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so erniedrigt, als es ein Weib je werden kann, die sich nicht hinbietet: sie hatte Kordelien alles vertraut, und diese liess die merkwürdigen Worte fallen:

"Das kenne ich wohl –".

Kordelia konnte ihre Freundin nicht trösten, denn sie wusste, dass nichts trösten kann, wo das Edelste zertrümmert istund zu jener Erhebung des Gemütes, zu der sie selbst sich gerettet hatte, war Molly nie fähig, da sie zu feste durch die Sinne ans Leben gebunden ward –.

Molly verliess nun ihre wohnung nicht mehr, und ihre Trauer bewegte sich in der einförmigsten Umgebung; hätte sie weniger Leben in sich gehabt, sie würde wohl den Verstand verloren habenaber sie sehnte sich dennoch nach Liebe, obschon nicht nach der ewigen; sie bildete neue Reize in sich, die weniger witzelten und herrschten, jenen stummen tiefen Reiz, dem man sich ergiebt wie dem Schlummer an heissen Tagen, und dem man am kühlen Abend rüstig entgeht –.

Sie konnte diese Schwermut nicht bewegen, und war selbst leidend, wenn sie reizte, – dabei ein Bewusstsein bei allem diesem, das sie zur Frevlerin machte.

Ihre Liebe zu meinem Vater war nicht ohne Leben geblieben, sie gebar einen Sohn, (Sie kennen ihn unter dem Namen Römer), und liebte ihr Kind –.

In der Nacht seiner Geburt verschwand Kordelia von dem Landhause, ohne dass irgend eine Nachricht von ihr zu finden war.

Nun war sie ganz allein, und sehr unglücklich: sie schrieb mehreremal an meinen Vater, ohne Antwort zu erhalten, er möge sich ihrer erbarmen; aber von seinem kind meldete sie nichts: sie gehe auf bösen Wegen, schrieb sie, ihre Ehre sei verloren, und sie werde noch tiefer sinken ohne ihn, er möge sie wieder aufrichten; sie erhielt keine Antwort –.

Um der Verzweiflung zu entgehen, zog sie in die nahgelegne Stadt, machte vielen Aufwand, und war eine galante Frau, mit einem armen zerrissenen Herzen.

Man gewöhnt sich an alles, sie gewöhnte sich an den freien Umgang mit Männern, an ihren üblen Ruf und seine Folge, ihren üblen Beruf, sie hörte ihr Leben auf und fing eine Lebensart an.

Sie war also keine exemplarische Frau, aber dennoch eine vortreffliche Mutter: ihr Sohn erhielt die schlichteste reinste Erziehung, von ihr getrennt; jährlich sah sie ihn mehrmal, und wer sie in den Minuten gesehen hätte, wo sie ihn in den Armen hielt, er hätte ihre Lebensart eine Lügnerin gescholten.

So lebte sie mehrere Jahre: ihr letzter Günstling war Carl von Felsen, ein Deutscher; er brannte so heftig für sie, und die schönen Trümmer ihres ehemaligen Gemütes rührten ihn so tief, dass er sie verliess, ohne ihr zu sagen wie er meinen Vater aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen; – er reiste ihm lange nach, denn er hatte keinen festen Aufentalt mehr. –

Molly konnte das plötzliche Verschwinden ihres Geliebten nicht begreifen, und es schmerzte sie um so mehr, da sie den Entschluss gefasst hatte, sich mit ihm zu verbinden, und in ihm ihr unruhiges Leben zu lösen. Einige Monate nach seiner Entfernung besuchte sie ein Mann, den Felsen empfohlen hatte wie seinen einzigen Freund, dieser war niemand als Joseph, der aus Deutschland nun einige Monate weg war –.

In dem Briefe, den er von Felsen mitbrachte, standen folgende Zeilen

"geben Sie diesem Menschen Ihr ganzes Vertrauen; ich hoffe, dass er vieles in Ihrem Herzen wieder erbauet, was ich nicht kenne, und doch vermisse, denn ich liebe Sie: aus seinen Händen empfange ich Sie gern, er soll unser Mittler werden."

Joseph konnte ihr nicht sagen, wo Felsen war, er hatte seinen Brief in London ohne Anzeige seines Aufentalts erhalten –.

Wie Joseph auf sie wirkte, wissen wir aus ihrem Briefe im ersten Bande dieses Romans, Seite 81 –. Sie ging als ein neues Wesen aus seiner Hand hervor, und war entschlossen, einst in Deutschland zu leben, wo er sein werde. –

Joseph reiste nun nach Amerika. Molly harrte und harrte auf Felsen, aber es sollte ihr nicht werden, sich ihm als ein ruhiges entschlossnes Weib zu geben.

Felsen hatte meinen Vater gefunden, hart mit ihm gerechtet, und es kam zum Zweikampf: mein Vater wäre so gerne totgeschossen worden, aber er sollte seinen Gegner töten –.

Molly erhielt diese Nachricht, ohne zu erschrecken; sie sagte nur: "Warum musste dieser sterben, und ich darf leben?" – Denn sie hatte nur gehört, dass er getötet worden sei: da sie aber einen Brief von meinem Vater erhielt: "dass er ihren Geliebten erschlagen habe, und nun sehr gestraft sei für das, was er an ihr begangen habe", wollte sie verzweifeln –.

Mein Vater floh nun nach Deutschland: er hatte sich fest entschlossen, alles in sich zu verschliessen, und ruhig ein neues einfaches Leben zu beginnen.

Sie wissen, was er tat, aus Mariens geschichte; Sie müssen aber noch wissen, warum Joseph ausblieb. Er hatte einen Sturm erlitten, war lange verschlagen gewesen, und fing dann wieder an zu schreiben. – Diese Briefe hat mein Vater aufgefangen, und der Totenschein war falsch. – Als Joseph nach England kam, besuchte er Molly, er fand sie wieder auf ihrem Landhause, mit wenigen Freunden umgeben, und hörte Carl von Felsens Tod durch Godwis Hand. Mit