heute gezogen und ein grosses Deficit gefunden habe. Der andere, ein ziemlich trockner Geselle von J., wollte den Kummer gar in keine Rechnung gebracht wissen, und ärgerte den ersten durch seinen Trost, F. behaupte, alles läge im Capital-Conto des Ichs, fast bis zu Tränen. Ich reiste vor Tages-Anbruch ab, und konnte dennoch den hebräischen Morgengebeten der polnischen Juden nicht entgehen, sie verdarben mir den Gesang der Nachtigalllieder, die mir durch die Stadt nachhallten. Weiter schlief ich bis nach B., wo – nun, du kennst den Wert des Ortes schon – nach einem zweideutigen Aufentalt der geträumte teil meiner Reise anfing. Ich rollte durch die schönen breiten Strassen, ein kalter, toter Wind strich mir um jede Ecke entgegen, alles, was ich sah, waren Leute, die durch Gehorsam grade, und Leute, die durch Stolz krumm gehen gelernt hatten, Soldaten und Höflinge. Einige Flüche und das Schallen der Stockschläge der Kinder des Landes, die die Kreide aus ihren Hosen, den einzigen Überfluss in ihrer Existenz, zur Parade ihrer Arbeit und die Gastfreunde aus ihren Bettdecken, die ebenso sehr zu den zehrenden Capitalien als der fürstliche Stall gehören, zur Parade ihrer Ruhe ausklopften, unterbrachen mich in meiner Angst, die mich jeden Augenblick vor dem Zauberpalast deiner Calypso vorbeiführte. Jeder zierliche Nachttopf vor einem grossen breiten Fenster machte mich vor ihrer Schlafstube zittern, jeder rotseidne Vorhang schien mir das erste Prinzip der Morgenröte ihres heutigen Tages, jedes Kammerzöfchen, das mit weissem arme ein silbernes Waschbecken vom Fenster herausgoss, schien mir ihren Schlaf und ihre süssen Träume von dir zu vergiessen. Ich stieg in einem wirtshaus ab, das am militairischen Übungsplatze liegt, und sah, wie sich einige Landes-Junker ihres Lebens freuten, da sie ein Landeskind mit Spitzruten überzeugen konnten, dass es ihm ein leichtes sei, das verbotne Volkslied "Freut euch des Lebens" ebenso wenig zu singen und zu denken als sein Herz Anteil an dem Sinne des "Herr Gott, dich loben wir" bei der Geburt eines neuen Rutenpflanzers nehmen zu lassen.
Morgen werden alle wasser in dem Lustgarten seiner Durchlaucht springen, weil sich ein neuer Segensstrom in der Geburt des zukünftigen Volksvaters über das Land ergossen hat, das wasser in seinem kopf und die Tränen seiner Untertanen abgerechnet, welche sich in ihrer wechselseitigen Austrocknung wie die Pontinischen Sümpfe zum Schweisse der römischen Päbste verhalten. Doch sein Kopf und seine Untertanen gehören nicht zu jenen Fontainen1, die wie eine gewisse Fontaine wasser und immer wasser in tausend lang- und kurzwährenden und –weiligen Strahlen zur Freude grosser Damen und ihrer Kinderstuben und einer Menge litterarischen Pöbels und seiner Spinnstuben ausspeiet. Sie haben ihre Stelle im Jammertal.
Den 22ten. Ich sitze mitten in einer wollenen Schäferei, die gewirkten Tapeten meiner stube sind voll von Schafen und Schäferinnen, aus den zeiten der arkadischen Schafzucht unsers Geschmacks, aus den zeiten Gessners. Hinter meinem Bette ist eine hingewebt, die immer recht mit mir harmoniert, wenn ich einschlummernd das Ritardando, Decrescendo und Diminuendo meines heutigen Lebens ertönen lasse. Ihre lange langweilige Taille verträgt sich gar nicht mit unserm jetzigen kurzgebundnen Geschmack – la pointe de sa taille est encore au bas ventre et celle d'à présent se finit au cœur. – Da ich, wie du weisst, gewohnt bin, seit mehrern Jahren vor dem Schlafengehen Gessners Idyllen zu lesen, so sind mir diese Surrogate sehr willkommen, weil ich, obschon ich sehr auf pag. 5 der kleinen Taschenausgabe gespannt bin, sie vergessen habe, mitzunehmen. Doch so wie die Kriegskunst von jeher ein Feind und Zerstörer der hirtlichen Ruhe war, so verhindert seit zwei Abenden auch die lärmende Taille eines in der angrenzenden stube an dem Pharotische eines Bürgers aus F., der seine Bierbank; zu einer Goldbank exaltiert hat, spielenden Kriegers, den Einfluss der langen Taille der Schäferin. Dieser Krieger gäbe sein Herz gern zum Karten-Sinnbild hin, hätte seine ganze Kompagnie je an einem andern Flecke Herz gehabt als unter dem Ellnbogen, das heisst herzförmige Tuchflecken, damit sie ihre Montur und die Ellnbogen derselben drei Jahre lang durchbringen könne, denn diese Pursche sind alle wie Simson und haben die Eselskinnbacke stets in den Händen.
Es ist Zeit, dass ich in die Caprise steige und mich nach dem Lustschlosse fahren lasse, wohin heute alles lustwandelt, und ich mir die Leute ansehen will. Ich bin bei meiner jetzigen Freiheit ein ganz anderer Mensch geworden, und freue mich über die neuen Seiten, die ich an mir entdecke. Ich glaube fast, könnte ich mich nur so wenig über meine Sphäre erheben, dass ich die dummen Streiche von Individuen alle bemerkte, ich wäre fähig, einen satyrischen Almanach wie F. zu schreiben.
Hat der, welcher, in einförmigen arbeiten eingeschlossen, aus langer Weile gerne moralisiert und guten Freunden gern mit gutem Rate an die Hand geht, wohl Anlage, in der Freiheit hie und da Bemerkungen zu machen, die unter die launigen und satyrischen gehören? Können die Umstände aus dem Koturn eines vortrefflichen Iflandischen Hofrats wohl den Stiefel eines bissigen Katers erschaffen – mir geht es fast so, ich habe mir durch den einförmigen gang meiner Geschäfte einen einförmigen, systematischen gang meiner Ideen und Grundsätze erschaffen, die mich selbst am Ende mehr langweilten als Hermann Lange, wenn der seltene Zufall mir schneller die Bilder vor den Augen vorüberjagte, weil ich viel gesehen und so wenig bemerkt hatte, als Nikolai in seiner zwölfbändigen Reisebeschreibung; wenn