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ich beneidenswert.

Wenn du zu mir kömmst, so will ich eine Stunde mit dir scherzen, die andere wollen wir miteinander darüber nachdenken, was doch die sonderbaren Bilder, die ich immer um mich sehe, bedeuten, und die dritte wollen wir uns neben deinen Freund setzen, er soll uns von seinen Reisen erzählen, und da will ich immer raten, was dies oder jenes bedeute, wenn er mir von der Welt erzählt. Meine Kinder sind alle recht freundlich, und du wirst dich an ihren schönen Augen recht erfreuen, das sind meine vielen Blumen, so und meine Geschwister nennt sie Eusebio. Unsere Liebe, dein sonderbarer Freund und unsere Lieder werden uns die Zeit beflügeln; beflügle deine Schritte gegen Werdos Halle.

Deine Otilie

Römer an Godwi

Zwanzig Meilen bin ich gereiset, und nichts als meine Geldbörse hat gelebt, recht in den Tag hinein gelebt. Der Anfang meines Traums war ein grosses Konzert und die allmächtige stimme eines allmächtigen Weibes, und mein Erwachen ist die süsse stimme eines liebenswürdigen Mädchens, die mit ihren kleinen niedlichen Fingerchen auf einer Pariser Guitarre spielt. Sie ist einzig wie ihr Auge, in dem die Macht von zweien wohnt, denn sie hat nur ein Auge, aber ein Herz und einen Geist. – Du wirst sagen, mit dem Römer muss sonderbar gespielt worden sein, dass er so launig geworden ist; sieh noch einmal nach der Unterschrift, überzeuge dich. Ja, ich bin es; und wie das alles? Dein Vater hat mich vor vierzehn Tagen meiner Arbeit entlassen, und mir erlaubt, meine Geschäftsreise anzutreten. Meine Stelle ersetzt ein Fremder, ein Freund deines Vaters, den er die Woche vor meiner Abreise ins Haus brachte. Er hat, wie er mir sagt, schon einen monat auf unserm Landhause gelebt, und ich kenne ihn nur als einen fleissigen, sanften Mann, der in seinem Alter von zweiunddreissig Jahren viel muss erfahren haben. Seine Züge sind durch Leiden verwischt; wenn er lächelt, so rührt er, und wenn er blickt, so sucht er. In Handlungsgeschäften hat er sehr viel Kenntnisse, was den Geist und den ganzen Umfang betrifft; doch muss er oft bei Kleinigkeiten sich sehr anstrengen und besinnen, um das Resultat zu finden. Er ist überhaupt eine von den zarten grossen Seelen, die sehr viel verzeihen, und doch von sehr wenigen gekränkt werden können. Ich hätte ihn gern näher kennen gelernt, wenn es nicht schwer wäre, ihm in kurzer Zeit näherzukommen, weil seine Oberfläche, mit der man sich zuerst berühren muss, um sie ans Herz zu drücken, zerrüttet ist. Es ist mir, als habe ihm das Schicksal die Hand gelähmt und so den Freundschaftsdruck ermordet. Er muss den Menschen, den er lieben soll, gleich umarmen können, sonst kommt er ihm nimmer nahe. Dein Vater ist innig mit ihm verbunden, denn er ist oft allein mit ihm in seinem Kabinette, in das noch keiner ausser ihm gekommen ist, und dennoch zeigt er auch im Umgange mit deinem Vater, dass er nur noch die Tiefe des Lebens besitzt und das Nächste verlor. Er geht mit ihm um wie ein schüchterner Anbeter mit einem coquetten weib, wie der bigotte Katolik mit seiner Religion, er ist der unermüdliche, stumme, ängstliche Befolger aller Winke, die dein Vater gibt, oder die er sich von deinem Vater einbildet. Wenn er ruhig vor sich hinsieht, und ich wollte dir ihn schildern, so müsste ich dich auf die Anlage des Kolorits eines Bildes des tiefsten Schmerzes, den das Bewusstsein verlässt und die Ahndung des Wahnsinns bewohnt, verweisen.

Froh, deinen Vater in den Armen eines Freundes zurückzulassen, der ihn sehr beschäftigt, weil er bedarf, stieg ich in unsern freundlichen englischen Wagen, und dein Vater war so ungewöhnlich munter, dass er mir zurief: "Nehmen Sie sich in acht, mein lieber Römer! Sie sitzen mitten in der Caprise einer Huldin meiner Vorzeit, einer Furie meiner Gegenwart." Ich grüsste ihn, fand ihn sonderbar und rollte in der Caprise recht bequem weiter. Pläne, dein Bild und das Bild einer Caprise meines zukünftgen Weibchens setzten sich zu meiner Seite und wurden meine unterhaltenden Gesellschafter. Die Epochen meiner Reise mit offnen Augen waren mein Wohlbehagen, als ich durch die reizenden Fassaden von D. fuhr, hinter denen schlechte Häuser stecken. Chodowiekis und Jurys Titelkupfer zu den Romanen des Feldpredigers, den spasmodischen Produkten des, Gott sei Dank! im Herrn selig entschlafenen Vaters der zwölf schlafenden Jungfrauen, fielen mir dabei ein; – weiter meine Langeweile bei der schlechten Geburtshülfe, die in H. den Musen geleistet wird, denn ihre Söhne sehen an diesem Orte fürchterlich aus; weiter die unermüdliche Polizei in –, die den Baum vor dem wald nicht sieht, das heisst: den Sparren im Kopf, den Balken im Auge, vor dem Splitterwalde in den Augen der andern, und gern jeden zum Spitzbuben machte, um allen ihren Häschern und Polizeiknechten Beschäftigung zu geben. Durch diese Stadt geht der Transito der gesunden Vernunft, von wackern Marktknechten zu Ballen geschnürt und den Beschauern der Landesaccise durchwühlt.

Ich konnte nirgends unterkommen als im Goldnen X. Nicht einmal eine stube für mich allein konnte ich haben, und musste, da ich zu Bette ging, das Gespräch zweier mit mir einquartierten Studenten hören. Der eine von H. kam sehr zerstört und traurig nach haus, und schrieb seinen Kummer in das Freudendebet eines unglücklichen Frauenzimmers, deren Bilanz er