nicht schildern. Ich glaube diesen Eindruck durch das Gesagte hergeleitet zu haben.
So ergeht es mir, lieber Freund, in den einzelnen Künsten; wie sollte es mir besser gelingen in der Seele aller, in der Poesie? Bin ich doch selbst ein Gedicht, und meine ganze Poesie. Aber ich lebe in einer Zeit, wo die schöne Form verloren ging, und so fühle ich mich geängstet, und unglücklich, weil ich nicht in meiner eigentlichen Gestalt lebe. Nimmer werde ich der Welt ein Lied hingeben, denn sie gibt mir nichts hin. Die Gedichte der natur, sie gehen stille vor mir auf und nieder, und ich traure, wenn ich in das Morgenrot sehe, und in das Abendrot, in den heissen treibenden Tag, und die tiefe volle Nacht. Sie rühren mich, als träten sie vor mich und sagten flehend zu mir: O, gieb uns eine Seele und ein Leben, dass wir deinesgleichen seien, dass wir mit dir sein können und mit dir lieben. Ich stehe vor ihnen wie ein Spiegel, sie sehen in mich und ich in sie, und sie sinken vor mir hinab, denn ich kann sie nicht befestigen. Im Leben muss ich sie sehen, um sie freudig zu erblicken. Nichts kann ich umarmen, denn mir ist die freie Liebe versagt. Zwischen mir und dem Geliebten muss die Poesie stehen, die von mir selbst ausgeht. Wenn er mich umarmt, und ich mich in ihm umfasse, so ist die Gestalt in mir und ihm, und ich habe gedichtet.
So wie mir das einzige Talent des Bildens in der Geschlechtsliebe liegt, so ist wohl durch die Stummheit mancher Sänger verstummt, so wie der grösste Maler blind, und der grösste Tonkünstler taub geblieben sein mag. Aber diesen letzteren bleibt ein Ausweg, die Poesie ist und bleibt die Seele ihres Drangs zu bilden, und sie sind Maler, Sänger oder Tonkünstler geworden durch die grössere Macht eines einzelnen Organs in ihnen. So kann denn aus den Gemälden des Blinden eine Musik oder ein Gedicht werden, und aus der Musik des Tauben ein Gemälde. – Nur der Grösste und Gesundeste und Freudigste kann ein grosser Dichter werden, der alles dichtet, denn wem die Macht der Ausübung und des Stoffs, das Leben und der Genuss im vollen blühenden Gleichgewichte stehen, der wird und muss ein Dichter werden.
Menschen mit voller Lebensfähigkeit, und so auch ich, stehen immer im Kampfe mit dem geregelten Leben. Sie sind bloss für das Dasein, und nicht für den Staat gebildet. Schmerzhaft schlägt sie die bürgerliche Gesellschaft in das eiserne Silbenmass der Tagesordnung, und sie kämpfen, und verderben, weil die Liebe in ihr in das Handwerk des Ehestands gewaltsam eingezünftet ist. Häusliches Glück und gesellige Freude trägt man ihnen auf, die nur weltliches Glück und Freude des Universums erkennen. Viele, die frühe schon in diesem Kerker eingefangen sind, ja die in ihm die Augen eröffnen, siechen mit ihrer grösseren oder geringern Anlage fort, oder brechen durch übergrossen Reiz einseitig hervor, und der geringste muss wenigstens in einem Fieber, in einem Rausche, und oft schrecklich im Wahnsinn, der ewigen Poesie ihren Tribut bezahlen. Solche heftige Reize sind Einsamkeit, Freundeslosigkeit, und Eitelkeit. –
Nimmer werde ich das wunderbare Mädchen vergessen, die ein junges Opfer des Lebens fiel. Kordelia war innig an mich gefesselt, und glücklich, da ich noch unfähiger meine Glut in unbestimmte sehnsucht ergoss, und doch wendete ich mich schon leise zur Sinnlichkeit, und konnte keine weite Aussicht ertragen. Sie war eine Schottländerin, und ihren Eltern entflohen. Sie ward dem