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, mich dem Ideale meiner kühnen Hoffnung uneigennützig, ohne Selbstliebe, nur ganz ihm hinzugeben, nur zur augenblicklichen Schmeichelei erschaffen, und sucht man uns den Egoismus nur wegzuraisonnieren, damit wir ihn uns zur Qual sich wieder in unsere lieblichsten Bilder von Menschenglück als einzig feststehenden Beweggrund eindrängen sehen?

Ich habe gesündigt. Die natur spricht aus, was ich beklagt habe. Der Mond tritt hinter eine Wolke. Es ist dunkel und schwarz in der Nacht, und meine Lampe schimmert etwas heller durch das Stübchen. Da ist nun die Aussenwelt, die Hoffnung und die sehnsucht, die Tiefe des himmels und die kleinen Sterne von meiner inneren getrennt. heller leuchtet das Lämpchen, aber nie hell. In meiner Brust ist eine weite Welt gewölbet, mein Egoism kann sie nicht erleuchten. O die Nacht! Ist der Mond für die Welt da und nur diese Lampe für mich? Im Dunkel herrschet Ruhe und Vollendung. Die Dämmerung erzeugt das Handeln und verdirbt den Raum, ich will ihr Licht nicht. Der Mond schwimmt leise auf dem ewig tiefen Meere der ewig hohen Welt über die Wolkenburg, wie die natur über den Worten und Werken von mir Kind hervor. Stirb, Erdenlichtchen. Gute Nacht! Die Lampe verlischt.

Es ist schon wieder Tag geworden. Könnte ich dir das Erwachen eines Seligen im Elysium malen, den kein Freund, keine Liebe, den nur die Mühe im Leben begleitete, dem ein einsamer Tod die Augen zudrückte, dessen letzter blick voll des sterbenden Lebewohls sich in keiner Träne eines Trauernden brach, und in ihn selbst zurück einen Trost sich senkte, dessen letzter Kampf mit der Liebe zum Leben wie Fesselgeräusche von kalten Kerkerwänden wiederhallt. Könnte ich dir ihn malen, wie er ausruft: "Ich war zu spät geboren!" wenn er in den Garten tritt, in dem alle seine Erdenfreuden als himmlische Blumen blühn, so hätte ich dir meine Empfindung, da ich an diesem Morgen in die Welt sah, in einem Bild zusammengedrängt, hingereicht. Mir selbst zu wenig, und der Welt zu viel, und umgekehrt, legte ich mich gestern abend nieder; mein Lager war ein mit Moos ausgestopftes Ruhebett; und die Gastfreundschaft hatte durch ein liebliches Mädchen wohlriechende Kräuter drüber hingestreut. Die Handlung beschäftigte freundlich meine Sinne, und die wirkung berauschte sie zum Schlafe. Guter, freundlicher Wirt, wusstest du, dass hier ein Schwärmer ruhen sollte, der deine Hütte entweihen konnte, weil du Kräuter und Blumen wie Hieroglyphen der Liebe und Unschuld um ihn streutest? Indem ich mit den Bildern spielte, spielten sie wieder mit mir, und ich schlief. Ein sonderbarer Ton weckte mich auf. Es war mir leid, dass es die Sonnenstrahlen nicht taten. Ich hätte mich dann eines höheren, einigeren Lebens freuen können. Die Morgenröte kämpfte spielend mit dem Grün der Weinblätter, die an dem kleinen Fenster, vom Morgenwinde bewegt, mir um die Wangen schmeichelten, als wollten sie mich mit meinen Wünschen versöhnen. Die Liebe hatte den Schmetterling geweckt. Die Sonne stieg leise hinter dem Gesichtskreise empor, und küsste die Scheidetränen der Nacht von den Blumen. Sie drang aus sich selbst empor, wie die Glut der leidenschaft, und das Leben erwachte in steigendem Glanze, während die unbestimmte Trauer im Schleier des Nebels feierlich und verheissend in die Erde stieg. So werden die Seufzer der trauernden Witwe Seufzer der Liebe, und der Kranz schwebender Lichter blühet in Irrlichtern und Feuerwürmchen über Gräbern und Blumen. Die Tränen der sehnsucht und der Hoffnung haben die Erinnerung umfasst. Den Schleier des Kummers hebt die tröstende Liebe. Ihr blick dringt in Mitleid in das Herz. Die zitternde Hand ordnet die vernachlässigte Locke. Man erkennt das Leben im Spiegel. Das Grab ist hinabgesunken, der Trost ist hingewandelt. Die Freude dreht sich wie Liebesneckerei um uns, und der Hochzeitstanz, der seine jubelnden Kreise durch unsere Sinne zieht, ertrinkt mit uns in Lebensallegorien, um die die Bürgerlichkeit mystische Vorhänge gezogen hat.

Unter meinem Fenster entwickelte sich ein freundliches Schauspiel. Ein junges Reh hüpfte durch den kleinen Garten bis an das Fenster unter dem meinigen, und raschelte blökend im Weinlaube, als erwarte es etwas. Dann eilte es gegen die tür, durch die ein Knabe von etwa dreizehn Jahren trat. Der Knabe ging an einen verschlossnen Behälter, holte einen Bündel Kräuter hervor, womit er das Reh fütterte. Alles das tat er mit einer heftigen Eile, und doch schien zwischen ihm und seiner Handlung eine traurige Ruhe zu liegen. Seine schwarzen Augen und die Züge seines bleichen Gesichts bewegten sich schnell, wie Takt ohne Ton, indes seine Haare kraus in dem Winde wehten. Er pflückte eine grosse Sonnenblume ab, und einige Buchszweige, steckte Taxus dazu, ging langsam nach einer alten Mauer an dem Turme dicht neben meinem Fenster, schwang sich mit einer unglaublichen Behendigkeit hinauf, setzte sich nieder, sang mit durchdringender stimme ein Lied, das mit wenig Melodie in schnelle kurze Takte gedrängt war. Das Reh war zu ihm hinaufgesprungen, und legte ihm vertraut den Kopf in den Schoss. Dann und wann sah er mit sehnsucht in die Ferne, indem er in einer kühnen Stellung auf der Fussspitze auf dem engen rand der Mauer stand. Er schaute gespannt in die Weite, indem er die Hand gegen die Sonnenstrahlen vor seine Augen hielt; dann winkte er, sprang herab, und sein Begleiter ihm nach. Die Gartentüre ging auf, und so trat der Engel, von Gott zum erstenmale auf die Erde