Freude gekauft hätte.
Ich verhielt mich während ihren Äusserungen ganz leidend, und eben dadurch schien sie mir einigemal wahr zu werden: die Verse, die sie von dem Totenliede: "Es ist ein Schnitter, der heisst Tod", sang, sang sie nicht ohne Rührung, und ihr Übergang auf das Lied: "Es ist ein Sämann, der heisst Liebe", war er vielleicht auch nicht ganz ohne Vorsatz, war doch sehr artig. –
Was sie von ihrem Streit in der beichte erzählte, war der Punkt, der mich eigentlich zuerst aufmerksam machte: ein unschuldiges Mädchen kann nicht von der beichte reden, und ein Mädchen von funfzehn Jahren streitet nicht mehr so kindisch mit ihrem Gemüt, oder sie müsste in der reinsten Umgebung gelebt haben.
Alle diese Betrachtungen begleiteten mich, und verdarben mir sogar ihre Küsse, indem sie ihrem ganzen Plan ungetreu recht herzlich und mit Bewusstsein küsste.
In dieser Verwirrung fand mich ihre Mutter, die ich mit einigem Unwillen behandelte, aber sie war nichts weniger als so verwirrt und widersprechend wie das Mädchen.
Ich fand in ihr ein leichtsinniges und fröhliches Weib, mit einer Freiheit ohne Grenzen, die doch nicht ins Gemeine fiel. Sie hatte gar keine Absicht als zu leben, und lachte alle meinen Unmut hinweg, dabei nahm sie in ihrem Raisonnement so tollkühne Flüge, dass es eine Lust war, sie anzuhören.
Das Mädchen hatte sie aus reinem Mutwillen herübergeschickt, und da ich ihr vorstellte, wie ihr Kind zu grund gehen würde, machte sie die Einwendung, dass das Mädchen so sinnlich sei, dass sie sich an der ganzen schönen Welt festalten werde; auf dem festen Boden der Sinnenwelt gehe niemand zu grund, und wenn Violette nur einmal aus den Schwärmereien komme, so werde sie recht glücklich werden.
Sie äusserte dabei ganz wunderbare Ideen über Religion, und verlor sich in einen Strom von Phantasien, dass sie mich wirklich ergötzte.
Violette, behauptete sie, sei bei weitem nicht so unschuldig als sie selbst, und was das Mädchen von ihrem Streite mit der Andacht vorbringe, sei alles eine Folge davon, dass sie nicht recht beten könne.
So bisarr mir alles das schien, so behauptete sie es doch mit einer trotzigen Lustigkeit, und hatte sich ordentlich ein kleines System erraisoniert. Ich will ihre Äusserungen so getreu hierherschreiben, als ich mich ihrer entsinne, denn mich mit der Gräfin selbst redend einzuführen, wage ich nicht gern, da ich einer langweiligen Beschreibung ihres ganzen Betragens dabei nicht ausweichen könnte, und doch in die Gefahr kommen dürfte, nicht verstanden zu werden, oder mich der Beschuldigung auszusetzen, als suche ich meine Schwachheit zu entschuldigen, indem ich ein heftiges frevelndes Weib als ein bloss mutwilliges schwärmendes hinstellte. –
Es schien allerdings, dass sie einst in einer ähnlichen Verwirrung wie Violette gewesen sei, und nur ihre Erfahrung aus ihr sprach, wenn sie sich über diesen Zustand ihrer Tochter so kalt zeigte.
Sie war im strengsten Katolizismus erzogen, und Violetten hatte der verstorbene Graf ebenso erziehen lassen. Sie führte ihre eigne jetzige Lebensart, ihre Fröhlichkeit und Freiheit trotz aller Umgebung, auf ihre Religion zurück, denn sie sagte, diese habe ihr den ersten Antrieb zu allem gegeben, und der einzige Missgriff in ihrem Raisonnement war der, dass sie sich in der Religion voraussetzte, da sie doch die Religion in sich annehmen musste, wenn sie je welche wollte gehabt haben.
Es ist mir leid, dass ich alles das nicht so scherzend und so lustig ernstaft sagen kann, denn sie parodierte sich selbst in jeder Minute, überraschte mich plötzlich mit einem Kusse, wenn ich Einrede tun wollte, und war ich darum unwillig, so fuhr sie so patetisch fort zu predigen, bis ich lachen musste, und war dabei so beweglich, dass sie bald aufsprang, ihre Bilder selbst vorzustellen, bald sich so schnell wieder niedersetzte, dass sie mir einigemal etwas unsanft begegnete, dann bat sie mich sehr zärtlich und kindisch um Verzeihung, und das alles war so rasch und bunt hintereinander, dass ich ein freudiges, reizendes, freies Weib sein müsste, und mir gegenüber ein junger mehr ungeduldiger, als gesetzter Mann, wenn ich es so hinstellen sollte, wie sie es tat. –
Sie behauptete:
Der sinnliche Mensch werde erbärmlich, wenn er, wie man es nimmt, tugendhaft würde, denn er übe dann Tugenden, die von seinem ganzen Leben verachtet würden. Er müsse sich zwingen, und werde eben dadurch lasterhaft, denn er gäbe, um zu leben, endlich die Tugend hin, und schweife, um sich zu trösten, nach Prinzipien aus.
Religion sei nichts als unbestimmte Sinnlichkeit, das Gebet ihre Äusserung.
Andacht sei es, wenn man nicht mehr als Mensch bete, wenn man als Weib oder Mann bete; doch könne der Mann es nie zur Andacht bringen, weil das Menschliche das Männliche bei ihm überwiege.
Der schlechteste Moment im Leben sei, wo weder Jungfrau noch Jüngling recht wisse, woran sie seien, und ein verderblicher Streit zwischen Glauben und Wissen sich erhebe; in diesem stehe Violette.
In der Religion sei es ebenso, es komme den Menschen heutzutage eine boshafte Lust an, sich ihrer selbst zu bemächtigen, um sich zu befreien, aber nur der sei ein Sklave, der sich selbst besitze, nur im allgemeinen wäre Freiheit, und in der person die höchste Tyrannei.
In diesem schlechten Momente höre der Mensch auf zu glauben und meine, Wissen sei etwas anderes