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Guten Morgen, Mädchen, war heute nacht dein Schatz bei dir?"

"Ei gewiss!" sagte sie. –

Ich ging über den geräumigen Hof nach dem Garten, und sah unterwegs mit einem seltsamen Gefühle zum Tore hinaus, durch das ich gestern abend in diese neue Welt eingegangen war.

Da ich durch den Garten an einem Seitengebäude des Schlosses hinging, wurden mir aus einem Fenster einige Kränze von Weinlaub auf den Kopf geworfen, und da ich hinaufblickte, sah ich Violetten und Flametten, die sich lachend zurückgezogen. –

Auf der rechten Seite des Gartens war ein grosser Teich, in dessen Mitte ein hoher alter Turm stand; da ich näher hinging, bemerkte ich noch auf der andern Seite des Turms eine kleine Insel, auf der ein weisses, mit Laub umzogenes Häuschen durch dichte Gebüsche hervorsah, aber ich mochte mich nicht in den gebrechlichen Kahn wagen, um hinüberzufahrenich ging deswegen nach dem grossen Gartenhause, das vor mir auf einer Terrasse stand.

Da ich in den Saal trat, erblickte ich einen jungen Kapuziner-Mönch, der mit einem Teller voll Trauben in der Hand essend auf und nieder ging: wir grüssten uns. –

Ich: Guten Morgen, Ihr Hochwürden!

Er: Ich wünsche Ihnen, wohl geschlafen zu haben. –

Ich: Sie geniessen den angenehmen Morgen. –

Er: Ich bin des Gärtners Bruder, und trete manchmal hier ab, wenn mich mein Beruf vorüberführt: Sie sind wohl der Herr, für den das gnädige fräulein die Blumen holte. –

Ich: War es das fräulein, die mir die Blumen brachte? –

Er: kennen Sie sie noch nicht? Sie sagte mir doch, sie habe gestern abend mit Ihnen gesprochen. –

Ich: Ich lag noch im Bette.

Er: So! – Ich habe viel Gutes von Ihnen durch das fräulein gehört.

Ich: Ich nehme immer Anteil an der Familie meiner Freunde.

Er: Sind Sie anverwandt mit der gräflichen Familie? –

Ich: Nein, ich bin der Freund der Gräfin.

Er: Der Gräfin? –

Ich: Wundert Sie das?

Er: Sie verzeihen, Sie müssen mich verstehen; ich vermute, dass Sie der Gräfin sicher das Bessere ratenund besonders in Hinsicht der fräulein.

Ich: Die Gräfin ist Mutter, und eine kluge Frau. –

Er: O, sie ist eine Dame von vielen Gaben, nur etwas weltlich gesinntund das Wohl ihrer Kinder könnte ihr mehr am Herzen liegen. –

Ich: Sie hat mir mit vielem Anteil von Violetten gesprochen. –

Er: Sprechensprechenaber das Kind geht zu Grund! Ich will nicht sagen, als solle sie den Katechismus auswendig können, und alle Heiligen glauben, die Welt ist weiter gegangen, aber die Moral

Ich: Sie scheinen aufgeklärt, das ist selten in Ihrem Rocke.

Er: Sie sind gütig, sollen wir ewig fort in altem Unsinn brüten? –

Ich: nennen Sie die Geheimnisse Ihrer Religion alten Unsinn, Herr Pater? – das ist neuer Unsinn. –

Hier trat die Gräfin herein.

Sie ging auf mich zu und küsste michder Mönch zog sich zurückund die Gräfin wendete sich zu ihm mit den Worten: –

"Ei, Pater Sebastian! sein Sie nicht böse, dass ich Sie nicht auch küsse; ich hätte es wohl getan, aber Sie verdienen es nicht."

Der Mönch sagte beschämt: –

"Frau Gräfin, ich verdiene solche Freundlichkeit nicht, weil sie mein Stand verbietet, aber Ihren Unwillen verdiene ich auch nicht." –

Die Gräfin erwiderte hierauf gelassen: –

"Herr Pater, Sie verderben meine Violette, Sie setzen dem Mädchen Gespenster in den Kopf, und nehmen ihr den schönen teil ihrer Religion, der für Kinder gemacht ist. – Sie geben ihr für die goldnen Früchte des himmels leere moralische Nussschalen, und verführen mein Kind." –

ER: Verführen! Frau Gräfin, das ist ein schändliches Wort. –

SIE: Kein Wort ist schändlich, die Tat ist schändlich! Sie quälen das Mädchen, und fragen sie nach allen sieben Sachen, so dass sie keine Ruhe mehr vor sich hat, und sich allerlei unreif einbildet, was sich reif ausbilden sollteund so rauben Sie ihr ihre Unschuldund verführen sieich bitte Sie daher, dem Seelenheil meiner Violette nicht länger nachzustellen, denn ihre Seele ist gesund, hat kein Heil nötig, und Sie stiften hier wahres Seelenunheilwenn Sie es gut meinten, so kann ich nichts dafür, dass Sie es schlecht machten. – Leben Sie wohl. –

Der Mönch ging weg; – die Gräfin rief den Gärtner und sagte ihm: –

"Er kann heute nachmittag in die Stadt gehen, und seinem Bruder ein Dutzend Schnupftücher kaufen; sage Er ihm dabei, ich und Violette hätten sie gesäumt, und schickten sie ihm zum Danke für seine Bemühungen: aber kaufe Er feine weisse, und bitte Er ihn, Er möge mir zuliebe sich das Tabakschnupfen abgewöhnen, es steht ihm zu seiner feinen Miene und zu seinem hübschen Barte gar nicht gut."

Der Gärtner lächelte und ging weg. –

Ich war über die Heftigkeit der schönen leichtfertigen Frau verstummt, aber ihr munterer Nachsatz an den Bruder des Gärtners tat mir wohl, sie gewann durch diese Szene sehr in meinen Augen. – Da der Gärtner weg war, nahm sie mich bei der Hand, und sagte,