war ein kleiner runder Tempel auf fünf Säulen, die voll von den Namen der Menschen standen, die eine solche Minute in ihrem Leben hatten – und wenn unter den vielen Hunderten nur einem zu Mute war wie mir, so sind zwei Menschen hier ruhig geworden, und besser. –
Etwas später ging ich nach einem andern Punkte, einem alten Turme, der auf dem Winkel steht, der den Berg macht und den Punkt bestimmt, auf dem sich der Rhein schnell und heftig wendet.
Die Aussicht ist hier nicht so ergossen, sie ist nicht ein ruhiges, willenloses Meer, das wie ein lebendiges unendliches Element ohne Fortschreiten durch die Grösse schon fern und nah ist. Sie ist tätiger, drohender gegen den Stolzen, umarmender und erwärmender für den Liebenden.
Dort wird man vernichtet, man vergisst sich, und muss trunken ertrinken; hier drängen sich die Berge heran, die beiden Ufer wollen sich die arme reichen oder die Stirne bieten, die Brust der Berge will zusammendringen, um den reissenden Fluss zurückzuhalten, der ihnen hier zu entfliehen scheint.
Dort ist man hingegeben, hier rückt die natur heran, und bietet einem die kräftigen hände, und man rüstet sich im Herzen, die Riesin zu empfangen.
Der alte Turm ist mit einem bequemen saal versehen, der ganz in dem derben Geschmacke jener braven Zeit eingerichtet ist, und auf einem kleinen Pulte am Fenster fand ich das Heldenbuch, und in einem Schranke in der Wand eine schöne Sammlung der neuern Werke, welche die Reste der Poesie des deutschen Mittelalters entalten. –
An die Wand hatte der Graf selbst die Worte geschrieben: "Was waren das für gesunde Menschen, welche solcher natur gegenüber stark warden, die uns heutzutage nur rührt und erschüttert." –
Der Wechsel der Aussicht machte einen sehr wohltätigen Eindruck auf mich, ich war mir hier als ein besserer Mensch zurückgegeben. Ich war dort mit unruhigem Gemüte hinausgesegelt, und hier setzte mich das Meer geprüft und reich ans Land. Ich erkannte hier, wie viel Anteil der Mensch an der natur hat, denn hier, wo alles näher an mich herantrat, sah ich in den eignen Busen, und fühlte, wie ich grösser geworden war, seit wenigen Stunden. –
Der Sonnenuntergang, zwischen den Felsen und Wäldern, war eine Zwischenrede der natur in mein Leben, ich war entzückt, wie ein Heiliger, die Flammen und Gluten brachen sich so geisterisch, so tausendfaltig lebendig, gestaltlos und beweglich in der heftig und rauh gruppierten Wildnis, und das Rauschen des Rheins stieg so mächtig in der allgemeinen Stille, als höre ich das Sieden der flammenden Geister um mich her, die in einem geheimnisvollen feurigen Tanze sich gaukelnd über die dunkeln Wälder und Schluchten hinschleuderten. –
Ich sah mit einer mir noch unbekannten Ruhe zu, wie ein Licht nach dem andern dem Schatten wich, und fühlte, wie sich zugleich im Ebenmasse mein Gemüt veränderte.
Jedem weichenden Lichte zog eine Erinnerung nach, und es schien mir, als bezeichne ich die Stellen, von denen eine Farbe des Glanzes geschwunden war, mit Dingen, die mir lieb gewesen oder noch waren.
Nun war es ganz ruhig, nur glänzte noch die Pforte, durch die alle die Flammen hingezogen waren, und auch diese schloss sich mit der Aussicht –, ich dachte an Violetten, und entschloss mich fest, nicht wieder zu der Gräfin zurückzukehren. – Ich nahm mir vor, graden Weges von hier zurückzureisen, denn ich schämte mich meines Verhältnisses mit der leichtsinnigen Frau, sie schien mir so weit unter mir, und ich konnte nicht begreifen, wie sie mich verblendet hatte.
Hier rief mich ein Diener aus dem schloss zurück, er sagte mir, dass jemand angekommen sei, der mich sprechen wolle. –
Ich ging mit ihm zurück, und fand Violetten; der Gärtner hatte sie auf ihr dringendes Begehren hierher geführt. –
Sie überraschte mich auf eine unangenehme Art, und der gütige Eindruck der natur auf mein Gemüt ward durch sie gewaltsam unterbrochen. –
Als wir allein waren, blieben wir noch lange stumm, bis sie sich mir mit Tränen näherte, und mich um Verzeihung bat, dass sie hierherkomme, um meine Freude zu stören – sie müsse mir Vorwürfe machen, dass ich ihr hülfe versprochen, und sie noch tiefer verstrickt habe.
Sie zeigte mir mit geschämiger Umständlichkeit, wie ich so verderblich für sie mich ihrer Mutter ergeben hätte, wie sie nun ihre Mutter hassen müsse, die ihr ihren einzigen Freund genommen: – "Ach," sagte sie, "Sie selbst sind mir ein peinlicher Gedanke, ich muss immer an Sie denken, und Sie haben mich doch so sehr gekränkt!" –
Ich sprach ruhig mit ihr, und sagte, was ich für wahr hielt, wie ich das alles empfände, und wie ich mich herzlich schämte, mich so hingegeben zu haben; – doch gestand ich ihr auch offen, wie sie selbst einigen teil dran habe, obschon in aller Unschuld, denn ihre Äusserungen gegen mich hätten so zwischen kindischer Naivetät, Frömmigkeit und Sinnlichkeit geschwankt, ihre Reden gegen mich hätten am ersten Abende schon eine solche Unbestimmteit verraten, dass ich oft nicht gezweifelt habe, sie sei eine angehende Koquette, und schon so gut als verloren. –
Violette hörte das alles ruhig an. "Sie haben recht geglaubt," sagte sie, "hätte ich mich nicht in Ihnen betrogen gefunden in jener ersten Unterhaltung, so wäre ich es wohl geblieben; aber ich