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gesandt, durch die tür des Paradieses. Ich stand mit meiner Unzufriedenheit hinter den Weinblättern meines Fensters so schamhaft wie der erste Mensch hinter seinem ersten Kleide. Ein Mädchen, weiss wie der Schnee, mit schwarzen Augen und Locken, wurde von dem Knaben heftig umarmt. Ich verschlang die schöne Gruppe. Das Reh hatte den Blumenstrauss im Maule, und drängte sich an das Mädchen, um ihr denselben zu reichen. Es schien mir, als hätten sich die Geschöpfe Gottes noch nicht veruneinigt und die Sünde die Gewalt noch nicht hervorgerufen. Das Ganze war so unwillkürlich, war so durch sich selbst entstanden, dass es so schön werden konnte. Meine Seele war in meinen Augen. Eine flüchtige Erinnerung meines Unmuts beschämte mich. Die ganze Szene lebte in mir, und doch sah ich nur das Mädchen. Der Knabe hing an ihrem Halse, wie ein kleiner Reiz der Schönheit, den wir nur bemerken, weil er unserm Auge erträglicher ist. In diesem einzigen Geschöpfe, in dieser Gestalt und der augenblicklichen Zusammenstellung ihrer Umgebung ward ich mit der ganzen Ordnung der Dinge versöhnt. Die ganze Welt wird uns lieb, wenn sie uns mit dem blick der Liebe ansieht; und wer die Sonne für das Auge der Welt ansehen kann, der muss glücklich sein, wenn sie scheint. Ich habe hier gesehen, dass Schönheit in der Welt wohnt, und dass diese Welt auch in meiner Brust eine Heimat hat. Das Ganze war zu überraschend, und meine Seele zum Empfangen solcher Bilder zu wenig vorbereitet, als dass ich sie ruhig in mir hätte bewirten können. In meiner Seele wechselten alle Gefühle in der kommenden und fliehenden Eile der leidenschaft. Scham und Stärke, Liebe und Demut, kühne Hoffnung und kleinmütige Furcht eilten mit schmerzlichen Tritten durch mein Herz. sehnsucht löste sie alle. Die stimme des Mädchens zündete sie in mir an; ich sah nicht mehr, ich hörte nur; oder ich sah, was ich hörte, denn ihre Töne waren freundliche helle Gestalten, sie trugen ein fremdes Gewand; es war eine fremde Spracheich konnte sie nicht verstehen. Wenn ich in Molly und Joduno etwas geliebt habe, und nicht alles, so finde ich in diesem Bilde gewiss beides. Es ist keine Kühnheit, dass ich dir sage, wie dies Mädchen ist, da ich sie nur sah; aber ihre Erscheinung ist ein reines Wort für ihren Inhalt. Sie könnte nur schlechter sein, als sie scheint, und dann wäre sie schlechter als alle Schönheit. Molly, durch Erfahrung gewarnt, durch Umstände gezwungen, zwar kein Produkt der Kunst, aus eigenem Bewusstsein, ist dennoch durch fremde Einflüsse bestimmt worden. Sie ist gewiss vieles nie geworden, was sie hätte werden können, wenn die natur an ihrer Wiege gestanden und sie als Jungfrau begleitet hätte. Sie ist kein Wesen, das die Mitgabe der Schöpfung ruhig zu einer eigenen schönen wohnung erbaut hat. Sie lief nicht glücklich auf dem Meere des Lebens aus. Sie ist zurückgekehrt, und hat sich aus den Trümmern ihres Charakters und ihrer Meinungen mit ihren Erfahrungen ein Dasein gebildet, das ihr gerade deswegen angemessen ist, weil es allen andern auffällt. Sie hat nicht, was das Weib allein bezeichnen soll, das Schöne allein; sie hat nur das Grosse, das Erhabene, das uns aus dem Kampfe zurückbegleitet. Huldigung und Bewunderung ersteht und beugt sich in jedem, der vor sie hintritt, aber keiner wird es wagen, das Schöne in ihr zu suchen, das wir in dem weib suchen sollen, insofern es edel ist und uns angehört. Sie wird jeden erschüttern, ihn richtig beurteilen und lieben, insofern es ihm gut sei. Ein Starker kann sie nicht lieben, denn er findet seine Grösse nur in sich und wollte seine Schönheit in ihr suchen, wo er aber nichts finden kann als eine bisarre Erhöhung seines Wesens. Eigenliebe kann zu ihr hinreissen; man staunt und freut sich, wenn man geschmacklos ist, sich in so bunten und grellen Farben gekleidet zu sehen. Man liebt aber nicht, weil man sich nicht verschönert wiederfindet. Sie hat es durch die Kunst weit gebracht. Alle ihre Handlungen sind mit äusserer Anmut angetan, und tragen das Gepräge einer freien, vorurteillosen Moralität. Dieses ist auch der stete Ausdruck ihres Gesichts, in der Ruhe und Erregung. Aber jeder natürliche Mensch wird gerade durch diese Freiheit, durch diese öffentliche Entblössung von allen Vorurteilen zurückgeschreckt. Er ist gewohnt, dass die natur in ihm leise und verschämt die Wahrheit entwickele, zu der er dann wieder das durchsichtige Gewand wird; – er erschrickt, wenn die Form von dem geist plötzlich wie der Schleier von der Nackteit herabgerissen wird. Es gibt eine Ansicht der nackten Schönheit, die uns zur Demut niederzwingt. Das bürgerliche Leben ist zu sehr Kerkerdunkel, als dass wir es wagen könnten, plötzliches Licht hereinbrechen zu lassenwas uns demütiget, können wir nicht lieben. – Joduno, das gute, muntere Mädchen, konnte mich nur reizen, weil ich von jener kam. Die Welt spielte damals mit mir, und es war in mir eine unwillkürliche Erwiderung dieses Spiels, dass ich mit Joduno auch spielte. Sie war die erste, in der die Welt vor mich trat, und so kindisch, so zum Spielen geneigt. Mein Umgang mit ihr verschwindet in seinen Ursprung, in ein undeutliches Gefühl, das über meinem Herzen wie der Hauch auf dem Spiegel lag. Die seltsamen Zauberspiele Mollys und alle ihre Rätsel schliefen einen