ist ein trauriges Lied, Violette", sagte er. –
"Traurig? es ist ja ein Ernte-Lied – ich kann auch ein Lied vom Säemann, das fängt an –: Es ist ein Säemann, der heisst Liebe –."
Godwi küsste das Mädchen, sie erwiderte es freundlich, aber es war kein Kuss, der sich getreu blieb, er verweilte so lange, dass die Gemüter sich wechselten, da klingelte es –.
"Ich muss nun fort, Lieber," sagte Violette, "die Mutter klingelt, ich gehe jetzt schlafen, – ich werde von Ihnen träumen."
Godwi führte sie an die Tür, und sie umarmten sich innig. –
Aber die Tür ging auf und die Mutter trat herein. – Die Tür ging auf, der Arzt trat herein. Ich soll mich ruhiger halten, nicht soviel schreiben, sonst sei seine Mühe umsonst, – grade das Gegenteil, wenn ich gar nicht schreibe, wird seine Mühe umsonst sein, denn ich werde ihn nicht bezahlen können.
Es kränkt mich sehr, dass wegen meiner Krankheit Flametten ihre Komödie verdorben ist, sie ist schon zweimal bei mir gewesen – um zu sehen, ob ich bald gesund sei – und um mich zu erlustigen, sagte sie mir Stücke aus ihrer Rolle her. – Das Spiel heisst "Vertumnus und Pomona", und die Erfindung ist recht artig, – Flametta gefällt sich sehr als spröde Pomona. – Um ihren Garten, der mit hohen Zäunen umgeben ist, liegen zweihundert Zwerge, zwölf Riesen, fünfunddreissig Satyren, zwei Dutzend Faunen, dann noch Pan und Priap und Hanswurst. Alle diese zusammen halten ein grosses Geschrei, machen ihr die Kur, und werben um sie, oder prügeln sich untereinander; Hanswurst ist des Vertumnus Nebenbuhler, beide können sich verwandeln, und können allein in den Garten kommen.
"Das Teater", sagte Flametta, "wird mein Garten sein, der ringsum mit hohen Hecken umgeben ist, und ich habe immer alle hände voll zu tun, die Freier abzuwehren; bald stehe ich mit einem Äpfelhaken da, und schneide den Riesen die Nase ab, wenn sie herübergucken, und wenn die Zwerge unten durchkriechen, treten sie in Fuchsfallen, da nehme ich sie dann, stecke sie in die Erde, inokuliere ihnen Äpfel und Birnen, und sie wachsen wie Zwergobst. –
sehen Sie," sagte Flametta, "so lautet meine erste Szene. –
Und was ich treibe, was ich tue,
Ich komm doch nimmermehr zur Ruhe,
Meine Schönheit ist so weit bekannt,
Dass die ganze Welt in mich entbrannt.
Aus dem Tale und über die Berge,
Kommen Riesen, Satyren und Zwerge,
Viele hundert Waldteufel und Faunen –
Es ist ordentlich zu erstaunen,
Wo sich die Leute her beschreiben,
Zu Haus können sie sich doch nicht gleich
auftreiben.
Ich kann kaum den Himmel mehr sehen,
So muss ich täglich den Zaun erhöhn –
Dass mich die plumpen Riesen
Nicht gar zu tod niesen,
Wenn sie mit ihren grossen Perucken
Über den Zaun herübergucken. –
An der tür ist ein ewiges klopfen,
Und ich kann nicht genug Löcher zustopfen,
Dass nicht die Zwerge hereinschlüpfen,
Die draus wie Frösche herumhüpfen. –
Von den vielen Seufzern wird die Luft verderben,
Und meine Bäume wollen schon absterben;
Ich mag noch so viel faule Äpfel hinausschleudern,
Das hilft nichts bei den mancherlei Bärnhäutern."
Das hatte sie recht lustig deklamiert, und ihr lautes Sprechen hatte einige von den Mennoniten ans Fenster gelockt.
"Sie sehen," sagte sie, "da sind die bärtigen Waldmänner wieder", da warf sie einige Äpfel auf die Zuschauer, und lief mit den Worten fort:
"Nun werden Sie nur gesund, – ich halte es nicht länger bei kranken Leuten aus." Godwi besuchte mich heute abend, er hatte selbst weiter geschrieben, und las mir vor, wie folgt. –
Vierunddreissigstes Kapitel
Alles, was Violette gegen mich geäussert hatte, war sich so ungleich, und wendete so schnell zwischen Heftigkeit und Geschämigkeit; was sie von ihren Eltern erzählt hatte, war so wenig die Rede eines ganz unschuldigen Mädchens, ihr ganzes Betragen ergriff mich so schnell, und stiess mich so leicht wieder zurück, dass ich in einer wechselnden Bewegung während ihren Worten bald Mitleid, bald Unwillen empfand.
In jedem Falle musste ihre Mutter ein höchst wunderbares Weib sein, und ohne allen Charakter, das Mädchen hätte sonst nimmer so schwankend sein können, und ich entschloss mich fest, diesen Ort schnell wieder zu verlassen; aber es gelang mir nicht.
Ich entschloss mich schon in einzelnen Augenblikken meines Gesprächs mit Violetten dazu, denn ich befand mich in einem widrigen Streite von Lust und Schonung. Sie webte ihre Tränen, ihre Naivetät und ihre frevelhaften Reden über ihre Mutter so verwirrt durcheinander, und in ihrem Betragen dabei erschien die Lüsternheit und Heftigkeit so durch Blödigkeit und Unerfahrenheit gestört, dass mir es sehr abgeschmackt zu Mute war. Ich konnte sie nicht bedauren, und nicht liebenswürdig finden, und dabei war ich doch so gespannt und gereizt durch meine ganze Lage, dass ich wünschte, das Mädchen wäre nicht so, und ergäbe sich ohne Prätension ihrer und meiner Freude.
Ich hätte mich gerne bemühet, ihre Verwirrteit für sie und mich zu lösen, aber ich fürchtete mich vor irgend einem Hinterhalt, der mir hier gelegt sein und mich zu einer Verbindung zwingen könnte, die mich ewig zum Sklaven um eine kurze