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als ein langweiligeres Glauben, das einen erst mit einer kleinen Reihe von Schlüssen hinhalte, ehe es einen glauben lasse, denn endlich müsse man doch glauben, was man wisse.

Das allererbärmlichste Aberwissen sei, die unbefleckte Empfängnis für einen Aberglauben zu halten; wer denn irgend eine Empfängnis wisse? und dieses sei grade der Punkt, wo der Mensch recht überführt werde, dass alle Seligkeit nur Glauben ist, und kein Bewusstsein, und nur der sei ein Ketzer und Freigeist, der bei der Empfängnis noch denke, und sich selbst besitze, denn jeder fühle das Wissen erbärmlich, der aus solchem Glauben kehre.

Sie bete oft, weil sie ein Weib sei, und wer nicht sinnlich sei, habe keine Religion, und eine Religion, die nicht sinnlich sei, habe keine Menschen.

Sie sei eine Heidin, habe viele Götter, und auch Heroen, alle jung, kräftig, und in der Liebe menschlich.

Die Heiligen könnten sie so ziemlich rühren, aber sie hätten keine Religion, wären nichts als angehende Philosophen, welche die Liebe bestritten, die sie nicht bestreiten könnten, das heisst, der sie nicht gewachsen wären.

Der Gott der Katoliken sei zu geistig, und substanzlos, und ohne die Menschwerdung gar nicht da; aber es sei keine rechte Menschlichkeit in der Menschwerdung, es sei nichts als eine Allegorie auf Leben, Gedanken und Wort, eine Lehre, die zum Lehrer geworden.

Jeder Gedanke sei eine unbefleckte Empfängnis, und jedes Wort eine Menschwerdung.

Doch sei die katolische Religion keine Religion des Lebens, sondern eine Religion der Auferstehung und Erinnerungder untergegangenen herrlichen Welt der Götter und Menschen werde in ihr ein festliches Totenopfer gebracht.

Die protestantischen Religionen seien nicht gottlos, aber heillos, denn sie duldeten keine Heiligensie seien keine Religionen, sondern bloss bequemliche Anstalten, keine Religion zu haben, – Konsistorien, wo keine Liebe mehr sei, um die Ehe zu unterstützenauf Noten gebrachte Ehescheidungen zum AbsingenReligionen für Eunuchen, Amphibien und Hermaphroditen. –

Die christliche Religion werde vor dem Leben zu grund gehen, die heidnische aber werde länger sein als das Leben, weil sie Leben und Tod umfasse.

Einmal rief sie aus:

"Ach, arm ist der, der nur im tod selig wirddie Erde sei ein Jammertal! – Ich stehe auf den Bergen und bin glückselig, denn der lebt nicht, dessen Haupt nicht im Himmel steht, auf dessen Brust nicht die Wolken ruhen, dem die Liebe nicht im Schosse wohnt, und der Fuss nicht in der Erde wurzelt. Mein Haupt steht ewig im Himmel, und klage ich, so hören es die Götter allein, dass mir keine Liebe im Schosse wohnt, und wohnt mir die Liebe im Schosse, so sehen nur die Götter meines Auges Andacht, weiter wird die Welt, denn mein Busen hebt den Himmel höher, und die Erde drängt sich bebend unter meinen regen Füssen zusammen." Sie bekehrte mich, aber ich glaubte nichts, als dass sie ein schönes, reizendes Weib sei, da die Decke des Zimmers sich öffnete, und eine dämmernde AlabasterLampe niedersank, und der Glauben bald das Wissen besiegt hatte. –

An den Leser

Die Krankheit meines Freundes nimmt zu und ist mir um so schmerzlicher, als sie boshaft ist. – Sie hätte keine unglücklichere Stelle erwählen können, um ihn mir noch bei seinem Leben zu rauben, sie hätte keine glücklichere Stelle nehmen können, um die letzten Ergiessungen seines liebevollen Herzens gegen mich zu hemmen. – Es ist eine bösartige Zungenentzündung, an der ihm das Band mit allen seinen Freunden erlahmt. – Ich versichere seine menschenfreundlichen Leser, dass ich viel Schmerz an seinem Lager ertrage, und oft gerührt bin, wie sehr er das Publikum achtet. Er schrieb mir gestern mit Tränen Folgendes an die Schiefertafel, die neben seinem Bette hängt, damit er sich deutlich machen kann, und ich kann nicht umhin es Ihnen mitzuteilen, weil ich fühle, wie sehr sich sein Charakter hier ans Licht stellt, und wie die Worte eines mit Ruhe dem tod entgegensehenden jungen Mannes sicher die Verleumder zum Schweigen bringen werden, die sein reines fühlendes Herz und sein aufrichtiges frohes Gemüt hie und da zu beschmutzen suchen – o diese Zungen sind giftig und entzündeter als die meines Freundes! O dass sie die Krankheit erlähme! die mir das freundliche Gespräch meines Maria raubt. Zugleich bitte ich den Leser, die Darstellung meines Lebens zu entschuldigen, ich bin nicht geübt, vor das Publikum zu treten, und es verhindert mich auch der Anteil, den ich an meinem Freunde nehme, an grösserer Aufmerksamkeit auf meinen Stil. –

Godwi

"Was mich mehr drückt, als meine Krankheit, ist der Rückblick auf ein fruchtloses Leben; – mit dem vollen fröhlichen Mute des Jünglings habe ich versäumt, eine Spur zurückzulassen, dass ich da war: – ich wusste nicht, dass der Tod meiner Jugend schon folgen werde, ich hätte sie sonst geschmückt und Künste gelehrt, damit ihm eine freudige Braut geworden wäre; dann hätte Sie der schöne Kranz am Wagen erfreuen sollen, der jetzt ungeschmückt die tiefen Gleisen mit mir hinschleichen wird, die wir mit Recht die Runzeln unserer alten Mutter Erde nennen dürfen. –

O! hätten mich die Menschen besiegt, wäre ich im Kampfe um hohen Preis überwunden, so würde man mich mit dem Sieger nennen, und sein Wert wäre mein Grabstein und drückte mich nicht. – Aber das Leben hat mich besiegt, nicht mich