und liebenswürdig geblieben sein länger als die meisten, um das Rettungsmittel der Moral anzuwenden, da sie nicht zu grund gegangen war?"
"Es klingt paradox," sagte ich, "aber es ist doch wahr: wer zur Wollust geboren ist, und sie nicht übt, führt ein recht lasterhaftes Leben. Es ist nichts Unkeuscheres als ein recht sinnliches Mädchen, das keusch ist, und eine Violette, die sich bekehrt, verliert ihre Unschuld. Der Staat aber ist nur auf eine Gattung eingerichtet, und besteht aus sehr schlechten Menschen, weil ein teil gut und der andere schlecht werden muss, um tugendhaft zu sein, wie es der Staat will –".
"Doch siegte das schlechte gute Prinzip in ihr, und sie schickte mich weiter. Wie ich zu Joduno und dann zu Otilien kam, wissen Sie.
Es bleibt mir noch etwas zu lösen, es ist die Erscheinung der weissen Frau mit dem kind im Arm, die Sie im ersten Bande Seite 157 so unerklärt erscheinen lassen; es ist niemand anders gewesen als die Engländerin, die ihren Pflegling Eusebio besucht hatte, ohne mir doch begegnen zu wollen. Sie trennte sich eben im wald von ihm: als ich mit Otilien auf die kleine Wiese hervortrat, hielt sie ihn in den Armen, und was Sie, mein lieber Maria, zu den stillen Lichtern gemacht haben, ist nichts anders gewesen als eine kleine Handlaterne, mit der sie Eusebio zu ihrem Wagen zurückbegleitete –."
Einunddreissigstes Kapitel
"Der Mann, welcher sich bei meinem Vater aufhielt," fuhr Godwi fort, und von dem ich Ihnen schon gesagt habe, dass er Annonciatens Bild, wie auch das von Marien und Wallpurgis, malte, war Franzesko Firmenti, wie Sie wissen.
Er war in London in einem Irrenhause von seiner Verrückteit geheilt worden. Wie er hingekommen sei, wusste er nicht, und da er wiederhergestellt war, wollte er nach Deutschland, um eine gewisse Dame aufzusuchen, die, wie er sich erinnerte, an dem Todesbette seiner Frau gesessen habe; – wie sie hiess, konnte er sich nicht entsinnen.
An meinen Vater war er empfohlen worden, und arbeitete bei ihm, während dieser sich umsonst bemühte, jene Dame auszukundschaften.
Ein glücklicher Zufall führte ihn endlich: er wollte, Franzesko sollte ihm Molly malen, nach einem kleinen Gemälde das er noch aus jener Zeit besass. Franzesko erkannte Molly, und da ihm mein Vater ihren Namen sagte, so war er gewiss, dass sie seine Wohltäterin gewesen war.
Er war nun nicht mehr zu halten, und reiste zu ihr hin. Sie freute sich innig, dem kleinen Eusebio seinen Vater wiedergeben zu können – und freuen Sie sich, lieber Maria, freuen Sie sich", unterbrach sich Godwi. –
Ich fragte ihn verwundert, warum?
"O es gibt nun bald einen herrlichen Zug, eine Völkerwanderung, die uns Luft machen wird! Sie erzählten mir, wie Sie auf dem hohen Berge am Rhein auf einem Baume sassen, und den Zugvögeln glückliche Reise wünschten, solche Zugvögel werden gleich an uns vorüberziehen.
Durch Franzesko kamen Molly und mein Vater wieder zusammen. –
Sie können sich denken, wie ich überrascht ward auf meiner alten Burg, da mein Vater und Molly ankamen, ich kannte alle diese Verbindungen nicht –.
Mein Vater reichte mir zuerst die Hand, da er hereintrat.
"Ich hätte dich nirgend lieber gefunden als hier," sagte er, "wo ich alles wiederfinde", – dann wendete er sich zu Joseph mit folgenden Worten –
"Joseph, ich bin zu alt, um vor dir niederzuknien, und dich um Verzeihung zu bitten, reiche mir deine Hand, meine kann nichts Böses mehr tun, und deine kann noch verzeihen, ich habe schwer gebüsst." –
Der alte Joseph stand ruhig auf, weinte, und umarmte ihn: "Wenn die Folgen sterben," sprach er, "ist keine Ursache mehr."
Otilie stand ruhig neben mir, auch ich stand ruhig –.
"Lieben sich unsre Kinder?" sagte mein Vater zu Joseph. –
Ich umarmte Otilien gerührt, und beide sagten wir ruhig: "Nein." –
Franzesko sass mit seinem kind im Arm stumm in einem Winkel.
"Es fehlt noch einer," sagte Molly zu meinem Vater, "dein Pflegesohn Römer, – wisse, er ist unser Kind! Du hast einen guten Menschen aus ihm erzogen; darum verzeihe ich dir so gern, dass du mich nicht mehr liebtest, als ich ihn gebar." "Nun geht es zu Ende," unterbrach sich Godwi freudig, "nun sind wir gleich auf dem hohen Baume am Rhein, und aller Druck stürzet hinab, wir werden gleich der ganzen fatal verwickelten geschichte los sein, die Zugvögel regen schon ihre Schwingen –."
Ich erhielt von meinem Vater den Auftrag, nach F. zu reisen, Römern vorzubereiten, und ihn dann zurück zu seinen Eltern zu bringen. –
Ich traf ihn aber schon unterweges, und zwar mit Joduno, es war in einem kleinen wirtshaus, nahe bei Eichenwehen.
Wir umarmten uns herzlich, Joduno kam mir freundlich entgegen, und küsste mich; sie sah sehr blass aus, und ich fragte, ob sie krank gewesen sei.
"Römer wird Ihnen alles erzählen", sagte sie; "und ich hörte nicht ohne Rührung von Römer, dass er in seinem letzten Briefe an mich nur zu wahr geweissagt