1801_Bretano_008_158.txt

möglich, wenn ich nicht selbst zu grund gehen wollte, ich hatte mich zuerst zu retten.

Man soll hier nicht denken, als habe mich mein Leben mit der Gräfin um seiner selbst willen gereut, nichts weniger, aber ich fühlte, dass dies freie Leben einen Charakter annehmen wollte, und darüber erschrak ich.

Die freie Luft ist wohltätig, aber eine gebundne Unbändigkeit, die mich mit Zügellosigkeit zügelt, ist das Verderblichste und alles Gute geht dadurch zu grund.

Achtunddreissigstes Kapitel

Als ich zu haus eintraf, fand ich Kordelien sehr krank, und sie starb bald darauf in der freien Luft, unter der Eiche, am hinteren Eingange des Haines, der das Jägerhaus umgiebt; sie hatte sich dort hinbringen lassen. –

Ich war auf dem Gute, als sie starb, denn meine Gegenwart war ihr auf dem Jägerhause beschwerlich. – Als ich sie einige Tage vorher besuchte hatte, reichte sie mir, ohne mehr als einige Worte zu sprechen, einen versiegelten Brief, den ich nach ihrem tod erbrechen sollte.

Sie war während meiner Abwesenheit mehreremal am steinernen Bilde meiner Mutter gewesen, und der alte Anton sagte, er habe sie einmal dort heftig weinend gesehen.

An der Eiche hatte sie nachts oft gestanden, und sie war überhaupt ihr liebster Aufentalt. Sie hatte mehrere grosse Äolsharfen in der Eiche anbringen lassen, und sich besonders mit Blumenzucht und Gesang unterhalten.

Der Jäger sagte mir, als ich auf die Nachricht ihres Todes hinüberging, dass sie ihre stube versiegelt habe, ehe man sie nach der Eiche geführt habe; es sei gegen Abend gewesen, und um sechs Uhr sei sie dort gestorben.

Als ich ihren Brief erbrach, las ich nichts, als dass sie wünschte, unter der Eiche begraben zu werden, und mich beschwor, ihre stube nicht eher zu öffnen, bis ihr Name entdeckt sei.

Sie mochte damals ungefähr vierzig Jahre alt sein; ihre Figur war schlank, ihr Haar schwarz, und ihr Auge lebhaft. In der letzten Zeit ihres Lebens sprach sie beinahe gar nicht. Sie ward unter der Eiche begraben. –

Bald darauf erhielt ich Briefe von meinem Vater aus Italien, der mich aufforderte, ihn zu besuchen, und ich reiste gerne und gleich ab. –

Hier liegt ein Zeitraum von einigen Jahren, die ich in Italien bis zu meines Vaters Tod zubrachte.

Neununddreissigstes Kapitel

Da ich nach Deutschland zurückgekommen war, nahm ich meinen Weg zuerst nach dem Rheine, ehe ich nach meinem Gute ging. Ich fand eine traurige Veränderung, der französische Revolutionskrieg hat seine Verheerungen dort ausgebreitet; die natur war noch dieselbe, aber die Menschen nicht mehr. –

Ich ritt abends mit pochendem Herzen nach dem Schloss der Gräfin; der Weg war aufgerissen, und rings die Weinberge zerstört, das Tor stand offen, wie damals, aber die Torflügel waren zerschmettert, der Hof war mit Gras bedecket; ich rief nach jemand, und ein alter Diener kam mir mit einer Laterne entgegen; ich fragte nach der Gräfin.

"Die ist seit andertalb Jahren tot," war die Antwort, "das Schloss steht unter der Aufsicht ihrer Schuldner; sie ist mit den Franzosen herumgezogen, hat alles zu grund gerichtet, und am Ende musste sie auch sterben." –

Nach Violetten zu fragen, wagte ich nicht; ich fragte, ob er mich wohl heute nacht beherbergen könne; er brachte mich hinauf, nach der nämlichen stube, in der ich den ersten Abend mit der Gräfin gewesen war.

"Das ist die einzige stube, an der noch eine Tür ist," sagte er, "und in Ihrem Mantel können Sie wohl hier auf dem Armsessel schlafen."

Er stellte mir das Licht hin, und verliess mich.

Wie ein Toter, der die Welt nach langen Jahren wieder betritt, ging ich in der stube umher, in der eine fürchterliche abenteuerliche Verwüstung herrschte.

Das Brustbild der Gräfin war mit Degenstichen zerfetzt, und auf eine militairische Art verunreinigt, die Wände waren mit allerlei abgeschmackten Figuren mit Kohlen bemalt, am Boden umher lagen zerrissene Dokumente in Haarwickel verwandelt, in einem Winkel stand ein Gemälde, das sonst auf der Hausflur gehangen hatte, und zwei nackte Weiber vorstellte, die sich um ein Paar Beinkleider schlugen, alle Möbel waren auf eine mutwillige Art zerschmettert, – ich rückte den Armstuhl in die Mitte, setzte meine Füsse auf mein Felleisen, und versuchte zu schlafen, aber es war lange umsonst.

Gegen Morgen erwachte ich, und Gott! wie erschrak ich, als ich zwischen meinen Knien ein halb nacktes Mädchen sitzen sah, das eingeschlafen war. Meine hände, die ich in meinem Schoss liegen hatte, waren mit ihren langen Haaren zusammengebunden.

Ich wickelte mich los, stand auf, ohne sie zu wekken, und betrachtete sie näher, es war Violette, – ich warf meinen Mantel über sie, sie sass auf dem Felleisen, und lehnte den Kopf an das Kissen des Armstuhls. –

Ich trat ans Fenster und sah wieder in dieselbe Gegend, nichts hatte sich verändert, und wie sah es in meiner Seele aus. Wie der Morgen heraufstieg, und es heller wurde, sah ich wieder nach Violetten, aber sie öffnete ihre grossen Augen, schrie laut, und ich fasste sie in meine arme, sie war ohnmächtig; ich setzte mich in den Armstuhl, und hielt sie so von Herzen umarmt, heisse Tränen flossen über meine Wangen, die ganze Vorzeit erwachte um mich, und schlug mich mit schmerzlichen Schlägen