1801_Bretano_008_159.txt

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Auch Violette erwachte wieder, und sagte laut weinend: "Ach, warum verliessen Sie mich damals; hatte ich nicht gesagt, ich würde zu grund gehen?" –

"Ist es denn so, Violette!" –

"Ach, es ist so, es ist nun alles vorüber." –

Die Mutter hatte sich mitten in der Glut des Krieges das freie Zelt ihrer Lust aufgeschlagen, auch Violetten hatte sie der wilden Liebe hingegeben; die Mutter war gestorben, Violette war allein zurückgeblieben, Flametten hatte ein nahewohnender Förster zu sich genommen. Das Schloss und die Güter waren durch Krieg und die Erpressungen der Gräfin selbst zu grund gegangen. Violette hatte keine Heimat mehr; der letzte Mann, den sie wirklich liebte, – denn er hatte sie zu sich genommen und wenigstens aus Mangel und Not gerettet, – war ein französischer General, der am Abende vor der Schlacht meistens alle sein Vermögen zu verspielen pflegte, um ohne Testament und ohne Erben dem tod entgegenzugehen.

Er setzte Violetten auf die letzte Karte und verlor sie an einen seiner Waffenbrüder – "Wenn ich tot bleibe," sagte er, "ist sie dein; und komme ich davon, so gebe ich dir meine zwei Schimmel." – Er blieb tot, – Violette floh und verbarg sich bei dem Förster, der Flametten erzog. – Die Armee drang siegend vorwärts, und unter den Elenden, die der Krieg hinter sich lässt, war auch sie. –

Der Förster wollte sie nicht länger um sich haben, das Leben war schwer zu erwerben, und die bauern hassten alles, was der Gräfin angehörte, sie war deswegen nachts in das Schloss zurückgegangen. –

Es war ja kein Mensch, der sie hinderte, der wilde Krieg hatte ja alle Tore gesprengt, und die Armut und das Elend konnten aus und eingehen. Sie war nach der stube gegangen, in der sie sonst mit Flametten gewohnt und dem kind das Lied von der Weinsuppe vorgesungen hatte, ihr Bettchen stand noch da, aber es war kein Boden mehr darinne, auch waren keine Fenster mehr in der stube und keine Tür, der Wind zog traurig durch die leeren Fensterrahmen, und ging wehklagend durch die wüsten Gänge des Hauses; sie setzte sich auf den Boden auf ein Stück Holz nieder, und weinte, ihre Kleider waren zerrissen, und es war eine kühle Nacht. – Ach es war das nämliche Holz noch, das sie mit banger Frömmigkeit sonst unter ihr Kopfkissen gelegt hatte, um hart zu schlafen, und sich zu kasteien.

Sie dachte an Godwi, und erinnerte sich wieder an alle ihr Elend, und ihr Verderben, seit er sie verlassen hatte. Ihr Schmerz hatte keine Grenzen mehr, sie lief wie verrückt nach der stube ihrer Mutter. – Hier schlief der nämliche Mensch auf einem stuhl, sie kannte ihn nicht, die Laterne stand in einem Winkel und brannte dunkel, sie betrachtete ihn aufmerksam, und er war es, erder sie in alles Elend gestürzt hatte; sie mochte ihn nicht wecken, setzte sich zu seinen Füssen, und bedeckte seine hände mit Tränen und Küssen, – es ergriff sie eine schreckliche Zerrüttung, sie zerraufte sich die Haare, und rang die hände; dann liess sich ein guter Geist auf sie nieder, sie drückte Godwis hände an ihr zerrissenes Herz, und fesselte sie mit ihren langen schönen Haaren, dann sanken ihre Blicke, und sie entschlummerte zu seinen Füssen.

Violette sprach wenig, aber sie bat mich, sie umzubringen. "Liebe Violette, ich kann dich nicht zweimal ermorden," sagte ich, "gehe mit mir nach haus, und wohne bei mir, ich will den Förster und Flametten auch mitnehmen."

Sie begleitete mich zu dem Förster, ich bot ihm meine Dienste an, er zog gerne mit mir in ein friedliches Land, und wir wohnten mehrere Monate ruhig miteinander. Flametta war so geworden, wie meine Leser sie schon kennen; Violette aber ward nicht wieder froh, aber sie war wie ein Engel; alles Vortreffliche, was sie in wilden Flammen der leidenschaft geopfert hatte, gab der Himmel ihr in mildem strahlenden Glanze wieder. Sie ging nicht von meiner Seite, und als der Frühling wiederkam, reichte ich ihr meine Hand, und fragte sie, ob sie ewig mein sein wolle. –

Kein Priester verband uns, aber auch das Leben nicht, die Liebe war es allein

und da es Morgen wurde, fand ich sie nicht an meiner Seite, ich suchte sie im ganzen haus. –

Im Garten sass sie zwischen den Blumen und sang:

Ihr hübsch Lavendel Rosmarin,

Ihr vielfarbige Röselin,

Ihr stolze Schwertlilgen,

Ihr krause Basilgen,

Ihr zarten Violen,

Und dich Violette,

Euch wird man bald holen,

Hüte dich, schöns Blümelein! –

Ich glaubte, sie scherze, und sang: "Es ist ein Sämann, der heisst Liebe." – Aber sie kannte mich nicht mehr. – Bald starb sie, – wo sie jenen Morgen sass, steht jetzt ihr Grabmal. – Maria ist heute morgen gestorben; er wollte einige Minuten vor seinem tod, da er sich sehr heiter fühlte, noch auf der Laute spielen, aber seine Krankheit, die, wie ich erzählt habe, eine Zungenentzündung war, war in eine Herzentzündung übergegangen, der Schmerz ergriff ihn plötzlich sehr heftig, er liess die Laute fallen, und sie zerbrach an der Erde. –

Er starb in meinen Armen