nun kaum mehr erwarten, den Armen, den ich betrogen hatte, und so sehr beschämend mir es war, ihn mit solcher sehnsucht erwartet zu haben, so süss war mir es jetzt, die Minuten zu zählen, bis ich seinen leisen Tritt vernehmen würde.
Es ist eine sonderbare Empfindung, in der nämlichen Handlung rückwärts Reue und vorwärts Freude zu empfinden.
Ich gab mir alle Mühe, mich bei meinem guten Vorsatze fest zu erhalten, ich verliess meine stube, die nur zu viele Bequemlichkeiten zur Liebe hat, seufzend blickte ich nach dem wunderheimlichen Sopha, der Wiege so mancher süssen Annäherung, trat in die Bibliotek, verhüllte meinen Busen, damit mein Herz nicht zutage liege, setzte mich auf einen unbequemen Stuhl, und legte das letzte Päcktchen Briefe vor mich auf den kalten Marmortisch. Es war Nacht geworden, ich sah auf die Bildsäule der Pallas, der ernste spröde Umriss der Hohen stach schwarz von der letzten Dämmrung des Tages ab, und ich hatte mich schon so ziemlich mit der idee beruhigt, dass ich auch so eine Pallas wäre. Der leise Schritt meines Freundes gleitete durch den Hof, er trillerte ein italienisches Liedchen, und ich erwachte aus meiner Metamorphose. Einen grossen Sprung mussten meine Gedanken machen, wie Sie wohl meinen, um ihn zu erreichen? – O der Schwachheit! nein, nicht einen Schritt, ich hatte die ganze Zeit an seine liebenswürdige Gestalt, sein süsses Geschwätze gedacht, und recht mitleidig überlegt, ob ich dem armen Jungen denn gar nichts erlauben sollte.
Ich hatte alles vergessen, Sie und mich – der Kuss, den er mir raubte, hatte den ganzen stolzen Tempel meiner Weisheit zusammengestürzt. Der Kontrast war so gross, dass er mich stärkte. Ich nahm alle meine Gewalt zusammen, und bat ihn, gleich den andern Tag wegzureisen. Er kniete vor mir, und bat auch; nun musste ich befehlen, und er reiste.
Ich weiss nicht, wie ich es anfing, dass er mich nicht verstand. O er hätte ohne vielen Scharfsinn bemerken können, dass mir mein Befehl soviel Mühe kostete als einem jungen Fürsten sein erstes Todesurteil. Ich bemerkte sehr deutlich an seinem stummen Erstaunen, dass er von mir so etwas gar nicht erwartet hätte. Er konnte mich nicht begreifen und meine Kälte an diesem Abende noch weniger zu seiner grösseren Kühnheit passen. Mit einem rührenden Ernste fragte er mich: "Habe ich Ihre Liebe verscherzt?" und ich antwortete ihm mit einer Lebhaftigkeit, die mich zur Lügnerin und Heldin machte: "Nein, ich habe sie Ihnen genommen." Er verliess die stube.
– Er wohnte in meinem haus, das hätte ich früher schreiben sollen, und warum ich es so spät als möglich sagte, ist, weil ich die Falten auf Ihrer Stirne fürchtete. Ich will mich nicht entschuldigen, er ist bei Ihnen, Sie werden den Reiz und die Empfänglichkeit, die Mässigkeit und die Entsagung gerecht zusammenstellen.
Er war nach seiner stube gegangen, es war zehn Uhr, und ich bemerkte, dass ich zu lange ohne Licht mit ihm zusammen gewesen war. Und war dies nicht noch mein Glück? Hätte ich ihn gesehen, hätte ich gesehen, wie alles an ihm Bitte, mächtiges Bitten gewesen, o ich hätte ihm nicht widerstanden.
Wer ist der grosse Mensch? der auftreten kann und sagen: "Ich habe eine Handlung mit meiner Kraft vollendet, die mir Mühe und Überwindung kostete. Ich habe alle meine Leidenschaften bekämpft, und habe mir den süssesten Genuss geraubt, der sich mir aufdrang, kein Zufall hat mich begünstigt, der Zufall, die Umstände waren meine Gegner, und doch habe ich gesiegt. Hier seht mein Auge, ich habe es ausgerissen, um nicht zu sehen, was vor mir stand."
O du grosser Mensch, ich bin nicht im äussersten Grade mit dir verwandt. Und du magst wohl einsam und allein ohne deinesgleichen in der Welt stehen, denn du kannst alle entbehren und alle benutzen. Du bist kein Glied des Ganzen, und unnütz. Unglücklich kannst du nicht sein; was soll dir denn deine Macht? Aber gross kannst du allein sein. Wenn du Gutes tust, so tust du es frei und unabhängig, selbst gegen deinen Genuss – Wo ist denn nun hier wieder das Verdienst; ist es dir nicht leicht, nicht schmeichelhaft, so zu handeln, o wo ist irgend ein Verdienst? Keine Grösse ohne Selbstüberwindung – auch du kannst nicht fortdaurend gross sein, du bist es nur bis zur Tat, und diese tötet deinen ganzen Ruhm – Wo soll ich sie denn finden, die Grösse? sie ist ja nie da.
Ich sass so verlassen, so trostlos auf meiner stube, ich wollte ihn bitten lassen, wiederzukommen. Ich greife im Finstern nach der Klingel, die vor mir auf dem Tische stand, und ergreife das Päcktchen Briefe. Ihre Aufschrift brannte mir unter den Fingern, und ich hätte fast einen Schrei getan, wie der Geizhals, dem ein Schalk im Gewande eines Geistes statt des versprochenen Hecketalers eine glühende Münze in die Hand drückt. Ich klingelte, man brachte Licht, und ich setzte mich nieder, an meinen unglücklichen Liebhaber zu schreiben.
Ich schrieb, und las nachher meinen Brief, der mir ein Meisterstück von Überwindung schien. Ich entdeckte ihm versteckt unsre Verwandtschaft, rechtfertigte mein Betragen, bat ihn wegen meiner Liebe um Verzeihung, schilderte ihm meine Gründe nochmals so dringend, als ich konnte, und sah