am Ende des briefes wohl ein, dass ich ihn ihm nicht geben konnte, weil er unsern Plan, meine geschichte verborgen zu halten, augenblicklich zunichte gemacht haben würde. Aber der schöne durchdachte Brief voll Selbstüberwindung sollte umsonst geschrieben sein? – Nein – ich oder vielmehr meine Eitelkeit, (wenn man uns trennen kann!) machten die Sache noch viel reizender.
Die Liebe sagte mir: "Giebst du ihm den Brief, so musst du ihn nochmals sehen, und dann ist dies keine Schwachheit, dann ist es notwendigkeit;" aber die kalte Vernunft drohte mit Ihrem Unwillen, lieber Werdo! – ich wollte einen andern schreiben, da schlug es drei Uhr des Morgens, um sechs Uhr reist er ab, es ist zu spät – ich sann, und eine alte etwas vernachlässigte Freundin benutzte meine Verwirrung, sich wieder ihrer Rechte zu bemeistern, die Abenteuerlichkeit mischte sich ins Spiel, sie entschied. Ich entschloss mich, in seine stube zu schleichen und den Brief in seine Brieftasche zu stecken. Die Adresse wurde abgeändert in: "Ich bitte meinen lieben Freund, diesen Brief nicht eher zu eröffnen, bis ich es ihm melde. Molly."
Ihn nochmals zu sehen, und das Heimliche bei der Sache, spannte meine Neugierde bis zur Angst. Es war alles so stille, ich hörte mein Herz doppelt schneller pochen, als das Pendul der Uhr. Die Zeit eilte in mir, und ausser mir wollte es gar nicht vier Uhr werden.
Ich schlich so leise, so bange mit meinem Briefe über den Hof nach dem Gartenhause, wie Emma mit ihrem Eginhard durch den Schnee; wenn meine Diener mich bemerkten – wie die Hähne schon krähen – die Rosse stampfen – es ist früh und duftig – der Hofhund, o wenn er nur keine unzeitigen Anstalten zur Wachsamkeit macht – so, nun bin ich vorüber. Seine Vorhänge sind noch vorgezogen. Ich wurde von meiner Bangigkeit gleichsam schwebend die Treppe hinaufgetragen, alles war mir so leicht und schwer, so nachgebend und widerstrebend, so dumpf elastisch, wie die Handlungen im Traum. Ich trat vor die tür der stube, zitterte, wankte hinein, und wollte, ohne mich nach ihm umzusehen, wieder wegschleichen, wenn ich den Brief in die Brieftasche gesteckt hätte, aber dabei blieb es nicht. Ich stand vor dem Schlafenden, und schämte mich vor ihm, ich war hingewurzelt, er seufzte, meine Träne fiel auf seine Wange, und mein leiser Kuss schwebte über den sanft geöffneten Lippen. Es war die schwächste Minute meines Lebens, und nichts wollte mir den letzten kleinen Stoss geben, dass ich hinab in die tollkühnste und süsseste Umarmung gesunken wäre. O ich hätte weinen können vor Unwillen, dass die Schwäche so schwach ist, dass sie mich nicht in seine arme werfen konnte, und nicht zurück von der Stelle bewegen. Wie ein Schwindelnder am rand der Tiefe, der nimmer fällt und nimmer zurückweicht, stand ich da. Nun krachte ein Stuhl, ich sehe um mich, der Bediente sass auf dem stuhl, er erwachte, rieb sich die Augen, öffnete sie etwas unmässig, und grüsste mich etwas überlaut. Ich gab ihm Geld, und bat ihn zu schweigen, wenigstens bis sein Herr weg sei. Ich weiss nicht, was ich nachher dachte und tat, als ich wieder glücklich unten war; um zehn Uhr fand ich mich in meinem Wagen, es regnete stark, und mein Kutscher bat mich, wieder nach haus zu fahren.
Ich habe gesiegt, und dass ich so unwillig auf diesen Sieg bin, ist mir sein Wert, es ist das Gefühl der Grösse meines Kampfs. Er ist weg, nicht ohne Tränen, ich bin zurückgeblieben mit dem Bedürfnisse nach einem Menschen wie er. Der Abschied war in der Dämmerung, und das ist mir Stärke gewesen. Hätte ich lesen können, was in seinen Zügen geschrieben stand, ich hätte nicht widersprechen können. Seine Gestalt zerrann in der Scheidestunde aller Gestalten, er schied in der Dämmrung des Abends, und so ist ihm ein Übergang gewesen von meinem deutlichen Besitze zum Vermissen. Ich schied in der Dämmerung des Morgens, und nun scheint mir der leere Tag in die Augen. Ich bin nicht mehr zu bewegen, so erregt bin ich, ich träume auf meinem Sopha, das ich so spröde abends verlassen hatte, und das sich mit allen Erinnerungen bitter an mir rächt. Auf das eine Kissen hat er mit Stecknadeln meinen und seinen Namen verschlungen gesteckt. Ich mag mich gar nicht mehr ankleiden. Es verbreitet sich eine allgemeine Nachlässigkeit über mich, und meine Umstände scheinen mir wie Grenzen, die ihren Inhalt suchen, und sich ewig selbst durchkreuzen. Immer will sich noch kein Genuss aus mir heraus über diese Welt verbreiten, das gewöhnliche Leben ist mir wie ein ewiges Halbdunkel, es reizt zur Handlung und zerstört den Raum dazu. Nacht! Nacht! du undurchdringliche, ewige, du liebende Geliebte, du Gipfel der unendlichen Tiefe, du Ruhe der Vollendung. –
Meine Liebe zu diesem Menschen war kunstlos, und mehr als die Kunst, denn die Kunst kann mich nicht trösten. Allgemeine Träumereien über die Kunst sind mir am zulänglichsten, ich bringe dann mit, was ihr fehlt zum Leben, die Liebe, aber sie endigen sich leider meistens mit sehnsucht nach ihm und sind der Weg meiner Pflicht zu meiner Sünde. Wer mit einer solchen Tätigkeit in dem Herzen der natur liegen kann wie ich, dem genügen ihre