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. Nie habe ich so viel Stolz aus Selbstgefühl, so viel Demut aus Mitgefühl in der gebildetsten Hoheit eines weiblichen Umrisses, in der heiligsten Tiefe einer weiblichen Fülle vereint gesehen. Die Moschee, der Turban der Dame, ihr Schleier versetzten mich in die Feerei des Auslands, schüchtern eilte ich ihr durch alle die zierlichen Irrgänge nach, oft sah ich eine reizende Falte ihres wallenden Gewandes um eine Säule herumschweben. Mitleidig bedauerte ich jede Falte ihres Gewandes, die an den Säulen des Tempels der Religion anstreifte, um einer Schwester Platz zu machen, die nun innig die Säulen des Tempels der Liebe umschloss. Ich scheute mich, meine Schritte zu verdoppeln, und sie schien mich zu vermeiden. Ich ging einen entgegengesetzten Weg, trat in die Moschee, und die Gotteit stand mitten in dem erhabenen einfachen Betehaus. Nie war ich verwirrter, ich habe nie mitten im Gebet eine Gotteit vor mir niederschweben sehen. Eine junge Nonne, deren heilige Jungfräulichkeit sich mit ihrer menschlichen Jungfräulichkeit verwirrt hat, die die Pfeile im Busen des heiligen Sebastians nicht mehr von denen der Liebe trennen kann, kann nicht verlegner seinich dachte an dich und wünschte mir deine Kühnheit; hätte ich diese nicht entbehrt, so würde ich gar nicht an dich gedacht haben.

Ich grüsste das Weib aus sittlicher Lüge, und sah sie nicht an aus dem menschlichen Gefühl des Wagstücks der innigsten natürlichsten Vertraulichkeit mit ihr. Ich glühte und war frei, hingestossen, mich in ihre arme zu werfen; ich zitterte und war gefesselt, mit Gewalt zurückgehalten, an ihren Hals zu fallen. Wir drehten uns den rücken. Ich sah an die Decke des Gewölbes, weil ich gegen Himmel blickte, und las unter vielen Sprüchen, die mit goldnen Buchstaben an die Wände geschrieben waren: Hier sei keine Furcht als die Furcht des Herrn. Dies erfüllte mich mit einem unerwarteten Mut, ich drehte mich um, um die Dame anzureden, aber sie kam mir zuvor und bat mich mit vieler Anmut um mein Augenglas, um eine weiter entfernte Sentenz zu lesen. Ich gab es ihr zitternd, indem ich die äusserst gemeine Bemerkung machte: "So schöne Augen, und ein Augenglas!" Sie sah mich lächelnd an und sprach mit einer wehmütigen stimme: "Die Tränen." Ich schämte mich und hörte sie die Worte laut lesen: "Lege hier nicht dein Leiden, lege dein Handeln in die Waagschale". Hier gab sie mir das Augenglas zurück, sah tiefgerührt zur Erde, und schien ganz von dem hohen Sinn der Wahrheit getroffen zu sein. Die hände nachlässig zur Erde herabsenkend sah sie nieder, als suche sie ihre Handlungen und fände verlorne Freuden. Ach! ich wäre gern vor ihr niedergesunken, hätte ich nur die mindeste Hoffnung gehabt, zu ihren verlornen Freuden zu gehören. Ich seufzte etwas laut, das hohle Gewölbe ertönte und weckte sie auf. "Sie scheinen ein Fremder zu sein, mein Herr!" redete mich die Dame an. Ich bejahte die Frage. "Nun so können wir", fuhr sie fort, "miteinander nach der Stelle gehen, wo die Wagen die Spaziergänger erwarten, ohne dass der eine in Gefahr ist, morgen zu hören, was der andere Böses von ihm gesprochen hat." Ich konnte sie nicht begreifen und ihr nicht antworten; ich bot ihr meinen Arm, und wir verliessen die Moschee schweigend. Ich wagte es, sie zu fragen, wie sie zu so einsamen Spaziergängen verführt würde; auch hierauf erhielt ich eine eigne sonderbare Antwort. "Ich habe diese Frage schon so oft beantworten müssen," erwiderte sie lächelnd, "dass es mir schwer wird, zu antworten, ohne mir den Vorwurf machen zu müssen, ich hätte die Antwort auswendig gelernt. Doch ich will es versuchen, mich mit der Vielseitigkeit meiner Sprachgewalt selbst zu übertreffen: es ist, weil ich nichts an der Welt zu fodern und ihr nichts zu geben habe. Man hat mir so viel genommen, dass man bei der Harmonie meines Daseins das zerstümmelt hat, was mir noch zugehört; mehr kann ich nicht sagen, und Sie werden so gütig sein, Ihre Neugierde zu unterdrücken und mir die Freude zu lassen, Ihre Frage befriedigend beantwortet und dennoch mich Ihnen nicht anvertraut zu haben." "Madam!" erwiderte ich, "ein Mann, der an Ihrer Seite geht, müsste der undankbarste Mensch sein, wenn er noch einen andern Wunsch in seinem Busen hegen könnte als den, zu wissen, ob er Ihnen nicht missfällt." "Lassen Sie das, mein Herr!" erwiderte sie, "das sind Zierereien, die Sie nicht hierherbringen müssen, wohin ich den Zierereien des bürgerlichen Lebens entfloh. Wundern Sie sich nicht über alles, was ich von Ihnen fodern will; wenn Sie können, so freuen Sie sich darüber. Wir werden uns wohl nicht mehr sehen; lassen Sie uns das Stückchen Weg, das wir miteinander zu gehen haben, einst zu den wenigen Minuten zählen können, die wir Menschen waren. Wie heisst du?" – "Karl; und du?" – "Molly." Unsere arme verschlangen sich. "Wo bist du her?" – "Aus B." – "Aus B.", sagte sie mit gedämpfter stimme und liess ihren Arm aus dem meinigen sinken. Der Ton ihres letzten Worts und das ganze sonderbare, allein dastehende Impromptu in meinem Leben benahm mir den Mut, weiterzusprechen. Schweigend