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man umgekehrt geärgert wird, so hat man wenig gesehen und so viel bemerkt, wie der Verfasser des Romans Godwi, und da kommen nun deine Briefe hinterdrein und sprechen von Kaufleuten und praktischen Menschen etc. – Doch die Caprise will fort, sie gefällt allen Leuten wohl, sie ist gewaschen und geputzt, und erregt allgemeinen Neid. Bis aufs Wiedersehn. Es geht mir bei dieser Fahrt wie einem Menschen, der immer witzelt, und deswegen manchmal treffen muss. Er ist zu Menschen von stand zu Tische gebeten, und will nun recht witzig sein, weiss aber noch gar nicht, ob er bemerkt werden wird, und es bangt ihm vor dem Ausfalle der Schlacht, da noch alles im tiefen Frieden liegt. Da bin ich wieder, und wie blass, zerstört, ängstlich. Haben deine Bemerkungen nicht getroffen, armer Römer? O! ich wollte gern nicht bemerken, wenn die verdammte Caprise nicht wäre bemerkt worden. Ich kann dir nicht sagen, Karl, wie mir zu Mute ist, verliebt bin ich wahrlich nicht, hundert Menschen habe ich umgerennt, hundert Flegels habe ich erhalten, Xenien habe ich gemacht, Strassen bin ich durchlaufen, wer weiss, wie viele stille Liebende gestört, wie viele argwöhnische Alte erweckt, wie vielen Podagristen auf die Zehen getreten, und wie vielen Laufern zwischen die Beine gekommen. Da ich, um nach haus zu kommen, über die Fulda setzen musste, bekam ich fast Händel mit dem Schiffer, dem Übersetzer der kleinen italienischen Gondel, der gerade auch ein paar Damen mit schwarz und weissen Federn übersetzte. Merkur soll diesen Charon etwas verdorben haben.

Gott sei Dank, dass alles dies vorbei ist, ich habe dies alles von B. bis nach F. ausgeschlafen; aber doch ist es mir sonderbarer und wilder dabei zu Mute, als es dir sein mochte, als du mir deine sanftern Abenteuer an eben diesem Orte erzähltest. Ich sass also in der Caprise, und fuhr durch die Leute durch, die alle geputzt nach W. fuhren, ritten und gingen. Man zog vor meinem Wagen alle Augenblicke den Hut ab, und ich musste diesem Gruss unaufhörlich antworten; man ist nun einmal hier gewöhnt, sich vor Caprisen zu beugen. Die Leute, die um meinen Wagen herum spazierten, hatten alle ihre fette Seite zu Tage gelegt, und suchten sich gegenseitig in der Beurteilung ihrer Glücksumstände zu übertölpeln. So sind nun die Menschen, statt ihre Tage der Ruhe und Erholung, wie Beckers Erholungen, zur Mitteilung ihrer Armut und langen Weile anzuwenden, so wenden sie sie an, um zu heucheln, und erliegen der Arbeit an ihrer Ruhe. Wie wenig brauchen doch diese Menschen, um glücklich zu scheinen, und der Schein in fremden Augen ist ihnen alles, weil sie zu ermüdet und zu geistlos sind, sich selbst zu geniessen; sie kennen nur den Genuss im Neide des Nachbars, umgekehrt wie ermüdende und geistlose deutsche Produkte allein im Lobe des Nachbars leben. – sonderbar, dass die Engländer uns die guten arbeiten ihrer hände so teuer bezahlen lassen und die schlechten arbeiten unserer Geister so teuer bezahlenWer ist der angeführte teil?

Der ganze Schwarm mit seiner Stimmung war mir unerklärbar; so ist der Pöbel über die Krone auf dem haupt und die Krone auf dem Castrum doloris gleich verwundert; so isst man Brezeln beim Leichenund beim Hochzeitsschmaus; so lacht und tanzt der Dummkopf mit dem lustigen Bruder und dem Patienten an der Chorea sancti Viti; so geht der Marseillaner Marsch vor den Scharen der bekannten Halsabschneider her, und ist in Deutschen gesellschaftlichen Zirkeln ein sehr beliebtes Gesellschaftslied. – Ich sitze in der Caprise, und kann nicht mitlächeln mit dem Lächeln des Schlafenden, dem ein Vampir Kühlung und Ruhe zufächelt, während er ihm das Blut aussaugt. Viel hübsche Gesichter hab ich gesehen, aber fast alle gehaltlos, am gehaltlosesten waren immer die, die im fürstlichen Gehalt standen, und am ausgezeichnetsten und schärfsten waren die gezeichnet, die pfennigweise ihren Unterhalt bettelten, und sie hatten doch ein Eigentum, das ihnen der Staat nicht nehmen konnte oder wollte, ihre Armut. Überhaupt ist jeder Sonntag und jeder Tag der Freude eine wahre Seelen-Masquerade; mit dem Sonntagsrocke zieht der Bürger auch seinen Sonntags-Charakter an, und nur der arme wird nicht oder wenig verändert, weil er entweder kein Sonntagswams oder ein zerrissenes hat, so dass sein Werkeltags-Charakter entweder ganz erscheint oder durchsieht. Ich glaube, dass der Fürst daher ebenso wenig vom Glück des volkes aus seinem Jubeln auf Tanzböden und eine vernünftige Hostie, die im Hochamt emporgehalten wird, ebenso wenig von der Andacht der Christen überzeugt werden kann, als das Volk von der Huld und Güte seines Fürsten aus seinem Grüssen im Schauspiel-Haus, und seinem huldreichen Lächeln bei der offnen Tafel, und die betende Kirche von der Höhe und Heiligkeit ihres Gottes aus der Länge und Kürze der arme des emporhebenden Priesters. Auf den Tanzböden wird durch Gläsergeklirre und Geigengequieke der Verdruss, der sich nur in der Ruhe über den Niveau unsers Inhalts verbreitet, niedergeschlagen, so wie in der Kirche die reine Tätigkeit, die nur in der Ruhe aus unsrer Tiefe emporwallet, exaltiert wird, so wie der Fürst, wie der Götzendienst nie bei einer öffentlichen Ausstellung beurteilt werden können, wo alle Sedative der Sklaven- und Herrscherkunst in voller Arbeit sind.

Ich war angekommen und lief durch die Menge durch, und es ward mir nicht schwer, mich allein zu denken; denn wir