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, wir haben viel an ihm verloren. In der letzten Zeit las er meistens in Tiecks Schriften. In der zerbrochenen Laute, deren sich einst Kordelia bedient hatte, wie ich oben angeführt hatte, stand der Name: Annonciata WellnerKordelia und Annonciata sind also dieselben, – nun durfte ich die stube eröffnen, denn ihr Name war entdeckt; ich fand viele Papiere von ihrer eignen Hand, und besonders viele Gedichte an die natur.

Ich hoffe in einer weniger traurigen Zeit alles dieses bekannt zu machen, und eröffne nur folgendes:

Als Annonciata aus dem schloss verschwunden war, hatte sie der Geliebte Wallpurgis' entführt, sie liebte ihn grenzenlos, – aber er verliess sie, nachdem sie ihm das höchste Opfer gebracht hatte, das ein Weib bringen kann. – Meine Leser glauben zu wissen, was dieses Opfer sei; aber ich schwöre ihnen auf meine Ehre, sie irren sich, das höchste Opfer ist nicht das heilige Liebeswerkich kenne es allein, und wenn ich aufgehört habe, zu staunen und zu verehren, will ich dieses höchste Opfer des Weibes bekannt machen.

Einige Nachrichten von den Lebensumständen

des verstorbenen Maria

Mitgeteilt von einem Zurückgebliebenen

Der Leser, der in den vorhergehenden Blättern bald mehr bald weniger gerührt und angesprochen wurde, wird nicht ohne Interesse diesen Erinnerungen an den verstorbenen Verfasser begegnen. Sein ganzes Leben war so geheimnisvoll, dass ich, statt einer vollständigen Entwicklung seines Gemüts und seiner Jugend, nur mitteilen kann, wie ich ihn kennen gelernt, wie er mir und unsern Freunden erschienen ist und wie wir noch jetzt um ihn weinen. Der Kummer findet in jeder Klage Trostund an verlorne Hoffnungen denken wir leichter, wenn wir auch andere dafür interessiert wissen.

Seine äussere Erscheinung bizarr oder angenehm, aber immer anziehendseine Unterhaltung schnell, sehr lebhaft, immer witzigvielen fremd, einigen sehr liebin seinem ganzen Dasein ein gewaltsames Ringen seines Gemüts und der äussern Weltso sah ich Maria zuerst in J. und fühlte mich schnell zu ihm hingezogen. Keiner, der in J. war, nennt diesen Abschnitt seines Lebens ohne Dankbarkeit und angenehme Erinnerung! Elise! – Dieser Sommer, in dem ich Maria kennen lernte, und das Jahr, das wir miteinander verlebten, sind mir unvergesslich. Wie es überhaupt Ton in J. war, mit allen bekannt, mit wenigen vertraut zu sein, denn eine anständige Freiheit schuf eine glückliche Geselligkeit, in der jeder leicht den fand, den er suchteso fanden auch wir, Maria und ich, uns bald in einem fröhlichen Kreise gleichgesinnter Freunde. Ihr guten Jünglinge, du vor allen treuer Wr., wo ihr auch seid, entfernt, zerstreutMaria hat euch nie vergessenihr begegnetet den letzten Blikken, die er zurückwarfneben seinem Schatten reicht mir die Hand, nicht wahr? wir lieben uns noch und vergessen ihn nicht? –

Darf ich nennen, was uns alle verband? Ein Dichter hatte uns alle geweckt; der Geist seiner Werke war der Mittelpunkt geworden, in dem wir uns selbst und einander wiederfanden; mannigfach voneinander unterschieden waren wir, wie unsre Zeitgenossen, ohne Religion und Vaterland; wer die Liebe kannte, fühlte sie zerstörendohne diese Dichtungen wäre der lebendige Keim des bessern Daseins in uns zerstört, wie in so vielen. Im Genusse dieser Werke wurden wir Freunde, in Erkenntnis seiner Vortrefflichkeit gebildet, mit dem Leben einig, zu allen Unternehmungen mutig, zu einzelnen Versuchen geschickt. Deutschland hätte unser Studium Goetens kennen gelernt, wenn mehrere von uns Marias poetisches Talent gehabt. Sein Gemüt war früher von einem andern Dichter berührt und seine dunkle verstimmte Jugend konnte sich lange dem heitern Genius nicht vertrauen; aber bald verdankte er ihm, dass sein Schmerz Klage, sein Unglück Kraft, seine Trauer um Liebe Streben nach Kunst wurde.

Alle Erinnerungen seiner Kindheit verloren sich in den Schmerz, keine Eltern zu haben, alle Hoffnungen seiner Jugend brach die Verzweiflung der Liebe. Wie sein Leben bedeckte auch diese leidenschaft ein Schleier. Dass er ein edles Weib, getrennt durch Verhältnisse, unglücklich liebe, war keinem von uns verborgen, denn es war der Inhalt seines ganzen Daseins. Das Geheimnis selbst schläft in deiner Brust, Clemens Brentano! Du hattest Marias ganzes Vertrauen, und weil du weisst, was er litt, darum hast du am tiefsten gefühlt, wie wert ihm die Ruhe!

Er gestand uns gern, wie er sich erheitre in unserm Umgange; er fing an, sich und seinen Talenten zu vertrauenmehrere Aufsätze, die noch nicht gedruckt wurden, sind in dieser Zeit geschriebensein Godwi entworfen, hin und wieder ausgeführt.

In keinem glücklichern Momente hätte er das angenehmste Verhältnis finden können, das er jemals hattedeine Bekanntschaft, T., und den Umgang mit dir, Fr. S., und deiner edlen Freundin. Freundlicher T., führt dir ein Zufall diese Blätter in die hände, siehst du sie lächelnd durch, wie du pflegst, darf ich dich anreden, darf ich dir sagen, wie wir alle dich liebten, wie du uns im Leben begegnetest wie in der Dichtung, einfach, gütig, der Gotteit und der Vorzeit empfänglich, reich an treffendem Witz, reicher an Gefühl, Dichter und Künstler, wie es wenige sind? Von uns allen hatten deine Werke Maria am meisten gerührt, er pries sich glücklich, je mehr er dich sah, er ward fleissig, von dir zu lernen