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tosenden Leben bewegt" –

Dann lebte er auf einem Landhause v.S. Die romantische Gegend und die einsamen Verhältnisse dieses Aufentalts hat mein Freund im zweiten Teile des Godwi selbst beschrieben. Den guten Geist dieser Wohnungen, der auch Maria tröstete, in dessen Armen er gern starb, an dessen Brust er wieder zu erwachen wünscht, dich, mein S., hat er nicht beschrieben. Und wer könnte die ruhige Würde deiner Erscheinungen, die stille Güte deiner Mienen und die liebende Konsequenz deines Lebens mit Worten andeuten? Ich mag dich nicht erinnern, was du für Maria gewesen bist, aber ich bitte dich, wenn die gestorben sind, für die ich lebe, lass mich auch in deinen Armen einschlafen.

Von seiner Krankheit hab ich nichts zu sagen. Seine Liebe war sein Leben, seine Krankheit und sein Tod. Bis in dem letzten Augenblick war er tätigwir mussten seiner Begierde zu lesen und zu schreiben auf den Befehl des Arztes nachgeben. Er würde nicht sterben, behauptete dieser, wenn er immer fortschriebe. Die letzten hellen Tage und Stunden verdankt er dir A., deine Ironie, dein reines Gefühl und dein jugendliches poetisches Dasein heiterten den Kranken ach, wie sehr! auf. "Nun sterbe ich ruhig," sagte Maria einst lächelnd, "ich habe den Humor gesehen." Die Freude, die dir in Tiecks Dichtungen geworden, mag dir belohnen, was du an ihm getan. bleibe um Gotteswillen so lustig, wenn du ein grosser Physiker wirst.

Von den Anlagen, die mit ihm verloren gegangen sind, hat der Freund nicht zu reden. Nur das darf ich bemerken, dass die schönsten lebendigsten Stellen dieses zweiten Teils wenige Tage vor seinem Ende geschrieben wurden. Der Sinn seiner Dichtungen spricht sich deutlich genug ausdass in unserm Zeitalter die Liebe gefangen ist, die Bedingungen des Lebens höher geachtet sind wie das Leben selbst, und die Nichtswürdigkeit über die Begeisterung siegen kann, hatte er mit seiner Jugend und seinem Leben bezahlt. Er wandte seine letzten Kräfte auf, andern dies Opfer zu ersparen. Streit mit der Liebe war sein Schicksal, Streit für die Liebe sein Beruf.

Nahe an S.'s Gute lagen hoch und mit einer reizenden Aussicht die Trümmern einer Burgzwischen den Ruinen wohnte in einem kleinen Häuschen ein Kastellan, bei dem wir in frühern zeiten oft sehr vergnügt lebten. Es war ein eigener Aufentalt zwischen den alten Türmen und Mauern: aus einem Teile der alten Burgkapelle war die Kirche des Dorfes geworden. Maria, der immer mehr seinen Tod sah und wünschte, bat uns, ihn zu dem alten Kastellan zu bringen. Hier lebte er einige Wochen oben, fleissig, heiter und freier, je näher sein Tod kam. S. und A. waren beständig um ihn; die kleine Sophie, des Kastellan Tochter, war seine Wärterin.

Von seinem tod lasst mich schweigen. Ich habe ihn nicht sterben gesehen. S. las ihm Tiecks Herkules am Scheidewege vor.

"Und da kommt noch die Ewigkeit,

Da hat man erst recht viele Zeit."

Maria lachte noch einmal, er drückte S.'s Hand stärker und S. hat ihm nicht weiter vorgelesen.

Man hatte mich auf das Schloss gerufen. Als ich hinaufkam, sass S. an dem alten Turme und sah still in den Abend. Seine Hand wies mich in die kleine Kirche. Lächelnd lag der bleiche Freund in dem besten Ruhebette. Die kleine Sophie legte ihm Rosen in die hände. Als ich heftig an ihm niedersank, ihn zu umarmen, bat mich das Kind leise: "Wecken Sie ihn nicht! Er hat lange nicht so gut geschlafen, und wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht und die Rosen sieht!" –

Wir teilen dem Leser noch die bei dieser traurigen gelegenheit erschienenen traurigen Gedichte traurig mit.

I

An S .... y

Erhebe dich von dem verschlossnen mund,

Komm von dem Lager, wo Maria ruht:

Er schläft so heiter, ruhig, still und gut,

So lächelnd sah er der Befreiung Stunde;

Noch streitend fühlt er schon, dass er gesunde,

Frei wird in seiner Brust der höhre Mut,

In Ahndung löst sich die verschwiegne Glut,

Geheilt ist bald des Lebens tiefe Wunde.

Maria schläft: verschlossen ist sein Mund,

Er ist die Antwort schuldig mir geblieben,

Ach, wirst denn du sie meiner Liebe geben?

Ist es denn wahr? kann denn der Mensch nicht

lieben?

Ist keine Wahrheit in dem dunklen Leben?

Wird jeder Schmerz im tod nur gesund?

II

Nachgefühl

von N.M.

Wenn die Blumen wieder blühen,

Regt es sich im stillen Herzen,

Wenn die Rosen wieder glühen,

Fühl' ich tiefer Ahndung Schmerzen.

Tränen rinnen von den Wangen,

Meine Blicke muss ich senken,

Stiller sehnsucht zart Verlangen,

Fasst des Freundes Angedenken.

Ach und niemand kann mir sagen,

Wo der teure Freund geblieben,

Trauer hätt ich gern getragen,

Gern ein Lied auf ihn geschrieben!

III

Als Stammblatt

Bitter tadelst du den Schöpfer,

Dass er deinen Freund zerstöret,

Und dass er ihn nur deswegen

In des Lebens Mitte führte,

Um dann auf dem letzten Blatte

Der Verwesung ihn zu weihen.

Nicht den Schöpfer, nein das Leben,

Trifft, o Freund, dein bittrer Tadel!

Ach, das Leben ist so kurz,

Ach, so kurz und doch so lang!

Ist es denn auch nicht das längste