Grossen in der Materie, die Ritterschaft, drängte sich in die Städte, um die Kleinen, die in der Zeit des Geistes mächtiger wurden, in den Schatten zu stellen; Raubvögel, die das Licht der hellern Sonne nicht mehr ertragen konnten, drangen sich der brütenden Henne als Gehülfen auf, und so wurde manches bürgerliche Küchelchen verbrütet, und so entstand das Motto: Sub umbra alarum tuarum. Faulenzer und Blödsichtige lieben sub umbra. Das war ein grosser Mann, der nicht sub umbra alarum Alexanders ruhen wollte, und ihn bat, er möge ihm aus der Sonne gehen. Werdos Glück haben sie auch verbrütet, und, da sie ihm nicht aus der Sonne gehen wollten, so hat er sich auf diesen hohen Berg geflüchtet, und sieht sie so aus der ersten Hand. Er sagte mir neulich: "Hierhin in die Trümmer des Faustrechts habe ich die Trümmer der Freiheit meines Geistes gerettet, denn, mein Herr, der Kuckuck jagt die Nachtigall aus ihrem Neste; die Menschen finden es grausam, weil sie es nicht taten, fangen sie sehr naiv in Schlingen, sperren sie in einen Käfig, schreiben die geschichte der Stubenvögel und nennen sie Naturgeschichte, da sie doch gewiss eine Kunstgeschichte ist, blenden der Nachtigall die Augen, damit sie immer singt, schreiben ihren Gesang in Worten nieder, füttern sie mit gestohlnen Ameiseneiern, und lassen ihre Kinder etwa auch mit hölzernen Kuckucken aus Nürnberg dazwischenschreien." – In dieser ganzen Rede lag eine seltsame Darstellung seiner Leiden.
Es ist mir sonderbar zu Mute hier, ich habe nie so gesellig eine Nacht so einsam zugebracht, es regt sich alles in mir nach Mitteilung, und doch ist mir die mittelbare des Schreibens etwas unangenehm.
Die Lampe verdirbt mir den Mond, er sieht über die Erde herab, wie der Trost über den Jammer, wie das platonsche Auge eines zwanzigjährigen Mädchens über ihren wallenden Busen. Er steht über dem Harem des Grosssultans von Goldblech, wie der Orden Pour le mérite über dem Herzen der – und heisst doch ein Brotdieb der ausserordentlichen Liebe und Diebe im Kleinen. So macht der Stern kein Herz, und der Mond über dem schlechten wirtshaus in J. hat noch keinem Ermüdeten eine freundliche Nacht gewährt. – Sieh, so stört mich die Lampe, dass ich den Mond lästere. Unten im Tale möchte ich auch etwas hemmen, das mir in meine Ruhe hineinlärmt. Eine Pulvermühle klappt durch die sanfte liebliche Nacht, wie der Puls der Kunst durch die natur, wie der taktstampfende Fuss eines Musikers durch seine Melodien, wie der Pantoffel der Ehe durch die Liebe.
Senne heisst der Bewohner dieser sonderbaren wohnung, deren Ganzes mich in eine schauerliche gerührte Stimmung versetzt. Ich möchte auch hier wohnen, wenn ich alles verloren hätte, um das ganz geniessen zu können, was jedem edlen übrig bleibt, natur, Ruhe, Erinnerung und innerer Friede.
Oben auf der Spitze eines grossen Bergs liegt in einem Amphiteater, das ein dichter Eichenwald bildet, die Burg Reinhardstein, und in einem hohen grossen Gewölbe, das in der Mitte des Gebäudes unter einer verfallnen Terrasse steht, hat sich Werdo Senne einige niedliche Gemächer anlegen lassen, die alle einer vollkommen reinen Luft und einer sehr schönen Aussicht geniessen. Über sich auf der Terrasse hat er einen kleinen Gemüsgarten angelegt und einzelne Hügel um seine wohnung her mit Weinreben bepflanzt. Vor dem Eingange des Gewölbes, der mit Epheu und Geisblatt umzogen ist, steht eine ewige Eiche; an sie hat er sich die Rasenbank hingebaut, auf der er seinen Schwärmereien nachhängt. Hier sitzt er oft halbe Tage lang, und singt Lieder zu seiner Harfe, die er meistens selbst dichtet. Er hat es auf diesem Instrument zu einer seltnen Fertigkeit und einem seltsamen Vortrage gebracht, denn seine eigne, durch gewisse Zufälle bestimmte Ansicht der Dinge und seine heftige sehnsucht nach etwas, das er allein kennt, gibt seinem Spiel eine ganz eigene Modulation, die alles um ihn her zur Teilnahme bewegt. Ich habe mir eins seiner Lieder gemerkt, er singt es sehr oft, und es scheint mir, als läge viel Aufschluss über seinen Kummer darin.
Die Seufzer des Abendwinds wehen
So jammernd und bittend im Turm;
Wohl hör ich um Rettung dich flehen,
Du ringst mit den Wogen, versinkest im Sturm.
Ich sehe dich am Ufer; es wallet
Ein traurendes Irrlicht einher.
Mein liebendes Rufen erschallet,
Du hörest, du liebest, du stürzest ins Meer.
Ich lieb und ich stürze verwegen
Dir nach in die Wogen hinab,
Ich komme dir sterbend entgegen,
Ich ringe, du sinkest, ich teile dein Grab.
Doch stürzt man den Stürmen des Lebens
Von neuem mich Armen nun zu.
Ich sinke; ich ringe vergebens,
Ach nur in dem Abgrund des Todes ist Ruh.
Da schwinden die ewigen Fernen,
Da endet kein Leben mit dir.
Ich kenn deinen blick in den Sternen,
Ach sieh nicht so traurig, hab Mitleid mit mir.
Bis jetzt hab ich wenig mit ihm gesprochen, denn er spricht nicht gerne, und ohne zurückzuschrecken hat er durch sein Betragen die Macht, alle Lippen zu verschliessen. Die Ruhe um ihn her gleicht jener Ruhe, die jeden Gefühlvollen nach den arbeiten eines reichlich verlebten Tages am stillen Feierabende ergreift. Ähnliches Schweigen ergriff mich, als ich die Opfer ihrer Meinungen, alte aus Frankreich vertriebene Priester, in unsern Promenaden mit Tränen im Auge ihr trocknes Brot essen sah, als ich den Greis Broglio, als ich den