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erwartete, dass Sie mich lieben würden, und da ich eben dieser Liebe meine Mutter aus dem Wege rücken wollte, zeigte ich mich Ihnen in einem unschuldigen Gewande, um Ihnen meine Mutter verhasst zu machen; aber ich konnte mich gegen Ihre einfachen Antworten und fragen nicht erhalten, und Sie wurden, was ich nicht wollte, nur gerührt; ich fühlte selbst, dass ich, als ich von meinem Vater und meiner Mutter sprach, mehr sagte, als ein Kind sagen kann; dennoch konnte ich mich nicht mehr fassen, und redete gradeheraus, wie es mir mein Verdruss eingab; ich war in meinem Leben nicht so wunderbar zerrüttet als an diesem Abend, ich fühlte, wie ich so gar nichts tauge, um zu lügen. – Meine Mutter hatte mich wirklich zu Ihnen geschickt, und ich stellte mich, als ging ich ungern, um ihr allen Verdacht der Eifersucht zu nehmenaber wie ist alles geworden? – Es ist wahr, dass jene Angst in mir war, und ich habe lange gestritten mit der Andacht, aber das ist nicht mehrmeine Mutter kennt mich nicht, sie glaubt mich teils schlechter, teils besser, als ich bin. – Sie haben etwas Fürchterliches in mir hervorgebracht, – ich fasste mich wieder zusammen und wendete mich mit Gewalt zu Gott. – Ich habe die ganze Nacht gebetet und geweint nach jenem Abend, – und als ich Sie am Morgen sah, musste ich mich meiner und Ihrer schämen. – Doch ich muss Ihnen noch sagen, Sie sind nicht zufällig zu uns gekommen, meine Mutter hat Sie aufgesucht, – wir haben Sie auf einem Balle gesehen, und sie entschloss sich gleich, Sie zu besitzen, und auch ich fasste meine kindischen Anschläge. – Ich habe in der letzten Zeit Ihren Missmut bemerkt, und so sehr es mich schmerzte, dass Sie mir aus dem Wege gingen, so sehr war es mir lieb, dass Sie über Ihre Lage zu reflektieren schienen. Ich fühle, dass ich zu grund gehen werde, – ich fühle, dass Sie mir helfen können." – Ich breche hier Violettens Worte ab, die sich immer mehr verwirrtensie konnte bald nicht mehr sprechen, und brach in bittre Tränen aus. –

Meine Verlegenheit konnte nicht kleiner sein als die ihrige, ich fühlte, dass sie auch diese Rede mit einer Standhaftigkeit und einer ernsten Gleichheit reden wollte, der sie, wie jener naiven, unschuldigen Rolle, nicht gewachsen war; ihr armes verwirrtes Gemüt, das mit leidenschaft, Selbstverachtung, und Unschuld, und Vorsatz stritt, – kam endlich zu Tage. –

Dies arme geschöpf war auf eine traurige Weise in die Höhe getrieben wordenich konnte nichts erwidern, denn auch ich stand sehr unwürdig, ja unwürdiger als sie, da

Sie kniete vor mir nieder, und bat mich heftig, sie mitzunehmen, oder sie umzubringen; sie wolle mir wie eine Magd dienen, ich solle sie misshandeln, aber zu ihrer Mutter könne sie nicht zurück. –

Ich fragte sie, ob ihre Mutter wisse, dass sie hier sei, und erfuhr, dass ihre Mutter es nicht wisse, dass sie verreist und sie gleich nach ihrer Abreise hierher gegangen war, um mir alles zu sagen, wie es ihr Gott in den Mund legen würde. –

Ich dachte nun nach, wie ich in der Sache handlen sollte, aber ich fand keinen Ausweg, immer verirrte ich mich in unnütze Betrachtungen, oder ertappte mich auf einer Bequemlichkeit, mich herauszuziehen.

Währenddem war es ganz dunkel geworden, Violette hatte sich mir weinend zu Füssen gesetzt, und meine Hand ergriffen, und wir waren beide in jene dumpfe Sorglosigkeit gefallen, die einen geselligen Schmerz unter so vertraulichen Umständen leicht begleitet.

Ich fuhr auf, denn ich hörte ein Pferd im hof ankommen, ich sah zum Fenster hinab, und es war die Gräfin. –

"Violette! Ihre Mutter", sagte ich bestürzt; "wir müssen uns nicht verraten, Ihr Hiersein wird Sie leicht entschuldigen, sei'n Sie froh und munter, so gut Sie es können, ich will für Ihr Wohl denken." –

Violette sprang von der Erde auf. –

"Gott! Gott!" sagte sie, und ging mit mir ihrer Mutter entgegen. –

Diese war, wie immer, leichtfertig und zierlich gemein, sie scherzte mit Violetten, und freute sich, sie hier zu finden: "Dies ist dein erster Geniestreich," sagte sie, "und ich hoffe für dich." –

Wir brachten den Abend so gut zu, als ich und Violette heuchlen konntender Schlossvogt wies uns einige Stuben zum Schlafen anund wir trennten uns.

Dies war die fürchterlichste Nacht meines Lebens: ich wusste mir nicht anders zu helfen, als dass ich der Mutter einen Brief schrieb, in dem ich ihr alles sagte, was ich empfand, und sie dringend bat, ihre Tochter von sich zu entfernen.

An Violetten schrieb ich auch und suchte sie aufzurichten, und ihren Entschluss zum Guten zu befestigen. Dann ging ich hinab, bezahlte den Schlossvogt, es war drei Uhr des Morgens, und ritt weg. –

Von meiner Reise lassen Sie mich schweigen, ich reiste Tag und Nacht nach Haus und war mehr tot als lebend. Ich zweifle nicht, dass viele meiner Leser unwillig sein werden, dass ich Violetten verliess, jetzt bin ich selbst unwillig darum, aber damals war es nicht anders