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mich, und doch war ihm meine Gegenwart Qual, und nun bin ich weg und er ist noch nicht getröstet. Ein Geheimnis liegt über meiner Geburtüber meinem Leben soll keines liegen. Ach! es liegen Geheimnisse über dem Menschen, die keiner aufdecken möge. Kein Sturmwind in dem Aschenhaufen des häuslichen Herdes damit die zerstäubte Glut nicht die Säulen des Hauses verzehre. Störe nie die Geheimnisse der Wiegen, damit Reue nicht durch Verzweiflung zur Schande werde. Störe nicht in den Geheimnissen der Grüfte, und decke den Inhalt verlebter Stunden, die wie Särge in dem Gewölbe der Vergangenheit ruhen, nicht auf, dass Verwesung dir den Glauben an die Freuden des Daseins nicht raube. Ich werde nie ein Urteil über Handlungen fällen die ausser meiner Erinnerung und ausser meinem Stolze liegen.

In einigen Tagen reise ich ab von dem Sohne und dem Vater aber Joduno wird noch zuvor mich zu einem Greise bringen, der mit seiner Tochter in dieser Gegend als Einsiedler lebt. Lebe wohl, sage dem Vater, dass ich ihn liebe, und dass es mir wohl ist, und sei nicht böse auf diesen Brief, denn ich liebe dich sehr.

Otilie Senne an Joduno von Eichenwehen

Herzlichen Dank, meine Liebe, für deinen Brief, in dem du wieder meine liebe heitere Freundin warst. Deine Worte sehen ganz aus wie du, du glaubst nicht, wie sie mir wohltun. Wenn meine Worte so aussähen wie ich, so würdest du gewiss bald herüberkommen, denn ich fühle mich seit einiger Zeit einsamer als je, und nie war mir das Leiden meines Vaters und sein geheimnisvolles Benehmen trauriger. Ich weiss nicht, wer von uns beiden sich verändert hat, er oder ich! Bin ich anders geworden, und bemerke ich jetzt erst, dass unerklärbare Dinge, die immer um uns her wandeln, unsere Neugierde und unsere Teilnahme nie ganz einschläfern können, wenn wir denken und selbst fühlen? Oder ist mein Vater so anders geworden, so viel trauriger, dass durch ihn mir sein Kummer jetzt so sehr auffällt? Ich wünschte es nicht, sonst wäre er unglücklicher geworden, und dann müsste mich die sorge plagen, dass er durch irgend etwas in mir leide, denn er sieht ja keinen andern Menschen. Du glaubst nicht, wie sorgfältig ich mich und mein ganzes Betragen beobachte, wie ich meine augenblickliche Freude erdrücke, um ihm näherzustehen, und wie sehr ich mich bemühe, mein ganzes Dasein, das ihn so sehr liebt, an ihn zu schmiegen, ihn ganz zu umfassen, damit ich die Wunde bedecken muss, die in ihm blutet. Aber auch dies hilft ihm nicht; es scheint mir, als verdopple sich ihm sein Schmerz, wenn er fühlt, dass er in zwei Herzen wohnt. Ich bitte dich deswegen umso mehr, bald herüberzukommen, denn über dir ruht jener freundliche und milde Schimmer der Freude, der auch weinenden Augen wohl tut. Bringe ein paar freundliche Lieder mit, wir wollen sie zur Ziter spielen. Mein Vater, dessen Freund und Tröster immer seine Harfe war, und dessen traurige Lieder so gern auf den Wogen der Musik hinwegschweben, ist vielleicht fähig, auf demselben Wege die Ruhe wieder in seinen Busen aufzunehmen. Ich liebe dich herzlich, und will auch deinem sonderbaren Freunde gut sein, wenn er so gut ist, wie du ihn malst. Du hast eine ganz eigne Empfindung für ihn, die ich gar nicht kenne, und wenn ich in deinem Briefe lese, wie du an ihn denkst und von ihm sprichst, so ist mir immer, als müsste er ein Weib sein, und müsste dich schon einmal gekannt oder mit dir gespielt haben, und dies sonderbare Gefühl, dass er ein Mann ist und du doch so von ihm sprichst, macht mich sehr neugierig auf ihn. Vielleicht wird er meinem Vater gefallen und ihn zerstreuen. Er dankt dir für den Wein. Froh ist uns nicht dabei geworden; er ist so des Kummers gewohnt, dass selbst seine festlichen Tage durch ihn gefeiert werden. Den Abend vor seinem Geburtstage war er ganz sonderbar heiter, er erzählte mir viel von meiner Mutter, von seiner Liebe zu ihr, von seinem glücklichen, eintrachtsvollen Leben; und da er mir erzählte, dass sie bei meiner Geburt starb, und mich weinen sah, so kniete er vor mir nieder und sprach, indem er seine gefaltenen hände auf meine Knie stützte, in der heftigsten Bewegung: "liebes, gutes Mädchen, ich habe viel mit dir verloren, und du hast mir viel gegeben, du bist ein sehr gutes Kind, und doch muss ich ewig beweinen, was ich ewig vermisse, und was ich nicht lange besessen habe. Es tut mir weh, sehr weh, dass ich dich immer mit mir leiden sehe aber es ist gut, denn so werde ich früher sterben, so werde ich eher Ruhe finden. Wenn ich auch tot bin, so wird es dir nicht fehlen, denn ich habe manches Gute getan, damit du von meiner Ernte, die ich kaum mehr reif sehen werde, glücklich leben könnest. Verzeihe mir, es ist nicht recht, dass ich dir in deine Jugend traurige Gestalten sende, vielleicht wirst du dich später, aber wahrer freuen als die andern Menschen. Ich kann nicht heiter sein, mein Leben war Verlust, mein Tod wird mein erster Gewinn sein, ihn werden meine Freuden begleiten, sie gehören ganz dir, und ich werde nur die mit dir teilen, dass ich dir