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der Freiheit hinbieten, ihre bildlose Fülle, die ich zu tausend Bildern schaffen kann, diese unerschöpfliche Menge, die nie das erreichen kann, dessen teil sie nur ist, alle Liebe und die meine, die ich doch so ganz umfasste, ängstigte mich zuletzt, als hätte ich ein Spiel in Händen, das sich kühn über den Meister erhebt und mit ihm selbst spielt, oder zu dem ich selbst würde.

Ich bestehe selbst, und so im Kampfe, mit dem Ganzen eins zu sein, dass mir nur das schnelle Umfassen des Ganzen mit einem Blicke ein Genuss werden kann. In seinem Blicke sprach sich mir alles Licht, alle Farbe, alle Malerei meiner Welt deutlich aus. Wenn er an meinem arme im Garten auf und ab ging, waren mir die Töne der natur nicht mehr roher und ungebildeter als die Töne der Kunst. Er war mir der Mittler; indem ich mich mit ihm verbunden fühlte, war in ihm alle Kunst, ohne die Härte des Alleinstehens, leise aus der natur weggeleitet, und so leise, dass keine Verwunderung, keine Unerklärbarkeit mehr zwischen ihr und mir lag. Ich war zum Selbstbewusstsein gekommen, dass ich vom Äussern und das Äussere von mir unzertrennlich sei, und dass wir in einer freundlichen lebendigen Abhängigkeit voneinander leben.

Es ist mir nur immer, als hätten die Menschen, da die Liebe die Erde verliess und mit dem süssesten, tätigsten Nichtstun, mit dem Bestehen durch aus sich selbst würkende unendliche Kraft die schreckliche Mühe und die Maschinerie ohne Perpetuum mobile abwechselte, als hätten damals die Menschen in schneller Eile das Deutlichste und Reinste aus dem herrlichen Haushalte der Welt stückweise errettet und in künstlichen Kisten und Kasten verschlossen. Das sind nun die einzelnen Künste, deren Zusammenhang sie ängstlich zusammensuchen, und sie mit den Resten des allmächtigen Verstandes zusammenkleben und beschreiben wollen. Mir stehen sie jetzt nur da, wie ich Ihnen schon sagte, wie traurige Denksäulen verlorner Göttlichkeit, die uns ewig winken; wir sollen hin zu jener Welt, die vor uns geflohen ist, und die wir mit unendlicher sehnsucht erwarten.

Wir liegen halb aufgerichtet vor diesen göttlichen Aposteln, die in alle Welt versandt sind, und werden von den göttlichen Trümmern eines Ganzen gerührt, das wir selbst mitbildeten. Wir knieen vor der Reine unsrer eignen Schönheit in weinender Rührungund die beste Teorie der Kunst scheint mir immer antiquarisch und unzuverlässig. Obschon es ein schönes Beginnen ist, die göttlichen Trümmer mit Mühe zu ergänzen und zu erläutern, so bleibt mir doch der Gedanke traurig, dass wir uns dann selbst mit zerlegen und zusammensetzen müssen, um in unserm Einzelnen die wenigen Strahlen, die das Verlorne zurückgelassen hat, aufzufinden, und so aus uns verderbten und verkehrten Wesen die entarteten Gliedmassen herzustellen, die den Torso ergänzen sollen.

Wenige Schöne sind mehr in der Welt, die durch Unwissenheit sich schuldlos fühlen, die das Verlorne nicht suchen, weil sie es nicht vermissen, indem die freie Liebe, die Mutter aller Kunst, in ihnen wohnt. Wie reine Wesen erblicken sie den Spiegel, in dem sie sich spiegeln, und tragen aus der Welt mit ihrem eignen Bilde die Welt in sich zurück. Sie durchströmt das Leben, das sie selbst durchströmen, und das Schaffen, das sie mit dem Ganzen in sich aufnahmen, schafft unwillkürlich wieder in ihnen. Wie alle mit der süssen Gewalt der Geschlechtsliebe im inneren auf die rege Bahn treten, so treten nur wenige mit der Allmacht der freien Liebe ins Leben. Denn das Schaffen liegt im Geschaffenen. So wie die Materie aus ihrem allgemeinen Dasein in der Geschlechtsliebe in die Vereinzlung und Ähnlichkeit des Liebenden tritt, so spricht auch die freie Liebe den Geist, oder die Gotteit, in schönen Kunstwerken aus, indem sie das Unendliche in die Form ihrer Ähnlichkeit trägt und dieser Form ein Leben im Einzelnen gibt. Durch eben diese Vereinzlung werden wir sonderbar gerührt, weil die Mannichfaltigkeit bis zur Unkenntlichkeit in ihr gebunden ist, das Einzelne ungeheurer und seltsamer vor uns steht, und wir erregt werden, indem wir das vor uns und mit uns leben sehen, worin und wodurch wir leben. – Über ein schönes Kind kann ich mich ebenso sehr freuen als über ein schönes Kunstwerk, weil diese zwei Arten sehr in mir zusammenhängen und ich zu der ersten eine grössere Fähigkeit habe. Je mehr der einzelne teil der Göttlichkeit in dem Werke in sich selbst geründet ist, je weniger schmerzhaft dem Blicke der Übergang von dem Alleinstehen des Einzelnen in die volle Verbindung des Lebens ist, je schöner ist das Werk, je reiner, je vollkommner ist ein Sinn hingestellt, ohne uns an das traurige Vermissen des Ganzen zu mahnen.

Die meisten Verbindungen der Künste zu einem Einzelnen werden mir daher grässlich und erhalten etwas sonderbar Totes und Ekelhaftes. Masken und Wachsfiguren können mir nie schön werden. Unsre Stümperei erscheint hier verbunden mit unsrer Unwissenheit. Die Farbe darf nie mit der greiflichen toten Form zusammenkommen, denn sie begleitet nur den Wechsel, indem sie sich selbst nicht angehört, sondern dem Lichte. – Deswegen sind Augäpfel an der Bildsäule so unerträglich. Denn eine Bildsäule soll nur die Oberfläche aussprechen, sie erscheint mir wie ein umgekehrtes erdichtetes Leben, in dem die Seelenäusserung von aussen nach innen geht. –

Ich habe Ihnen geschrieben, wie es mir mit dem Singen erging, mit dem Zeichnen und Malen wird es mir nie anders ergehen. Ja hätte ich das reizende Bild in mir, das mich in süsser Bewunderung auflösen kann, bestimmt mit allen