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Sieh, Vater, der kleine Hund tanzt'; da stiess er mich mit dem fuss, dass der Hund schrie, und ging zur tür hinaus. –

Das anderemal, dass ich mir ihn ganz vorstellen kann, ist das letztemal, er sass auch hier und hatte mich auf dem Schosse; er war still, und ich las in einem buch; meine Mutter sass dort auf dem stuhl am Bette, und zog lederne Beinkleider ansie wollte spazieren reiten, – er sah dann und wann traurig nach ihr hin, und da sie es bemerkte, hielt sie ein, und sagte fragend, 'Eh bien?' –

'Ich freue mich über Ihre schönen Beine, Madam.' – 'Das ist sehr freundlich und gut gemeint', sagte sie. –

'Alle Bauern und Bürger freuen sich auch drüber', fuhr mein Vater fort, – 'das ist ein Beweis von Sinn', erwiderte die Mutter – 'und der Säckler von Mainz', versetzte der Vater, 'hat auch Sinn, denn er erzählt allen Domherren von Ihren Beinen, und das ganze Rheingau hat Sinn, denn jeder sechzehnjährige Bursche, der Sie reiten sieht, sagt: ich will ein Säckler, ein Hosenschneider werden, wenn die Gräfin sich neue Beinkleider machen lässt.'

'Ja,' sagte sie, 'das ganze Rheingau hat Sinn; aber Sie sind ein Sonderling, und streben nach dem Gegenteil', da knallte sie mit der Peitsche, stellte sich vor den Spiegel, kam zu meinem Vater, und sagte, indem sie ihm die Wange hinbot: 'Embrassez votre petit Cavalieradieu!' und war zur tür hinaus. –

Mein Vater schwieg still, ich knöpfte ihm die Weste auf und zu, – 'Vater,' sagte ich, 'warum hast du denn eine so weite Weste an?' – 'Mein Kind,' sagte er, 'das kommt von Kummer und Sorgen, die Eltern haben immer viel zu sorgenund davon wird man mager, und die Kleider werden zu weit'; – ich sagte – 'wenn ich nähen kann, will ich dir eine Falte hineinlegen', – da ritt meine Mutter lustig zum Tore hinaus und der Jokei mit ihr. – 'Sieh, was deine Mutter lustig reitet', sagte mein Vater, – da setzte meine Mutter mit dem Pferde über den Schlagbaum, und Friedrich hinterdrein, und fort waren sie um die Bäume herum; – 'die wird so lange über die Schranken setzen', sagte mein Vater, – 'bis sie den Hals zerbricht' – und ging weg." –

"Das sind lauter traurige Sachen, meine Liebe" – sagte Godwi – "aber erzählen Sie fort."

"Mein Vater starb bald darauf, – und die Mutter war nicht sehr traurig. – Friedrich lebte auch nicht mehr lang, er war immer nach meines Vaters tod um die Mutter herum gewesen. – Da er krank war, kam die Mutter nicht von seinem Bette, und da er tot war, musste ich einen Kranz von Rosen flechten, den setzte sie ihm auf; – er ist in unserm Garten begraben, und über dem grab ist ein Gartenhäuschen erbaut, in dem die Mutter oft von fremden Herrn besucht wird. – Das Leben geht nun immer so fort, ich habe wenig Freude, auch lerne ich nicht viel: für mich allein, wenn ich sehr traurig bin, schreibe ich manchmal meine Gedanken auf und zerreiss es dann wieder. Meine kleine Schwester heisst Flametta. Man sagt, sie sei Friedrichs Kind, und meine Mutter liebt sie sehr. – Ich bin immer allein, und denke über meine Mutter und mich." –

"Was denken Sie denn von Ihrer Mutter und von sich?"

"Von meiner Mutter? Warum niemand mit ihr umgeht, warum die Leute sagen, sie habe keinen guten Ruf, warum ich gar keine Mädchen sehe, – und von mir, ach! da denke ich immer in die Zukunft, und muss manchmal ausrufen: es wird kein gut Ende nehmen! Und dann weine ich. – Sagen Sie mir, was ist das nur?" –

Hier nahm sie Godwi bei der Hand, trat mit ihr ans Fenster: er hatte sie umschlungen, und ihre Wange lehnte an der seinigen, es war ihm sehr wohl, und sehr bang. –

Der Mond stand über der ruhigen Gegend, und wusste nichts von des Kindes Schmerz, und seiner Rührung, – da sang Violette mit ihrer freundlichen stimme folgende Verse eines katolischen Liedes.

Was heute noch grün und frisch dasteht,

Wird morgen schon hinweggemäht,

Die edlen Narcissen,

Die Zierden der Wiesen,

Die schön Hiazinten,

Die türkischen Binden.

Hüte dich, schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ungezählt,

Was nur unter die Sichel fällt,

Ihr Rosen, ihr Lilien!

Euch wird man austilgen,

Auch die Kaiser-Kronen

Wird man nicht verschonen,

Hüte dich, schöns Blümelein!

Das himmelfarbne Ehrenpreis,

Die Tulipane gelb und weiss,

Die silbernen Glocken,

Die goldnen Flocken,

Sinkt alles zur Erden,

Was wird daraus werden?

Hüte dich, schöns Blümelein!

Ihr hübsch Lavendel, Rosmarin,

Ihr vielfarbige Röselin,

Ihr stolze Schwertlilgen,

Ihr krause Basilgen,

Ihr zarte Violen,

Euch wird man bald holen. –

Hüte dich, schöns Blümelein! –

Godwi hatte dem kindischen Totenliede schweigend zugehört – – "Das